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Ärger um Schnelltest-Arzt

Gegen einen Görlitzer Hausarzt gehen Beschwerden ein. Ein Vor-Ort-Besuch zum Corona-Schnelltest bestätigen sie.

Vratislav Prejzek am ersten Wochenende beim Pendler-Test.
Vratislav Prejzek am ersten Wochenende beim Pendler-Test. © Danilo Dittrich

Alles in Ordnung, sagt die junge Frau, die vor wenigen Minuten den Abstrich genommen hat. "Negativ", verkündet sie: Ein Schnelltest in der Praxis von MU Dr. Vratislav Prejzek an der Gersdorfstraße in Königshufen. Alles in Ordnung?

Seit dem 18. Januar müssen Berufspendler aus Polen und Tschechien ein- oder zweimal pro Woche einen Corona-Test machen. In kurzer Zeit entstanden mehrere Schnelltestzentren. Auch Vratislav Prejzek bot Schnelltestungen an: an den Wochenenden, 9 bis 13 Uhr.

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Hygienemaßnahmen nicht eingehalten?

Am ersten Wochenende gab es ob der vielen Pendler sogar Verkehrsbehinderungen an der Gersdorfstraße. Außerdem soll das Gesundheitsamt eine Mail geschickt haben, weil wartende Patienten vor der Praxis - die Tests fanden draußen statt - keine Masken getragen und Abstände nicht eingehalten hätten. Daraufhin verlegte Prejzek die Testungen nach drinnen, wie er Radio Lausitz sagte, mit medizinischer Maske, "wir nutzen die Handschuhe und Kittel und die Schutzbrillen. Also ist alles in Ordnung", so Prejzek. "Wir wollen der Stadt Görlitz helfen, dass die Pandemie endlich mal weg ist."

Am ersten Test-Wochenende in Königshufen berichteten Anwohner in den sozialen Medien von Verkehrschaos auf der Gersdorfstraße. Auch das Gesundheitsamt soll sich gemeldet haben.
Am ersten Test-Wochenende in Königshufen berichteten Anwohner in den sozialen Medien von Verkehrschaos auf der Gersdorfstraße. Auch das Gesundheitsamt soll sich gemeldet haben. © Danilo Dittrich

Wenn Journalisten und Polizei weg sind, sehe es aber anders aus, schreibt der Görlitzer Danilo Weise jüngst in einem SZ-Leserbrief. "Mindestregeln bei Hygiene, Gesundheitsschutz und in der Testdurchführung wurden nicht eingehalten." Ein Patient, der anonym bleiben möchte, bekräftigt dies: "Ich habe das Spektakel auch gesehen, selbst den Arzt ohne Mund- und Nasenschutz bei den 'Massen'-Testungen."

Auch unter der Woche würden Pendler-Schnelltests vorgenommen, "in der Praxis seitlich der Anmeldung ohne speziellen Schutz", schreibt der Patient. Als er sich kürzlich ein Rezept geholt habe, "mir wurde Riesen-Angst da drin. Ich fühlte mich wie in einem Geschäft vor der Pandemie." Bereits Anfang Dezember habe er sich gewundert, dass der Arzt sich "in keinerlei Hinsicht" an die Hygienemaßnahmen gehalten habe.

Begrüßung vom Arzt - ohne Maske

Die SZ hat sich selbst ein Bild gemacht: 30. Januar, Mittagszeit. Von einem Ansturm ist nichts zu sehen. Eine Frau mit Kind kommt aus der Praxis, macht kurz Halt zum Händedesinfizieren: Verabschiedet oder auch begrüßt wird man von einem Desinfektionsmittelspender an der Tür. Und von MU Dr. Vratislav Prejzek. In T-Shirt und Jeans steht er im Eingangsbereich, ohne Maske. Eine Mitarbeiterin im Fleecekittel hinter ihm winkt ermutigend heran. Weniger ermutigend, dass auch sie keine Maske trägt. Es geht rechts ab in einen größeren Raum.

Ein Tisch steht dort, Zettel liegen darauf, die Bescheinigung für den "Antigenschnelltest Humasis Covid-19 ag Test". Name und Geburtsdatum sind anzugeben, den Zettel bekommt man am Ende mit dem angestrichenen Ergebnis mit. Kontaktdaten, die bei der Praxis bleiben, sind nicht anzugeben, zumindest in diesem Fall nicht.

Vorher ist ein Mann an der Reihe. In dem Raum, in dem man die Testbescheinigung ausfüllt, wird an diesem Sonnabend auch der Abstrich genommen: Für den Test setzt sich der Mann auf einen Stuhl, zieht seine Maske herunter. Eine Stoffmaske. Am 30. Januar galt in Arztpraxen zwar bereits die Pflicht zur medizinischen Maske, aber besser als nichts - wie bei der Mitarbeiterin, die bei dem Mann den Nasenabstrich vornimmt, eine andere als die im Eingangsbereich.

Der Mann setzt sich auf eine Bank im Raum, um aufs Ergebnis zu warten. Nächster Patient. Auge in Auge: Fleecekittel - ja, Maske - nein. Freie Platzwahl fürs Warten auf der Bank an der Wand. Absperrungen von Sitzplätzen sieht man nicht.

Maskenattest für den Arzt

Ob das nur in diesem Raum so ist und nur an diesem Sonnabend, wo so wenige da sind? Auf eine Anfrage vom Mittwoch vorletzter Woche teilt Vratislav Prejzek zunächst mit, er sei bereit, sich zu äußern, habe aber Zweifel ob der Art der Anfrage, er habe sie an seinen Anwalt gegeben. In einem Telefongespräch sagt er, er wünsche keine Berichterstattung. In einem weiteren Telefonat, er wolle doch ein Gespräch. Es folgt ein langer Mailwechsel, wegen eines Gesprächstermins. Eine Beantwortung der Anfrage schriftlich oder telefonisch lehnt er ab.

Ein Bild aus dem Jahr 2018. Vratislav Prejzek ist eigenen Angaben nach Internist sowie leitender Notarzt. In Sluknov betreibt er seit mehreren Jahren eine Praxis, ebenso in Görlitz-Königshufen.
Ein Bild aus dem Jahr 2018. Vratislav Prejzek ist eigenen Angaben nach Internist sowie leitender Notarzt. In Sluknov betreibt er seit mehreren Jahren eine Praxis, ebenso in Görlitz-Königshufen. © Archiv: Danilo Dittrich

Dafür postete Prejzek auf seiner Praxis-Facebookseite einen Beitrag, in dem er einige Punkte beantwortet: Aufgrund einer chronischen Erkrankung habe er eine ärztliche Befreiung von der Maske. "Diese gilt leider nur in Deutschland, in Tschechien versuche ich so wenig im Kontakt zu anderen Menschen zu sein, wie möglich." Warum er es in Görlitz anders hält? Er teste sich "jeden Morgen früh nach dem Aufstehen vor dem Naseputzen (höchste Virenlast), bis jetzt fing mein Tag immer negativ an."

Tschechien schwer von Corona betroffen

Seitdem die Tests drinnen stattfinden, habe es keine Beschwerden mehr gegeben, schreibt Prejzek. Er habe helfen wollen. Etwa wegen der finanziellen Belastung für die Pendler. An den Sonnabenden habe er in Görlitz rund hundert Tests gemacht, am Sonntag etwas mehr. Im Schnitt würden bei den Schnelltests sieben bis zehn von 100 positiv ausfallen. "Generell sind die Polen deutlich weniger positiv als Tschechen."

In dem Telefongespräch, in dem er eigentlich mitteilen will, er wünsche keine SZ-Berichterstattung, bekräftigt Prejzek, durch die täglichen Tests immer zu wissen, dass er negativ sei. Die Krankenschwestern trügen die Maske, selbst beim Aufräumen, Putzen. Es gebe auch Mitarbeiter, die Angst hätten vor Corona, die Maske gern tragen würden. Beschwerden seitens Patienten ob der Hygienemaßnahmen in seiner Praxis könne er nicht bestätigen. Warum die Person, die sich an die SZ gewandt hat, nicht zu einem anderen Arzt gehe?

Auf Facebook als auch gegenüber der SZ geht er darauf ein, wie andere Medien über seinen "Einsatz beim Kampf gegen die Pandemie" berichteten. Tatsächlich findet man zahlreiche tschechische Berichte über ihn. Auch in der tschechischen Grenzstadt Sluknov betreibt er demnach eine Praxis. Wie etwa das Portal "DenikN" beschreibt, eine Region, die stark von Ärzte-Abwanderung betroffen sei und in der er als "Offenbarung" wirke. In Sluknov richtete Prejzek im Frühjahr eine Corona-Teststelle ein, offenbar die einzige auf weiter Flur jenseits der regionalen Krankenhäuser.

Landesärztekammer verärgert

Auf seinen Facebook-Post erhält Prejzek viel Zuspruch. Die andere Seite: Zum Beispiel auch an Roland Happich, Leiter des Görlitzer Weißen Rings und zuvor über Jahre bei verdi für das Gesundheitswesen zuständig, wurde Kritik herangetragen, "zu der Art und Weise, wie praktiziert wird. Ich empfinde das auch als unfair gegenüber Berufskollegen".

Die Beschwerden bei der Landesärztekammer wegen Ärzten, die sich nicht an Corona-Maßnahmen halten, haben seit Jahresbeginn abgenommen, sagt Sprecher Knut Köhler. Er vermutet, dass das auch mit dem Lockdown zu tun hat. Zu Vratislav Prejzek liege allerdings eine Anfrage seitens des Sozialministeriums vor. Offenbar, nimmt Köhler an, ist dort eine Beschwerde eingegangen, "und der Fall ist an uns weitergeleitet worden."

Einer der Fälle, die ihn besonders ärgern, "wenn Ärzte womöglich guten Glaubens letztlich dennoch ihre Patienten und ihr Personal in Gefahr bringen." Vorsatz wolle Köhler gar nicht unterstellen, verstehe aber nicht, "wenn Ärzte Schutzmaßnahmen noch immer nicht umsetzen."

Die Regeln beim Testen

Tatsächlich könne das Bild in den Praxen unterschiedlich aussehen, etwa da sich Praxisräumlichkeiten in Ausstattung, Aufteilung und Größe oft stark unterscheiden, erklärt Katharina Bachmann-Bux, Sprecherin der KVS, "natürlich unter Beachtung der Allgemeinverfügung und bundesweiten Regelungen." Wichtig für die Tests: Hände desinfizieren, Schutzkittel, möglichst Kopfhaube tragen, Schutzbrille, Einmalhandschuhe. Das seien Empfehlungen, nicht Verpflichtungen - Kontaktdaten etwa müsse der Arzt aber aufnehmen, "damit die Daten an das Gesundheitsamt gemeldet werden können." Auch die Pflicht zur medizinischen Maske gilt seit einigen Wochen in Arztpraxen.

Vratislav Prejzek bietet die Schnelltestungen an den Wochenenden nun nicht mehr in Görlitz an. Auf Facebook begründet er das mit der neuen Teststelle an der Bahnhofstraße.

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