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Krankenschwester im Corona-Stress

Martina Friedländer kehrte mit ihrer Familie vor der Pandemie vom Bodensee zurück. Ein großes Glück. Sonst bekäme sie Job und die Familie nicht unter einen Hut.

Martina Friedländer ist Krankenschwester im Krankenhaus St. Carolus in Görlitz. Zu Hause hilft sie den Söhnen Moritz (links) und Ben beim Homeschooling.
Martina Friedländer ist Krankenschwester im Krankenhaus St. Carolus in Görlitz. Zu Hause hilft sie den Söhnen Moritz (links) und Ben beim Homeschooling. © Martin Schneider

Martina Friedländer ist müde. Gern hätte sie mal einen ganzen Tag nur für sich allein, um auszuspannen. Doch die Zeiten geben das jetzt für die 35-Jährige nicht her.

Martina Friedländer ist Krankenschwester. Sie arbeitet auf der Intensivstation des Malteser-Krankenhauses St. Carolus in Görlitz, in drei Schichten. Zu Hause warten drei Jungs: Ben, fünf Jahre alt, Moritz, sieben und Ehemann Daniel (38).

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Täglich unter großer Anspannung

Schon mit Beginn des ersten Lockdowns im Frühjahr nahm die Anspannung für die Familie zu. Kitas und Schulen geschlossen, die Intensivstation im St. Carolus sah zwar längst nicht so viele Corona-Patienten wie jetzt, aber Krankheiten wie Herzinfarkt und Notfall-Operationen gönnten den Menschen in und um Görlitz keine Pause.

Jetzt, im zweiten Lockdown, steht für Martina Friedländer und ihre 15 Kollegen auf der Intensivstation ungleich viel mehr Arbeit an. "Wir sind zwar gut aufgestellt, stehen aber täglich unter großer Anspannung", sagt die Krankenschwester. Denn die zweite Welle der Corona-Pandemie hat den Landkreis Görlitz fest im Griff. Vor allem viele ältere Menschen sind jetzt auf Intensivstationen zu betreuen. Viele sterben, trotz der intensiven Bemühungen durch Ärzte und Pflegepersonal. Deshalb ist es für Martina Friedländer immer ein gutes Gefühl, wenn Patienten im St. Carolus die Intensivstation verlassen können und auf einer Normalstation weiter betreut werden. "Für viele ist es bis zur Genesung aber meist ein langer und harter Weg", weiß die Krankenschwester.

Kontakte erheblich reduziert

Auch deswegen kann sie nicht verstehen, dass Menschen die Corona-Regeln bewusst missachten, keinen Abstand halten und auf die Maske verzichten. Wie schnell man unverschuldet in eine Quarantäne geraten kann, erlebte Martina Friedländer selbst, als sie während der Herbstferien im Oktober nur kurz einem Geburtstagskind gratulierte. Bei der Feier war jemand mit dem Corona-Virus dabei, Martina Friedländer gehörte zu den Kontaktpersonen, obwohl sie nicht mitgefeiert hatte, und musste in Quarantäne. Alles ging gut für sie aus.

Sie selbst und die Familie schränkten die Kontakte schon zu Beginn des Lockdowns erheblich ein. Kommt sie mit anderen Menschen zusammen, trägt sie eine FFP2-Maske, zum Beispiel beim Einkaufen am frühen Morgen, wenn noch nicht viele Kunden da sind. Es gibt keine Treffen mit den Nachbarn oder der großen Familie in ihrem Wohnort Jauernick-Buchbach, keine Feiern, Weihnachten war nur im kleinsten Kreis. Mit einer befreundeten Familie aus dem Ort teilen sich Friedländers die Fahrten für die Sprösslinge, die in die Schule gehen. Für Moritz gibt es eine Notbetreuung in der Schule, für Ben im Kindergarten, der gleich um die Ecke ist.

Allerdings sind die Kinder nur in der Notbetreuung, wenn die Mutter tagsüber arbeitet. Hat sie Nacht- oder Spätschicht, springen ihre Eltern ein und betreuen Moritz und Ben, bis der Papa sie abholt. Die Eltern wohnen ebenfalls in dem Bergdorf. Ehemann Daniel, der Maurer ist, betreut die Kinder am Wochenende und abends, wenn die Krankenschwester auf Station ist.

Sorgen macht Martina Friedländer die geplante Verschiebung der Ferien. Für eine Woche hat sie Urlaub geplant, eigentlich wollte die Familie in den Winterurlaub. Die Ferienverschiebung bedeutet für die Familie, dass die Eltern zwar frei haben, Moritz aber in die Schule muss. Verschieben kann die Mutter den Urlaub nicht, zu eng gestrickt ist der Dienstplan. Doch gerade für solche Fälle soll es Ausnahmen geben.

An den Aufgaben gewachsen

Für die ganze Familie ist es in der Pandemie nicht leicht. Der Hausbau geriet bereits in der ersten Corona-Welle ins Stocken, weil die Baumärkte geschlossen waren, Baumaterial und Sanitärkeramik beispielsweise nicht pünktlich geliefert werden konnten. Mit reichlich vier Wochen Bauverzug zog die Familie ein. Auch jetzt ist noch vieles zu tun. Aber die Familie hat ihr eigenes Zuhause, in dem sie sich sehr wohlfühlt und darauf wartet, dass der ausziehbare Tisch in der großen, schönen Küche mal wieder Platz für ganz viele Gäste bieten kann.

Martina Friedländer ist zu Hause die Organisatorin. Sie sorgt dafür, dass alles klappt. Sagt an, was die Kinder am nächsten Tag mitnehmen müssen, kontrolliert Hausaufgaben, plant Ausflüge mit den Kindern in den Schnee, wenn sie frei hat. Sie ist sehr angespannt, "aber an den Aufgaben schon gewachsen", erklärt sie mit einem Lachen und denkt daran, dass sie längst Vergangenes aus eigenen Kindertagen wieder hervorholen muss.

"Geometrie hab ich als Schülerin nicht gern gemacht, aber jetzt muss ich Moritz dabei helfen", nennt sie als Beispiel und ist froh, dass es für beinahe alles Erklärungen und Anleitungen im Internet gibt und sie sich belesen kann. "Eigentlich ist das auch für mich eine Bereicherung und ich verbringe viel mehr Zeit mit den Kindern, die ja sonst erst gegen 16 Uhr aus Kita und Hort kommen", erläutert die 35-Jährige.

Kinderbetreuung ist hier viel besser

Gerade das Familienleben ist der Grund dafür, dass sich das Leben der Familie wesentlich änderte. 2002 ging Martina Friedländer - damals noch als Martina Fiebig - zu einem freiwilligen sozialen Jahr nach München, Daniel Friedländer an den Bodensee. Dort schufen sie sich später ein gemeinsames, neues Zuhause, die Kinder kamen. "Es hat uns dort sehr gut gefallen, wir hatten eine tolle Wohnung mit Blick über den See, hatten beide eine zufriedenstellende, gut bezahlte Arbeit, unsere Arbeitgeber hätten viel unternommen, dass wir bleiben", berichtet Martina Friedländer, die auch in Friedrichshafen in einem Krankenhaus arbeitete. Aber das Heimweh war da. Und vor allem fehlten die Großeltern - und Betreuungszeiten in den Kitas, die Beruf und Kinderbetreuung besser vereinbart hätten.

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Im März 2019 kam die Familie zurück nach Jauernick-Buschbach. Diesen Schritt haben beide Eltern nicht bereut. "Corona mit dem Lockdown in Bayern - ich hätte wegen der Kinder zu Hause bleiben müssen, das hätten wir nicht annähernd geschafft", ist Martina Friedländer überzeugt. Jetzt im Lockdown mit Notbetreuung und Unterstützung der Eltern sei es möglich, dass beide berufstätig sein können und Martina Friedländer sogar im Drei-Schicht-System arbeitet. Darüber ist man sicher auch auf der Intensivstation im St. Carolus froh.

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