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Eine Jugend in den 1990er-Jahren

Kristian Szücs hat ein Buch geschrieben, das in Görlitz und Zittau spielt. Mit der SZ spricht er über die Zeit, als junge Menschen kaum eine Zukunft in ihrer Stadt sahen.

Kristian Szücs hat einen Roman geschrieben, der in den 1990ern in Görlitz spielt. Darin erwacht auch das Weinberghaus wieder zum Leben.
Kristian Szücs hat einen Roman geschrieben, der in den 1990ern in Görlitz spielt. Darin erwacht auch das Weinberghaus wieder zum Leben. © Paul Glaser

In seinem Roman "Jan T. Wir feiern das Hier und Jetzt, die Musik, das Leben" gibt der 1980 in Görlitz geborene Autor Kristian Szücs unter dem Pseudonym Krisz Hardy einen Einblick in die späten 1990er: in eine Zeit, als Jugendliche wenig Zukunft in ihrer Stadt sahen, aber dennoch Freude am Leben hatten. Ähnlich wie im Roman des 1994 in Kamenz geborenen Autors Lukas Rietzschel „Mit der Faust in die Welt schlagen“ spielt auch hier der Umgang der Jugend mit der zunehmenden Gewalt von rechts eine Rolle.

Herr Szücs, haben Sie diese Gewalt in den 1990ern in Görlitz tatsächlich so erlebt?

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Vieles in meinem Buch habe ich selbst oder haben Bekannte von mir erlebt, aber vieles ist auch Fiktion. Das Konzert in der Scheune bei Zittau, zu dem nur Neonazis zugelassen sind, oder der Tod eines Jugendlichen nach einer Schlägerei sind frei erfunden. Natürlich gab es damals auch rechte Gewalt in meinem Umfeld, was ich als Jugendlicher aufgrund meines Aussehens und Namens leider mehrfach selbst erfahren musste. Aber wenn man einander auf menschlicher Ebene begegnete, etwa beim Fußball, konnte man immer wieder feststellen, dass wir Menschen mehr miteinander gemein haben, als unsere politischen Einstellungen uns trennen. Insofern möchte ich mit dem Buch keine politische Botschaft vermitteln.

Warum war es Ihnen wichtig, dieses Buch zu schreiben?

Ich dachte mir schon lange, Görlitz gilt als schönste Stadt Deutschlands, es gibt Sagen, zahlreiche Bildbände, Architekturbücher, Reiseführer und Fachbücher, aber Görlitz ist nicht nur eine Filmkulisse. Sondern eine Stadt und Region, die einen lebendigen Alltag hat, die auch für junge Menschen aufregend und lebenswert ist und es vor allem schon immer war. Mir fehlte der Blick junger Leute auf ihr Görlitz, die lustig, wütend, traurig oder glücklich durchs Leben gehen. Das Buch soll einen kleinen Einblick in das junge Görlitz der 1990er geben.

Damals gab es noch keine Sozialen Medien. Ausgehen spielt in Ihrem Roman eine große Rolle. Wie haben Sie Ihre Jugend verbracht?

Ich war nie so der Diskogänger. Es gab natürlich die Linden, die ja jetzt auch hin und wieder offen sind. Auch das Basta, aber das war mir zu heiß, damals waren Gerüchte im Umlauf, dass es dort immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen Linken und Rechten gebe. Wir sind eher durch die Kneipen gezogen, zum Beispiel in der Neißstraße, und haben in der Schwarzen Kunst oder im Acanthus bis spät in die Nacht philosophiert, geträumt, Ideen gesponnen. Oder auch auf nächtlichen Wanderungen durch die Stadt.

Was für Ideen?

Wir „fachsimpelten“ zum Beispiel darüber, das Weinberghaus würde wiederbelebt werden, stellten uns vor, daraus in dieser wunderschönen Lage einen Club zu machen, mit Mittagessen für Ausflügler, wie es noch unsere Eltern kannten, und abends Barbetrieb mit Live-Musik und Chillout-Area. Leider steht es immer noch leer, aber meine Leser können ein bisschen mitträumen.

Die 1990er waren auch die Zeit, bevor jeder ein Handy hatte ...

Ja, und anders als heute hat man sich den ganzen Abend unterhalten, ohne zwischendurch Fotos vom schönen Abend oder vom Essen zu posten oder sich von Nachrichten ablenken zu lassen, weil man ja kein Handy hatte. In meiner Schulzeit haben wir uns tagsüber gesehen und dann verabredet. Und wenn es hieß, 20 Uhr am Treffpunkt, war man auch da, man konnte ja nicht wie heute schnell etwas Neues ausmachen. Als ich dann zum Grundwehrdienst bei der Bundeswehr in Magdeburg war, trafen wir uns immer an den Wochenenden in Görlitz, da gab es ja dann schon E-Mail, um Kontakt zu halten.

Wie haben Sie und Ihre Freunde die Stadt damals wahrgenommen, als es massiv an Lehrstellen mangelte und die meisten Jugendlichen aus Görlitz weggingen?

Es gab Leute, die sagten, nie im Leben würden sie ihre Heimatstadt verlassen. Aber natürlich sah die Realität anders aus. Nur die wenigsten hatten hier wirklich eine Zukunft. Ich denke, viele fühlten sich zerrissen zwischen dieser Liebe zu ihrer Stadt und der Gewissheit, dass man von hier weggehen muss, wenn man seine Lebensträume erfüllen will.

So haben Sie auch selbst entschieden.

Man hatte gar keine andere Wahl. Ich hätte gern bei Siemens angefangen, aber meine Eltern rieten mir ab. Zu unsicher und auch langfristig keine starke Branche. Also zog es mich nach dem Bund ab 1999 nach München, wo ich für die nächsten 15 Jahre blieb und auch meine heutige Frau kennenlernte.

Konnten Sie den Kontakt zu ihren Görlitzer Freunden über die Jahre halten?

Die Treffen wurden seltener, die meisten hat es in die weite Welt verschlagen. Bald trafen wir uns nur noch zu Ostern und Weihnachten. Besonders als dann aus Freunden Familien wurden, schaffte man es noch seltener nach Görlitz. Aber wann immer jemand in die Heimat fährt, meldet er sich bei den anderen.

Wann haben Sie entschieden, in ihre Heimat zurückzukommen?

Wenn wir in Görlitz zu Besuch waren, war es oft schwer, wieder nach München zurückzukehren. Aber als unser Kind zur Welt kam, dachten meine Frau und ich ernsthaft über einen Umzug nach. Denn ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft, unseren Alltag in München zu bewältigen. Wir fanden beide Arbeit und einen Kitaplatz in Görlitz, 2015 zogen wir her und sind sehr glücklich über diese Entscheidung. Viele meiner Freunde haben inzwischen diesen Schritt gewagt und sind wieder in Görlitz, andere überlegen noch.

Wenn Sie das Görlitz Ihrer Jugend mit heute vergleichen, was glauben Sie, wie junge Leute heute ihre Stadt wahrnehmen?

Früher haben viele Jugendliche Görlitz negativer wahrgenommen, vor allem wegen der mangelnden Zukunftsaussichten. „Bloß weg von hier, mindestens bis Dresden!“, hieß es damals. Das ist heute anders. Freie Lehrstellen, Studienplätze und der Fachkräftemangel machen deutlich, dass die Stadt wieder junge Menschen braucht.

Glauben sie, junge Menschen können sich heute wieder mehr mit Görlitz identifizieren?

Die positive Entwicklung der Stadt wirkt sich auf die Stimmung der Jugendlichen aus, das sehe ich an meinen jungen Kollegen. Junge Unternehmer wie in der Jakobstraße machen Mut. Und das Werk I mit der Rabryka, das Kühlhaus, auch das Nostromo, um das gerade heiß diskutiert wird, sind enorm wichtig für junge Menschen, um sich mit ihrer Stadt identifizieren zu können. Ich hoffe, dass mein Buch auch einen kleinen Teil dazu beitragen kann.

Krisz Hardy: Jan T. „Wir feiern das Hier und Jetzt, die Musik, das Leben.“ Hamburg 2020.

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