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Arzt-Nachwuchs aus Ungarn

Benjamin Küßner studierte in Pécs Medizin und bildet sich jetzt in Görlitz zum Hausarzt und Internisten weiter. Spätestens mit 40 will er eine eigene Praxis.

Benjamin Küßner bildet sich am Görlitzer Klinikum weiter. Er gehörte zu den ersten, die mit Unterstützung des Freistaates in Ungarn Medizin studierten.
Benjamin Küßner bildet sich am Görlitzer Klinikum weiter. Er gehörte zu den ersten, die mit Unterstützung des Freistaates in Ungarn Medizin studierten. © Nikolai Schmidt

Benjamin Küßner mag die Stadt Görlitz. Für den 30-Jährigen aus dem Raum Kamenz ist die Stadt zum zweiten Mal Lebensmittelpunkt. Mit 16 Jahren kam er zum ersten Mal hierher, machte am Beruflichen Schulzentrum Abitur. Jetzt bildet er sich als Arzt am Städtischen Klinikum Görlitz weiter.  Benjamin Küßner ist einer der ersten Absolventen, die mithilfe des Freistaates Sachsen ein Medizinstudium im ungarischen Pècs absolvierten. 

Bewerbung auf den allerletzten Drücker

Nach dem Abitur machte Küßner ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus Kamenz und arbeitete im Rettungsdienst. Schließlich wollte er Arzt werden.  Doch die Studienzusage aus Dresden ließ auf sich warten. Von einer befreundeten Krankenschwester erfuhr er von der Möglichkeit, in Ungarn Medizin zu studieren. 

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"Da hatte ich eine schlaflose Nacht", erinnert er sich. "Seit der siebenten Klasse war es mein Berufswunsch, Mediziner zu werden, allerdings mehr im operativen Bereich", erzählt er. Mit dem Studium in Ungarn war eine anschließende fünfjährige Tätigkeit als Hausarzt in Sachsen verbunden. Das war der Hauptgrund für die unruhige Nacht mit vielen Überlegungen.

Am Morgen stand sein Entschluss fest. Küßner sandte umgehend seine Bewerbung ab. Es war der letzte Tag vor Ende der Bewerbungsfrist. Es dauerte nicht lange und er wurde von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KVS) zum Gespräch eingeladen. Schließlich stand er auf einer Liste mit 30 Studienbewerbern, die im ungarischen Pécs studieren wollten. Die Uni selbst wählte 20 aus. Küßner war dabei.

Studierende aus aller Welt und hohe Anforderungen

Im September 2013 zog Benjamin Küßner nach Pécs. Die Stadt im südlichen Ungarn, nicht weit weg von der kroatischen Grenze, war 2010 Kulturhauptstadt Europas und zählt knapp 160.000 Einwohner. Die dortige Universität ist mit knapp 30.000 Studierenden in zehn Fakultäten die größte im Land. An der medizinischen Fakultät studieren mehr als 3.400 junge Menschen aus aller Welt. 

Das gefiel Benjamin Küßner. Mit der Internationalität freundete er sich schnell an. Er lernte Land, Leute und Sprache kennen, obwohl Studiensprache deutsch war. "Die Anforderungen des Studiums waren hoch, es wurde umfassendes, fundiertes Wissen vermittelt", sagt der junge Arzt. Anders als an deutschen Unis, wo man sich seinen Lehrplan sozusagen selbst zusammenstellt, war das Studium in Pècs sehr verschult - es gab feste Lehrstrukturen. 

Mit Ehrgeiz absolvierte Küßner das Studium in der Regelstudienzeit. Für die Studiengebühren kam der Freistaat Sachsen auf, Unterkunft und Alltag bezahlten Küßners Eltern. Mit einer sehr feierlichen Zeremonie schloss Benjamin Küßner im Juni 2019 das Studium mit dem Titel "dr. med." ab. "Mit kleinem d ist richtig", sagt er über den Titel. "Das ist vergleichbar mit dem deutschen Diplom-Mediziner."

Weiterbildung jetzt in Görlitz

Nachdem der junge Arzt Praktika im Krankenhaus Hoyerswerda absolviert hatte und auch dort die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin  begann, setzt er sie seit März im Klinikum Görlitz fort. Gerade erst schloss er einen Ultraschall-Kurs sowie einen in Notfall-Medizin ab. "Ich habe also volles Programm", meint er. 

Doch der junge Mann ist noch nicht am Ziel. "Auf jeden Fall will ich mich zum Facharzt für innere Medizin qualifizieren", sagt er. Spätestens mit 40 will er als niedergelassener Hausarzt und Internist eine eigene Praxis zwischen Hoyerswerda und Görlitz haben. Eine veraltete Hausarztpraxis aufkaufen kommt für ihn aber nicht infrage. "Das ist nicht wirtschaftlich", sagt er. Eine moderne Praxis mit neuen, aktuellen Geräten sei viel besser, vor allem für die Patienten. 

Kleiner Garten als Ausgleich

Doch bis es soweit ist, will Benjamin Küßner noch viel lernen und Erfahrungen sammeln. Am Klinikum Görlitz fühlt er sich dafür bestens aufgehoben. "Ich fand hier ein sehr gutes Team vor und schätze die ärztliche Gemeinschaft", sagt er. "Ich wurde gut aufgenommen, die Hilfsbereitschaft ist groß." Der junge Arzt fühlt sich integriert, die Arbeitszuweisung sei angemessen. 

Trotz des vollen Programms pendelt er täglich zwischen Görlitz und Hoyerswerda, wo er  wohnt. Der kleine Garten an der Wohnung sei für ihn ein Ausgleich zur Arbeit. Auch fürs Radfahren oder Laufen im Lausitzer Seenland bliebe noch Zeit. Und für seine Familie.

Freistaat unterstützt angehende Hausärzte

Benjamin Küßner ist einer der ersten jungen Ärzte, mit denen der Freistaat Sachsen den Mangel an Hausärzten im ländlichen Raum lindern will. Seit 2013 läuft das Modellprojekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“. Dabei werden jeweils 20 Studierende gefördert. Im Gegenzug verpflichten sie sich, nach dem Studium die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Sachsen zu absolvieren und für mindestens fünf Jahre als Hausarzt in Sachsen außerhalb von Leipzig und Dresden tätig zu sein. Der Freistaat unterstützt das Projekt auch für die nächsten zwei Studienjahrgänge und stockt um jeweils 20 Stipendien auf 40 Plätze pro Jahrgang auf. 

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