merken
PLUS Görlitz

Künstler kritisieren "Görlitzer Art"

Seit Juli ist die zweite Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum zu sehen. Bei Kunstkennern kommt sie weniger gut an als die erste 2016/17.

Das "Fenster" von Susanne Hopmann kommt bei Görlitzer Kunstkennern gut an. Einige andere Werke aber nicht.
Das "Fenster" von Susanne Hopmann kommt bei Görlitzer Kunstkennern gut an. Einige andere Werke aber nicht. © Nikolai Schmidt

Das "Fenster" der Künstlerin Susanne Hopmann an der Frauenkirche ist eines der wenigen Kunstwerke der "Görlitzer Art", die Görlitzer Kunstliebhaber für seine Professionalität loben.

Zum Glück hängt es relativ weit oben, sodass es nicht das Schicksal der "Löwen" auf dem Lutherplatz teilen muss, von denen inzwischen bereits sechs fehlen: die Hälfte. Und es wurde mit der Innenstadtgemeinde abgestimmt, sodass es – obwohl es PDS-Plakate zitiert – an der Kirche gezeigt werden kann. Vieles andere aber, das in der Ausstellung "Görlitzer Art" seit Mitte Juli zu sehen ist, kommt nicht gut an.

Anzeige
Romantik pur - zu jeder Jahreszeit
Romantik pur - zu jeder Jahreszeit

Willkommen in einer der romantischsten Städte Deutschlands voll von märchenhafter Schönheit, Leidenschaft und herzergreifenden Geschichten.

Kunstwerke halten nicht, was Tafeln versprechen

Das "T" von Philipp Putzer an der Vierradenmühle zum Beispiel. Die Beschreibung auf dem Schild klingt gut. Da ist von einem Ring aus Bronze die Rede, der die Skulpturen aus Beton verbinde – so werde die Verbindung der geteilten Stadt unterstrichen. Durch die Öffnung der trichterförmigen Skulptur könne man gebückt hindurchlaufen wie durch ein kleines Tor. In der Realität aber: Von Bronze keine Spur, und man kann auch nirgendwo hindurchlaufen.

Das Kunstwerk "T" von Philipp Putzer auf der Hotherstraße.
Das Kunstwerk "T" von Philipp Putzer auf der Hotherstraße. © Ines Eifler

"Offenbar ist hier die Beschreibung des Konzepts veröffentlicht worden", sagt der Görlitzer Künstler Sascha Röhricht, der in der Nähe wohnt. "Aber die Umsetzung ist nicht gelungen." Das Material sei ästhetisch nicht ansprechend, teilweise hänge noch die Plastikfolie vom Guss in den Ritzen des Betons. Überhaupt sei die ganze Ausstellung wesentlich weniger professionell als die erste "Görlitzer Art" der Jahre 2016/17.

Auch der Görlitzer Maler Andreas Neumann-Nochten wundert sich über diese zweite Auflage der Ausstellung von Kunst im öffentlichen Raum, die in Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste in Dresden entstand. "Wenn ich es wohlwollend ausdrücken möchte, dann sage ich, die meisten Werke gehören in den Bereich der experimentellen Kunst", sagt er. "Wenn ich böse sein will, dann sage ich, einiges davon ist Scharlatanerie."

Kunstwerk "Liebesperlen" von Martina Beyer auf dem Görlitzer Marienplatz.
Kunstwerk "Liebesperlen" von Martina Beyer auf dem Görlitzer Marienplatz. © Ines Eifler

Die unprofessionelle Machart des "T" auf der Hotherstraße ist auch ihm aufgefallen. Er vermisse ganz deutlich das Handwerk in der Kunst. "Und die Liebesperlen auf dem Marienplatz könnten auch das Werk eines Dekorateurs sein."

Manches ist nicht als Kunst erkennbar

Die meisten Aussteller seien offensichtlich erst noch auf dem Weg, Künstler zu werden. Nicht jeder, der jung ist und "etwas macht", sei gleich ein Künstler, sagt Andreas Neumann-Nochten. "Albrecht Dürer hat jedenfalls nicht seine Skizzen und Vorarbeiten ausgestellt." Es sei legitim, angehende Künstler auf ihrem Weg zu begleiten, aber dann müsse das in anderer Form geschehen und auch so benannt werden.

Kritisch äußert sich auch Elmar Flammer vom Oberlausitzer Kunstverein. Er habe zwar nicht alle Werke gesehen, die Konstruktion am Konsulplatz zum Beispiel habe er gar nicht als Kunstwerk eingeordnet. "Aber mit der ersten 'Görlitzer Art' ist diese Ausstellung nicht zu vergleichen", sagt er. "Sie hatte damals ein ganz anderes Niveau und war wesentlich anspruchsvoller." Die "Görlitzer Art" könne sich auch mit der Ausstellung für zeitgenössische Kunst "Zukunftsvisionen", die in diesem Jahr versteckt in Weinhübel stattfand, nicht messen.

Das Kunstwerk "Dachstuhl" von Tillmann Ziola und Robert Czolkoß auf dem Görlitzer Konsulplatz.
Das Kunstwerk "Dachstuhl" von Tillmann Ziola und Robert Czolkoß auf dem Görlitzer Konsulplatz. © Ines Eifler

Für Sascha Röhricht, dessen Performancefestival "Streifen" vor wenigen Tagen zu Ende gegangen ist und ebenfalls den öffentlichen Raum bespielt hat, sind nicht nur die Kunstwerke der "Görlitzer Art" weniger ansprechend als vor fünf Jahren. Damals hatten gestandene Künstler und Kunststudenten aus Breslau in Görlitz ausgestellt, etwa das "&", die "Maske", die "Salzkristalle" oder die "Herde". Röhricht bemängelt auch die Organisation der diesjährigen Schau.

Görlitzer Art wird stiefmütterlich behandelt

"Man hat das Gefühl, das ganze Thema wird stiefmütterlich behandelt." Das zeige sich bereits daran, dass die "Herde" vorm Theater zu rosten beginne und schon lange nicht mehr leuchte oder die "Salzkristalle" im Uferpark langsam unansehnlich werden. Auch das Kunstwerk von Bodo Rau an der Altstadtbrücke könne mal einen neuen Anstrich vertragen.

Vandalismus spielte bei Kunst im öffentlichen Raum schon immer eine Rolle, die "Löwen" auf dem Lutherplatz sind inzwischen nur noch zu sechst. Ursprünglich waren es zwölf.
Vandalismus spielte bei Kunst im öffentlichen Raum schon immer eine Rolle, die "Löwen" auf dem Lutherplatz sind inzwischen nur noch zu sechst. Ursprünglich waren es zwölf. © Ines Eifler

Dass bei der neuen Ausstellung erst gar keine Tafeln zu den Kunstwerken angebracht waren, später falsche Beschreibungen darauf standen, auch dass der Streit um die "Kulisse" an der Stadthalle so ausuferte, bis er alles andere überschattete – all das werfe kein gutes Licht auf die Stadtverwaltung. "Als der Kulturservice die erste 'Görlitzer Art' organisierte, lief es besser."

Vor allem aber sei nicht begreiflich, wieso sich die Ausschreibung ausschließlich an Studenten und Absolventen der Hochschule für Bildende Künste in Dresden gerichtet habe. "Warum konnten sich nicht Künstler aus dem gesamten Kulturraum oder zumindest dem Landkreis Görlitz bewerben, wenn es schon 'Görlitzer Art' heißt?", fragt Sascha Röhricht. "Dann hätten sicherlich interessantere Kunstwerke zur Auswahl gestanden."

Offenbar habe man unter relativ wenigen eingereichten Konzepten die neun Kunstwerke auswählen müssen, die machbar erschienen, zwei davon sogar von derselben Künstlerin: Susanne Hopmann hat sowohl das "Fenster" an der Frauenkirche hergestellt als auch "Die Häuser" im Volksbad.

Das "Fenster" von Susanne Hopmann an der Frauenkirche.
Das "Fenster" von Susanne Hopmann an der Frauenkirche. © Ines Eifler

Zur Qualität der Ausstellung hatte sich bereits Kulturbürgermeister Michael Wieler im SZ-Interview nicht geäußert. Er sagte lediglich, sie sei "zurückhaltender" als die erste und dass er sich wünsche, das "Fenster" von Susanne Hopmann möge dauerhaft an der Frauenkirche hängen bleiben. Auch Kai Wenzel vom Städtischen Museum möchte sich nicht so konkret äußern. Er war Mitglied der Jury, die auswählte, welche Kunstwerke die diesjährige Görlitzer Art enthalten solle.

Kunst aufzustellen bedeutet eine Verpflichtung

Aber dass überhaupt Kunst im öffentlichen Raum zu sehen ist, findet er nach wie vor wichtig. "Das hat in Görlitz eine lange Tradition", sagt der Kunsthistoriker. Vom Wappen des ungarischen Königs Matthias Corvinus an der Rathaustreppe von 1488 über die Brunnenskulpturen auf dem Untermarkt, Obermarkt oder später Postplatz bis hin zu bedeutenden Denkmälern wie dem für Demiani am Theater – Kunst im öffentlichen Raum habe die Görlitzer immer bewegt und die Stadt geprägt.

Weiterführende Artikel

Görlitzer Anwohner fühlen sich sinnlos beschallt

Görlitzer Anwohner fühlen sich sinnlos beschallt

Der Lautsprecher auf dem Wilhelmsplatz sendet jede Stunde kleine Botschaften. Mancher fragt sich, was das soll, doch der Künstler hat eine Antwort.

Was von der Görlitzer Art übrig blieb

Was von der Görlitzer Art übrig blieb

Das Kunstprojekt läuft jetzt zum zweiten Mal - mit Diskussionen. Die gab es auch zur ersten Auflage vor vier Jahren. Manches Werk wirft bis heute Fragen auf.

Leider spiele auch Vandalismus, dem die aktuellen Kunstwerke wie schon die von 2016/17 wieder ausgesetzt sind, schon lange eine Rolle. Die Justitia, deren Schwert immer wieder gestohlen wurde, sei dafür nur ein Beispiel.

"Bild und Gegenbild" heißt die Ausstellung in der Görlitzer Frauenkirche, die jetzt das Kunstwerk "Fenster" an der Fassade der Kirche erklärt und dessen Thema fortsetzt.
"Bild und Gegenbild" heißt die Ausstellung in der Görlitzer Frauenkirche, die jetzt das Kunstwerk "Fenster" an der Fassade der Kirche erklärt und dessen Thema fortsetzt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ist im Moment in der Frauenkirche die Ausstellung "Bild und Gegenbild" begleitend zum "Fenster" zu sehen, so soll es auch zu anderen Kunstwerken der "Görlitzer Art" Begleitausstellungen geben. Sie sollen im kommenden Jahr gezeigt werden.

Mehr zum Thema Görlitz