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"Görlitzer Musiktheater wird schlecht geredet"

Theater-Intendant Klaus Arauner war 2019 bereits Mitautor eines Konzeptes zur Theaterzukunft im Kreis. Es kam zu verblüffend aktuellen Einsichten. Und war kostenlos.

Da war die Theaterwelt noch in Ordnung: Die damalige Kunstministerin Eva-Maria Stange übergibt im Februar 2019 den Vertrag über die Kulturpakt-Gelder an Intendant Klaus Arauner.
Da war die Theaterwelt noch in Ordnung: Die damalige Kunstministerin Eva-Maria Stange übergibt im Februar 2019 den Vertrag über die Kulturpakt-Gelder an Intendant Klaus Arauner. © nikolaischmidt.de

Will man Klaus Arauner momentan aus der Ruhe bringen, muss man den amtierenden Generalintendanten des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz/Zittau nur auf die jüngsten Äußerungen von Landrat Bernd Lange ansprechen. Vor Journalisten erklärte der CDU-Politiker am Anfang der Woche, die Geschäftsführung unter Arauner und seinem Zittauer Kollegen Caspar Sawade habe die Fusion beider Theater nicht energisch genug betrieben und vor allem am Standort Görlitz die Einsparmöglichkeiten nicht ausgereizt. In dieselbe Kerbe schlug dann auch noch Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker in einem SZ-Interview.

Wenn also Klaus Arauner von dieser Generalkritik Langes hört, die so auch in dem umstrittenen und von Lange nach wie vor geheim gehaltenen Theatergutachten des Münchner Beratungsunternehmens actori angelegt ist, dann bricht es aus dem langjährigen Görlitzer Theatermann nur so heraus. Das Musiktheater in Görlitz werde bewusst schlecht geredet und gerechnet, um es schließen zu können. Das, so sagt er dann schon mit etwas mehr Nachdruck für seine Verhältnisse, sei schlicht eine "Sauerei".

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Einsparungen haben alle Sparten erbracht

Es sei völlig unklar, wie Lange zu der Einschätzung komme, dass in Zittau gespart wurde und in Görlitz nicht. "Wir sind ein Theater, das vom Landrat zur Fusion bewegt wurde und seine Strukturen über viele Jahre angepasst hat." Dieser Prozess sei nie zu 100 Prozent abgeschlossen. Er brauche auch Zeit, um die Menschen mitzunehmen, die am Theater arbeiten. Aber wer so rede, der würde die Erfolge auf diesem Weg schlecht reden.

Wenn über diese Erfolge niemand spreche, dann macht er es jetzt. Beide Häuser haben gemeinsame Inszenierungen wie "Comedian Harmonists" initiiert, die Zittauer Schauspieldirektorin Dorotty Szalma habe Musiktheaterproduktionen wie die "Dreigroschenoper" inszeniert, die Jungen Konzerte seien eine Kooperation zwischen Schauspiel und Musiktheater, die Tanz-Company käme permanent zum Einsatz bei Schauspiel-Produktionen, auch bei Technik und Beleuchtung gebe es einen gegenseitigen Austausch. "Die Zusammenarbeit der Häuser in Görlitz und Zittau funktioniert sehr gut", ist sich Arauner sicher.

Dass es zu dem Eindruck der unterschiedlichen Sparanstrengungen in Görlitz und Zittau kommen konnte, liege auch an Zahlenspielereien von actori. Einnahmen und Besucherzahlen aus den Jungen Konzerten und dem Weihnachtskonzert würden ausschließlich der Philharmonie zugeschrieben und nicht dem Musiktheater, obwohl die Philharmonie allein diese Konzerte überhaupt nicht bestreitet - bei den Jungen Konzerten kommt sie bei einer von zehn Produktionen im Jahr zum Einsatz, die Weihnachtskonzerte wären ohne die Solisten, den Chor und die Tänzer gar nicht vorstellbar. Dadurch aber sind die Zahlen zu Auslastung, Besuchern und Kosten im actori-Gutachten beim Musiktheater tendenziell zu tief angesetzt. Und: Die Zentralisierung der Verwaltung in Görlitz wird ausschließlich als Ersparnis in Zittau gewertet, weil dort Stellen wegfielen und in Görlitz in der Verwaltung hinzukamen.

Warum brauchte es ein neues Gutachten?

Je mehr solche Details aus dem Gutachten bekannt werden, umso mehr wächst der Druck, dass es endlich veröffentlicht wird. Damit sich alle ein eigenes Bild von den Zahlen machen können. Doch daran denkt in der Kreisverwaltung vorläufig niemand.

Dass es überhaupt zu dem Gutachten kam, wird jedoch immer rätselhafter. Denn kurz zuvor, 2019 legten die Geschäftsführer des Theaters auf Wunsch der Gesellschafter bereits ein Papier vor, das "Optionen der Strukturentwicklung bis 2023" aufzeigte. Es ist 13 Seiten stark. Seine Ergebnisse zeigen auffallend viele Ähnlichkeiten mit dem actori-Gutachten, was die grundsätzlichen Erkenntnisse betrifft. Allerdings kommen die Geschäftsführer zu anderen Schlussfolgerungen.

Zu den ähnlichen Ergebnissen gehört, dass durch Rationalisierungen nur noch wenig einzusparen ist. Actori kommt auf 17.000 Euro, die Geschäftsführer sogar auf jährlich 30.000 Euro. Als möglich erachtete die Geschäftsführung auch die Nicht-Wiederbesetzung von sieben Stellen im Chor, im Malsaal Görlitz, in der Neuen Lausitzer Philharmonie und beim Reinigungspersonal in Zittau. Zur Diskussion stellte sie auch die Abwicklung der Ausbildung. Damals verzeichnete das Theater 25 Lehrlinge. Spart man sich das, käme eine sechsstellige Summe unterm Strich zusammen. Aber wie würde das mit dem Anspruch von Theater und den Gesellschaftern zusammenpassen, für die Region zu wirken?

Auch das actori-Gutachten kommt anderthalb Jahre später zu der Einschätzung: "Die Status-quo- und Benchmark-Analysen haben ergeben, dass durch die Einsparungen der letzten Jahre das Gerhart-Hauptmann-Theater ... bezüglich der Personalausstattung bereits schlank aufgestellt" ist. Und weiter heißt es: "Substanzielle Einsparungen können ausschließlich durch die Schließung einer Sparte oder eines Produktionsstandortes erzielt werden."

Einsparungen listete die Geschäftsführung selbst auf

Bereits Monate zuvor konnte das jeder auch in dem Zahlenwerk der Geschäftsführung nachlesen. Wenn das Musiktheater abgewickelt und nur noch durch Gastspiele ersetzt werde, könnte das im Jahr 2023 Einsparungen von 333.000 Euro erbringen. Wenn das Zittauer Schauspiel abgewickelt und nur noch durch Gastspiele ersetzt werde, könnte das im Jahr 2023 Einsparungen von 349.000 Euro erbringen - mehr als beim Musiktheater. Wenn das Tanztheater abgewickelt und nur teilweise durch Gastspiele ersetzt werde, könnte das im Jahr 2023 knapp 400.000 Euro erbringen. Und wenn man die Neue Lausitzer Philharmonie so weit dezimiere, dass sie nur noch im Operngraben spielt, dann bringe das 2023 rund 1,3 Millionen Euro.

Nur schrieben die Geschäftsführer auch die Folgen dieser Einsparungen auf: Keine Philharmonischen Konzerte mehr, keine Werke mit regionaltypischem Charakter mehr, keine enge Verbindung von Publikum mit seinem Ensemble, kein Tanztheater-Angebot mehr, das vor allem bei einer Zielgruppe zwischen 15 und 30 Jahren besonders hoch im Kurs steht. Das alles würde wegfallen, weswegen Arauner und Sawade schrieben: "Die Umsetzung dieser strukturellen Optionen empfiehlt die Geschäftsführung ausdrücklich nicht". Bei actori liest sich dann zu den Konsequenzen der Schließung des Musiktheaters in Beratungs-Deutsch so: "Gleichzeitig sind negative nicht-monetäre Effekte bei dieser Strukturmaßnahme am stärksten ausgeprägt".

Effektivitätsvergleiche liegen bereits seit 2019 vor

Was actori für eine sechsstellige Summe aufschrieb, liegt den Gesellschaftern, darunter dem Kreis und Landrat Bernd Lange, schon seit 2019 vor - und das Papier von Arauner und Sawade kostete nichts. Verschwand dafür aber auch offenkundig in den Schubladen ganz hinten.

Selbst die Einschätzung, dass das gemeinsame Theater im Landkreis Görlitz effektiv mit den Mitteln umgeht, ist nicht neu. Für die Sondersitzung des Aufsichtsrates des Theaters am 21. Januar 2019 gab es eine Gegenüberstellung von 20 Theatern in Deutschland in öffentlicher Trägerschaft. Die Auswahlkriterien waren beispielsweise die Anzahl der Mitarbeiter, die Orchestergröße, Besucherzahlen und Ausgaben. Und bei allen diesen Kriterien lag das Görlitzer Theater im guten Mittelfeld, bei den Personalausgaben und Honoraren sowie Sachausgaben im unteren Drittel, bei der öffentlichen Finanzierung im Schlussfeld, dagegen im Spitzenfeld beim Verhältnis von eingespielten Einnahmen zum Gesamtetat und bei der Zahl der Veranstaltungen.

Wer das von Arauner hört, versteht langsam, warum im Theater so bitter Klage über die neue Diskussion geführt wird. Auf 20 Millionen Euro haben die Mitarbeiter mit den Haustarifverträgen zwischen 2004 und 2018 verzichtet, weitere 1,25 Millionen Euro seien durch den Abbau von weiteren 30 Stellen zwischen 2013 und 2016 eingespart worden. Und dann, so sagt es Arauner, stellen Leute das Theater wegen Tarifsteigerungen von jährlich um die 300.000 Euro zur Disposition, die in all den Jahren nie einmal auf ihre Gehälter nach dem öffentlichen Tarifvertrag verzichtet hätten.

In welche Richtung will die Politik den Kreis entwickeln?

Arauner könnte das alles egal sein, ab 1. August kann er seinen Ruhestand genießen. Doch ihm ist nicht nur das Theater zu wichtig, sondern eben auch die Region. Er steht damit gar nicht so allein da, wie mancher glaubt. Auch CDU-Kreisvorsitzender Florian Oest und CDU-Landtagsabgeordneter Stephan Meyer sehen das Theater als wichtig an für den Strukturwandel in den kommenden Jahren. Investoren fragen immer auch nach dem sozialen und kreativen Umfeld.

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Die Politik, so ist sich Arauner sicher, muss sich fragen, in welche Richtung sie den Kreis entwickeln wolle und ob dafür das Theater mit eigenem Ensemble wichtig sei und einen Beitrag leisten könne, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn diese Frage mit Nein beantwortet werden kann, dann solle man es schließen. Andernfalls aber, mahnt Arauner, der alle Strukturdiskussionen über die Oberlausitzer Theater der vergangenen 30 Jahre miterlebt hat, muss nach Wegen gesucht werden, um die finanzielle Durststrecke zu überbrücken. In dieser Erkenntnis sieht Arauner die Politiker auf Landesebene schon einen Schritt weiter als im Kreis. Sonst, so sagt er, hätte der Freistaat nicht vor zwei Jahren den Kulturpakt mit den Theatern abgeschlossen, um Teile der steigenden Kosten mitzutragen.

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