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Görlitzer Bibliothek organisiert erstmals Literaturtage

Der Lesesaal der Oberlausitzischen Bibliothek in Görlitz ist vielen bekannt. Doch welche Schätze die Bibliothek birgt, schon weniger. Das soll sich nun ändern.

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Bibliothekarin Karin Stichel hat erstmals Literaturtage in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften vorbereitet.
Bibliothekarin Karin Stichel hat erstmals Literaturtage in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften vorbereitet. © Archivfoto: nikolaischmidt.de

Paul Mühsam war ein Chronist seiner Zeit. Wer etwas über die Zwischenkriegsjahre in Görlitz, aber auch in der Weimarer Republik wissen will, der ist gut beraten, sich in Mühsams zum Teil veröffentlichte Tagebücher zu vertiefen.

Mühsam war in Görlitz als Rechtsanwalt und Notar tätig, und weil er Jude war, auch schnell von den Berufsverboten der Nationalsozialisten nach deren Machtergreifung 1933 betroffen. Zwar glückte ihm rasch die Auswanderung mit der Familie nach Israel, wodurch ihm ein ähnliches Schicksal wie seinem Cousin Erich Mühsam erspart blieb, der 1934 im KZ Oranienburg ums Leben kam. Doch glücklich wurde Paul Mühsam im Nahen Osten nicht, ihm fehlte der Austausch mit seinen alten Bekannten, die deutsche Kultur und Sprache.

Steffen Menzel im historischen Lesesaal der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in der Görlitzer Altstadt.
Steffen Menzel im historischen Lesesaal der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften in der Görlitzer Altstadt. © Pawel Sosnowski
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Bis zu seinem Tod 1960 aber schrieb Mühsam Essays und Gedichte auf Deutsch. Ein Teil seines Nachlasses befindet sich in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften (OLB) in Görlitz. Seine Tochter Else Levi-Mühsam, die in den 1990er Jahren Ehrenbürgerin der Stadt Görlitz wurde, übergab Tagebücher, gedruckte Gedichtbände, Essays und Aphorismensammlungen ihres Vaters, meist in der Erstausgabe, der Görlitzer Bibliothek.

Auf diesen Schatz machen OLB-Leiter Steffen Menzel und Karin Stichel, wissenschaftliche Bibliothekarin in der OLB, zu Beginn der erstmals stattfindenden Literaturtage in der Bibliothek aufmerksam. Karin Stichel hat die Veranstaltungsreihe konzipiert, sie sich um Identität, Vorurteile und Vorbehalte dreht.

Am kommenden Montag führen beide zunächst durch den historischen Lesesaal der Bibliothek, was immer eine besondere Sehenswürdigkeit ist. Der Lesesaal zierte schon viele Kalender und diente auch als Werbemotiv. Anschließend führen sie in das literarische Werk und das Menschenbild Mühsams ein. „Alle Werke durchzieht ein zutiefst humanistischer und toleranter Grundtenor", erklärt Steffen Menzel, "und im Werben um Verständnis für Andersdenkende sah Mühsam die Hauptaufgabe seines literarischen Schaffens.“

Auch Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarcuk besichtigte schon einmal den historischen Lesesaal. Das war 2015, als sie den Brückepreis in Görlitz verliehen bekam.
Auch Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarcuk besichtigte schon einmal den historischen Lesesaal. Das war 2015, als sie den Brückepreis in Görlitz verliehen bekam. © Pawel Sosnowski

Dieses Thema wird vier Tage später bei einer szenisch-musikalischen Lesung mit der bekannten Interpretin Julia Boegershausen und den Musikern Susan Joseph (Klarinette) und Benedikt ter Braak (Klavier, Elektronik) nochmals vertieft.

Nach diesem Auftakt werden die Literaturtage dann im November und Dezember fortgesetzt. Die Bibliothek will sich mit der Veranstaltungsreihe den Besuchern als lebendiger und spannender Ort zeigen „Es gehört zu unserem Auftrag, die Werke regionaler und lokaler Autoren zu sammeln und bekannt zu machen“, sagt Karin Stichel. „Eine große Rolle spielt für uns als öffentliche Bibliothek auch die Vermittlung des literarischen Kulturerbes der Oberlausitz und Niederschlesiens, das reichhaltig in unseren Beständen und Nachlässen zu finden ist. Einem breiten Publikum Lust auf Dichtung des Barock oder der Aufklärung zu machen, beispielsweise Werke von Leopold Schefer, Friedrich von Uechtritz als auch von Paul Mühsam oder Arno Schmidt näherzubringen, das ist unser Ziel.“

Termine:

  • 24. Oktober, 11 Uhr, Oberlausitzische Bibliothek, Handwerk 2, Führung durch den historischen Lesesaal und Einführung in das Werk Paul Mühsams. Eintritt frei.
  • 28. Oktober, 19 Uhr, Johannes-Wüsten-Saal, Barockhaus Neißstraße 30: szenisch-musikalische Lesung mit Texten von Lessing und Mühsam sowie Musik von Karol Rathaus und Mieczyslaw Weinberg. Eintritt: 12 Euro (10 Euro ermäßigt), Karten an den Museumskassen.
  • 18. November, 19 Uhr, Oberlausitzische Bibliothek, Handwerk 2, Autorenlesung mit Roman Israel. Eintritt frei
  • 10. Dezember, 15 Uhr, Barockhaus, Neißstraße 30, "Wos fersch Herze" - weihnachtliche Lesung mit Texten und Gedichten Görlitzer, Oberlausitzer und schlesischer Autoren. Eintritt: 8 Euro (ermäßigt 4 Euro für Kinder).