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So viel Yvonne Reich gab es noch nie

Die Sopranistin singt seit vielen Jahren am Görlitzer Theater. Im neuesten Solostück sind die Parallelen zu ihrem eigenen Leben besonders groß.

Die Opernsängerin Yvonne Reich spielt zurzeit die Rolle einer früheren Theaterdiva im Solostück "Diven sterben einsam" am Gerhart-Hauptmann-Theater.
Die Opernsängerin Yvonne Reich spielt zurzeit die Rolle einer früheren Theaterdiva im Solostück "Diven sterben einsam" am Gerhart-Hauptmann-Theater. © André Schulze

Eine erfahrene Schauspielerin, die auf eine Vielzahl geliebter Rollen zurückblickt und sich nun langsam mit dem Ende ihrer großen Zeit auseinandersetzen muss – das ist Jane Purcy Mulligan. Eine erfahrene Opernsängerin, die zahlreiche große Rollen gesungen hat und sich vor ein paar Jahren schon fast von ihrer Künstlerlaufbahn verabschieden wollte – das ist Yvonne Reich. 

So menschlich wie nie zuvor

Im aktuellen Stück des Gerhart-Hauptmann-Theaters "Diven sterben einsam", spielt die Görlitzer Sopranistin die um einiges ältere Diva Purcy, die wütend ist auf die Theaterwelt, in der sie allmählich vergessen wird. Die sich erinnert an Regisseure, die ihre Machtposition gegenüber Schauspielerinnen ausnutzen. Die einsam ist, weil ihre Garderobiere, ihre engste Vertraute, nicht mehr lebt. Die von Wodka, Männern und anderen Rauschmitteln spricht, aber deren Garderobe ein Relikt aus der Vergangenheit ist, weil ihr Theater längst geschlossen wurde. 

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Yvonne Reich als alternde Theaterdiva Jane Percy Mulligan.
Yvonne Reich als alternde Theaterdiva Jane Percy Mulligan. © Artjom Belan

"Es gibt durchaus künstlerische und private Parallelen zu mir", sagt Yvonne Reich, die in diesem bewegenden Stück so authentisch und so menschlich wirkt wie nie zuvor. Inszeniert hat es der früher in Zittau engagierte Schauspieler, Regisseur und Publikumsliebling Stephan Bestier. "Dennoch ist Purcy für mich vor allem eine Kunstfigur, die ich auf der Bühne spiele." 

Dort imitiert sie Sätze eines Regisseurs: "Kommt von der Schauspielschule und bekommt keinen ordentlichen Satz raus!" Oder: "Bis zur Premiere hast du fünf Kilo runter." Verletzende Sätze hat auch Yvonne Reich, die heute über 50 ist, schon hören müssen. "Aber nur vereinzelt und von verschiedenen Personen." Auch sei man im Musiktheater weniger solchen Machtdemonstrationen ausgesetzt. "Schauspielerinnen erleben das häufiger als Opernsängerinnen."

Lieber an kleinem Theater als unter großem Druck

Auch wie schwierig es für eine Frau ist, die an vielen Abenden auf der Bühne steht, privates und berufliches Glück zu verbinden – das klingt im Stück an und damit kennt sich Yvonne Reich aus. "Ich war alleinerziehend, als meine Tochter Kind war", sagt sie. "Ohne die Unterstützung meines Vaters hätte ich nicht arbeiten können." Für den Beruf auf eine eigene Familie zu verzichten kam für Yvonne Reich aber nie infrage: "Ich wollte immer Kinder." Genau das war auch ein Grund für sie, an einem kleineren Theater in einer Stadt wie Görlitz arbeiten zu wollen. 

Während Purcy im Stück bedauert, nie an einem der großen Häuser engagiert gewesen zu sein, sagt die Görlitzer Sängerin: "Ich möchte dem Druck einer großen Bühne gar nicht standhalten müssen." Die Konkurrenz sei in Großstädten inzwischen riesig und damit auch der Druck. Sie habe es schon immer geliebt, für ein vertrautes Publikum zu singen, die Zuschauer in der Stadt zu treffen und sich über die Inszenierungen des Theaters austauschen zu können. 

Opernsängerin – ein schwerer Beruf

Was Purcy und Yvonne Reich verbindet und was auch hinter der Traurigkeit der Bühnenfigur steckt, ist die große Liebe zum Theater. Beide Frauen brennen für ihren Beruf und wissen, dass Kunst ein Ventil für die Sorgen und Ängste der Menschen ist. "Ich wollte immer nur spielen", ruft Purcy auf der Bühne, "seit ich vier war." Auch Yvonne Reich war noch ein Kind, als sie begann, davon zu träumen. "Ich kam immer singend von der Schule nach Hause", erinnert sie sich. Mit zehn stand sie zum ersten Mal auf der Bühne in ihrer Heimatstadt Plauen. Seitdem wusste sie, das ist ihre Welt. 

Inzwischen weiß sie auch, dass ihr Beruf ein schwerer Beruf ist. "Man muss es schaffen, sich trotz aller Schwierigkeiten, denen Theater ausgesetzt ist, die Leidenschaft dafür zu erhalten", sagt sie. Aus ihrer Studienklasse übten nur noch drei ihren Beruf bis heute aus, alle anderen hätten ihn aufgegeben. "Man muss offen für Neues sein, immer wieder Veränderungen wagen", sagt Yvonne Reich. 

Von der Bühne in die Politik und zurück auf die Bühne

Das sagte sie auch 2014, als sie Gesamtbetriebsrätin im Theater wurde. "Damals dachte ich, dass ich nicht mehr auftreten werde, aber es kam doch anders." Als Stadt- und Kreisrätin (Bürger für Görlitz) spürte sie irgendwann, dass ihr die Kunst fehlte, und trat 2018 nicht wieder zur Wahl im Theater an. 

Inzwischen hat Yvonne Reich in einigen Stücken fast allein auf der Bühne gestanden. Unter anderem als Zarah Leander, als Marlene Dietrich, als Hildegard Knef. "Aber 'Diven sterben einsam' ist am anspruchsvollsten", sagt sie. In den bisherigen Stücken habe es immer wieder Erholungsphasen gegeben, mal ein Solostück des Pianisten oder einen Dialog mit einem Gegenüber. Im neuen Stück aber ist sie – außer in der Pause – durchgehend gefragt. Das erfordert hohe Konzentration. 

Yvonne Reich als Jane Percy Mulligan in deren Garderobe auf der Bühne.
Yvonne Reich als Jane Percy Mulligan in deren Garderobe auf der Bühne. © Artjom Belan

Vor allem aber ist es ungewöhnlich, dass eine Sängerin die Hauptrolle in einem Schauspielstück übernimmt. Zwar singt Yvonne Reich auch mehrere Songs, aber wichtiger ist hier, dass sie die Diva Purcy überzeugend spielt. Das gefiel sogar den Mitgliedern des Zittauer Schauspielensembles so gut, dass sie Yvonne Reich nach der Premiere in ihre Reihen aufnahmen: "Glückwunsch, Schauspielerin!" Ein Kompliment, das Yvonne Reich sehr freute. 

Und auch das Publikum war am Freitag und Sonnabend begeistert. Die Sympathie des Publikums trage enorm dazu bei, dass sie gern auftrete, sagt Yvonne Reich. "Und die Zuschauer sollten immer wissen: Diese Liebe beruht auf Gegenseitigkeit." 

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