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Kleine Fortschritte beim Kulturerbezentrum in Görlitz

Die Dreifaltigkeitskirche in Görlitz soll selbst das wichtigste Objekt des neuen Zentrums mit einer Schau über Jacob Böhme werden. Über den wird in Görlitz wieder mehr nachgedacht.

Um 1430 entstanden, stammt eine mittelalterliche Wandmalerei in der Dreifaltigkeitskirche noch aus der Zeit der Franziskanermönche. Kunsthistoriker Kai Wenzel kennt sich damit aus.
Um 1430 entstanden, stammt eine mittelalterliche Wandmalerei in der Dreifaltigkeitskirche noch aus der Zeit der Franziskanermönche. Kunsthistoriker Kai Wenzel kennt sich damit aus. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Betritt man die Dreifaltigkeitskirche durch den Eingang am Obermarkt und bahnt sich einen Weg durchs Gestühl bis unter die Empore, kann man sich den früheren Kreuzgang noch vorstellen. An der Decke eines Kreuzgewölbes sieht man eine Schar von Engeln tanzen und mit Flöten, Lauten, Glocken und Harfen musizieren.

Dieser "Engelsreigen" stamme noch aus der Zeit, als Franziskanermönche hier im Mittelalter ein Kloster betrieben, sagt der Kunsthistoriker Kai Wenzel, der sich intensiv mit der Geschichte der Dreifaltigkeitskirche beschäftigt hat und als Mitarbeiter der Städtischen Sammlungen auch an der Entwicklung des Konzepts für das künftige Kulturerbezentrum Jacob Böhme mitwirkt.

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Engel verbinden Ursprung der Kirche mit Böhme

Dass dieses Zentrum, das die Jacob-Böhme-Ausstellung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden beherbergen wird, in einer Kirche entsteht, könnte mancher als Widerspruch empfinden. Denn Böhme konzentrierte sich ganz auf die tiefe, mystische Verbindung zwischen Mensch und Gott, die auf ein Kirchengebäude nicht angewiesen ist. Die Franziskaner hatten diese Vorstellung zwar nicht. "Aber auch sie haben sich mit Mystik und der Versenkung in Gott beschäftigt", sagt Kai Wenzel. Und sowohl für die Franziskaner als auch knapp 200 Jahre später für Böhme spielten Engel als Vermittler zwischen Gott und Mensch eine große Rolle.

Das Engelfresko von etwa 1430 an der Decke der Görlitzer Dreifaltigkeitskirche. Bis heute kommt die Engelshierarchie in einem Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert vor, das auch Jacob Böhme kannte.
Das Engelfresko von etwa 1430 an der Decke der Görlitzer Dreifaltigkeitskirche. Bis heute kommt die Engelshierarchie in einem Weihnachtslied aus dem 16. Jahrhundert vor, das auch Jacob Böhme kannte. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Matthias Paul, Pfarrer der Evangelischen Innenstadtgemeinde und damit "Hausherr" in der Dreifaltigkeitskirche, sagt, im Quempas, dem Kirchenlied "Den die Hirten lobeten sehre und die Engel noch viel mehre" aus dem 16. Jahrhundert, werde die Hierarchie von Engeln, die sich auf der Erde widerspiegele, bis heute in der Weihnachtszeit besungen: im Evangelischen Gesangbuch als Lied Nummer 29, im katholischen Gotteslob als moderne Nachdichtung unter 240.

"Auch wenn Jacob Böhme die Dreifaltigkeitskirche vielleicht nie betreten hat – dieses Lied hat er mit Sicherheit gekannt", sagt Pfarrer Paul. So könne man eine Linie von der Frömmigkeit der Franziskaner über das Weihnachtslied zu Jacob Böhme und bis heute ziehen.

700 Jahre Baugeschichte in nur einem Gebäude

Vor gut einem Jahrhundert, 1909/10, wurde die Dreifaltigkeitskirche restauriert, wobei die Engelsmalerei – ein Rest der ursprünglichen mittelalterlichen Ausmalung – freigelegt und stark ergänzt wurde. Dass sie im Zuge der Umgestaltung der Kirche zum Kulturerbezentrum denkmalgerecht restauriert werden solle, kündigte nun der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler an, als er zu Medienvertretern über die Neuigkeiten rund um das Zentrum sprach.

Inzwischen stehe fest, dass die künftige Dauerausstellung auf drei Säulen stehen solle: der Darstellung des materiellen Kulturerbes, der reichen, lückenlose Bebauung der Stadt Görlitz mit Gebäuden vom Mittelalter bis zum Plattenbau; der Darstellung des geistigen Erbes durch die Jacob-Böhme-Ausstellung, die bereits in Städten wie Amsterdam oder Coventry auf Görlitz aufmerksam machte; und der Sichtbarmachung des Reichtums, den die Dreifaltigkeitskirche selbst bietet. Hier ist innerhalb eines einzigen Gebäudes Görlitzer Architekturgeschichte vom 13. bis ins 20. Jahrhundert nachvollziehbar.

So macht Kai Wenzel auf zwei Säulen aufmerksam, die in einem Teil des Chorraums links vom Eingang als Reste des romanischen Vorgängerbaus zu den ältesten baugeschichtlichen Zeugnissen der Stadt überhaupt gehören, neben Teilen der Peterskirche. Der spätgotische Chorraum selbst stammt aus den 1370er-Jahren.

Auf der großen Empore der Dreifaltigkeitskirche ist viel Platz für die durch die Städtischen Kunstsammlungen Dresden für das Kulturerbezentrum konzipierte Jacob-Böhme-Ausstellung.
Auf der großen Empore der Dreifaltigkeitskirche ist viel Platz für die durch die Städtischen Kunstsammlungen Dresden für das Kulturerbezentrum konzipierte Jacob-Böhme-Ausstellung. ©  Archiv/Pawel Sosnowski

Das Langhaus, der Hauptraum, den man vom Eingang aus betritt, wurde im 15. Jahrhundert errichtet, Dach und Giebel zum Klosterplatz hin stammen aus dem 16. und der berühmte barocke Rodewitz-Hochaltar aus dem 18. Jahrhundert. Mit der Restaurierung 1909/10 wurde neben der Wiedersichtbarmachung etwa der mittelalterlichen Engelsfresken auch eine schon in die Moderne weisende Bemalung unterhalb der Empore angebracht.

Tagung macht Görlitz zum geistigen Böhme-Zentrum

Zum Zeitplan sagte Michael Wieler, in den kommenden Monaten werde die Ausschreibung für die Entwurfsplanung des Kulturerbezentrums beginnen, damit diese Ende 2022 oder Anfang 2023 vorliege und die Stadt Fördermittel beantragen könne. Bisher rechnet sie mit fünf Millionen Euro von Bund und Land. Es werde sich zeigen, ob das bei den steigenden Baukosten ausreichen werde.

Damit das Kulturerbezentrum über die Ausstellung hinaus auch Ort eines geistigen Mittelpunkts der Jacob-Böhme-Forschung werden kann, gründete sich Anfang 2020 der Jacob-Böhme-Beirat auf Wielers Initiative. Vorsitzende sind der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu und der renommierte Theologieprofessor Volker Leppin, der bis vor Kurzem Dekan der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Tübingen war und nun an die Yale University in New Haven berufen wurde. Weiterhin sind im Beirat Wissenschaftler und Mitglieder aller Gremien vertreten, die sich mit Böhme beschäftigen, darunter Thomas Regehly, Vorsitzender der in Görlitz ansässigen Jacob-Böhme-Gesellschaft.

Alle Veranstaltungen frei zugänglich

Schon vor einigen Monaten berichtete Volker Leppin in der Sächsischen Zeitung von der geplanten Böhme-Tagung mit internationalen Wissenschaftlern. Vom 16. bis 18. September findet sie nun im Kulturforum Görlitzer Synagoge statt, danach alle zwei Jahre. Alle Veranstaltungen sind frei zugänglich. Sowohl Volker Leppin aus den USA als auch die Philosophiehistorikerin Cecilia Muratori aus Venedig sind online zugeschaltet.

Besonders lohnend für Böhme-Einsteiger ist der Vortrag mit Claudia Brink, Kuratorin der Böhme-Ausstellung, am Freitag, 17. September, 20 Uhr. Er findet im Anschluss an eine Besichtigung der Dreifaltigkeitskirche statt, in der Jacob Böhme schließlich seine Heimat finden soll.

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten: [email protected], 03581 67-1520.

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