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Über diese Kunst spricht Görlitz

Die Ausstellung „Görlitz Art“ hat schon vor ihrer Eröffnung Aufmerksamkeit gefunden. Jetzt kann jeder die Kunstobjekte selbst besichtigen.

Octavian Ursu und Matias Flügge, Rektor der Kunsthochsule Dresden, enthüllen eines der Werke
Octavian Ursu und Matias Flügge, Rektor der Kunsthochsule Dresden, enthüllen eines der Werke © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Ein Kunstwerk ist noch nicht zu sehen: Die Liebesperlen auf dem Marienplatz fehlen noch.

Die Kugeln – sehr viel größer als die Originale der Süßwarenfabrik Hoinkis in Görlitz – sind noch in der Produktion. Aber die Fundamente, auf denen die XXL-Liebesperlen angebracht werden, sind schon zu sehen auf dem Marienplatz. In einem Video ist auch zu sehen, wie die Künstlerin mit Epoxidharz experimentiert, die Farben auswählt, prüft, wie sie im Licht wirken – im Dunkeln sollen die Kugeln leuchten. Ein bisschen wirkt es wie „Alice im Wunderland“, wo Miniaturen zu Lebensgröße erwachen. Darum geht es in dem Kunstwerk: um das Spiel mit Dimensionen und Material, den Kontrast zu den historischen Baudenkmälern, die Wirkung der Farben auf die Menschen, die verweilen.

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Gedrückte Stimmung

Das Kunstwerk gehört zu der Ausstellung „Görlitz Art“, die am Freitagvormittag auf dem Görlitzer Lutherplatz eröffnet wurde, aber schon seit Tagen die Debatten in Görlitz prägte. Kann die Stadt ein Kunstwerk ausschließen, weil es nicht so verwirklicht wurde, wie es die Jury aussuchte? Darüber gehen die Meinungen auseinander, mittlerweile ist aus dem Kunst- ein handfester politischer Streit in der Stadt entbrannt, der Stadträte, Rathaus und Künstler beschäftigt. Und wie die Diskussion so verlief auch die Eröffnung ein bisschen irreal.

Während das Rathaus die Eröffnung in Höhe des Luther-Denkmals feierte, standen am oberen Teil viele, vor allem jüngere Menschen mit Lastenrad und Lautsprechern, aus denen „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ von Danger Dan schallte. Manche pendelten von einer Seite zur anderen. Zwischendrin die Künstler, Meisterschüler der Dresdner Kunsthochschule.

Erste Görlitzer Art gut angenommen

2017 wurden in Görlitz bereits Werke von Meisterschülern der Hochschule für Bildende Künste in Dresden aufgebaut, bis heute steht etwa vorm Theater die „Herde“. Über verschiedene Plätze zum Kühlhaus in Weinhübel ist das „&“ gewandert, die „Maske“ am Busbahnhof musste wegen Problemen mit dem Material nach anderthalb Jahren abgebaut werden, andere Kunstwerke waren nicht zur Dauerausstellung vorgesehen und zogen schon früher weiter.

Entstanden war die Idee für die Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst im öffentlichen Raum der Stadt nach der Kulturhauptstadt-Bewerbung von Görlitz. Die erste Auflage wurde gut angenommen, findet Bürgermeister Michael Wieler. Obwohl es mitunter sehr kontroverse Diskussionen um die Werke gab, die teils sogar von Vandalismus betroffen waren. Wie sehr die Görlitzer aber doch die Görlitzer Art mittrugen, habe er vor allem beim Abbau der Werke gemerkt. „Leute sagten, es fehle was“, als zum Beispiel die Skulptur an der Bahnhofstraße abgebaut werden musste. Dabei sei diese zunächst besonders kritisch betrachtet worden.

Rettungstaucher für Kunst im Einsatz

So geht die Görlitzer Art nun in die zweite Runde. Meisterschüler der Dresdner Kunsthochschule konnten auch dieses Mal Ideen einreichen, eine Jury aus Görlitzer und Dresdner Vertretern wählte neun aus. Die Künstler sind Martina Beyer mit ihren Liebesperlen am Marienplatz, Willy Schulz mit den „Löwen“ am Lutherplatz, Philipp Putzer mit dem „T“ an der Hotherstraße, Johannes Specks mit dem „Lautsprecher“ am Wilhelmsplatz, Tillman Ziola und Robert Czolkoß mit dem „Dachstuhl“ am Konsulplatz, Veronika Pfaffinger mit „Common Ground“, einer Bodentauschaktion zwischen Görlitz und Zgorzelec, und Susanne Hopmann, von der zwei Entwürfe prämiert wurden. Zum einen „Das Fenster“ an der Frauenkirche, zu dem es im Oktober eine Begleitausstellung zu Plakaten der Friedlichen Revolution geben wird. Und „Die Häuser“.

Zumindest im Aufbau das spektakulärste Werk: Denn die Häuser schwimmen im Volksbad. Zusammen mit einer Gerüstbaufirma wurde ein Unterbau für das Werk entwickelt. Ein Kran hievte alles am Donnerstag 30 Meter weit in die Neiße hinein und Taucher der DLRG richteten das Werk im Wasser aus.

Kunstzoff hat noch kein Ende

Ein weiterer prämierter Entwurf ist die „Kulisse“ von Lisa Maria Beier. An der Stadthalle steht das Werk – noch, muss man sagen. Der prämierte Entwurf sollte Görlitz als Kulisse zum Thema haben. Jetzt geht es stärker um Frauenrechte und das verschärfte Abtreibungsgesetz in Polen. Die Künstlerin argumentiert damit, sie habe ihr Kunstwerk an den Standort ganz in der Nähe der Grenze anpassen und ein aktuelles Thema aufgreifen wollen. Für sie ist das der Kern von Kunstfreiheit. Die Stadt sieht darin aber einen Vertragsbruch, nicht die Künstlerin sei ausgesucht worden, erklärte Bürgermeister Wieler, sondern ein ganz bestimmtes Kunstwerk.

War so nicht geplant: "Kulisse" von Lisa Maria Baier.
War so nicht geplant: "Kulisse" von Lisa Maria Baier. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Kunststreit zieht sich nun schon über mehrere Runden. Am meisten zwischen den Stühlen, könnte man annehmen, sitzt Matthias Flügge, Rektor der Kunsthochschule Dresden. Er reagiert aber entspannt. „Solche Auseinandersetzungen kommen öfter vor“, sagt er. Wenn sie gelöst werden, indem man redet, statt sich vor Gericht zu zerren, seien sie sogar sinnvoll. Das Anliegen der Künstlerin hält er für berechtigt. Auch ihr früherer politischer Einsatz in der Kunst begrüße er. Auf der anderen Seite steht das Vertragsrecht, gerade bei Kunst im öffentlichen Raum und der Zusammenarbeit mit institutionellen oder privaten Partnern. Wenn man ein Kunstwerk so stark inhaltlich auflädt, sieht er schon eine Informationspflicht. Kunstfreiheit und Vertragsrecht – ein Konflikt, den die Künstlerin auf die Spitze getrieben habe und damit an Grenzen gestoßen sei. „Aber ich finde das nicht schlimm“, sagt Flügge, solange es fair zugehe.

Ein Hund schnarcht

Die Installation „Lautsprecher“ von Johannes Specks auf dem Wilhelmsplatz
Die Installation „Lautsprecher“ von Johannes Specks auf dem Wilhelmsplatz © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Es gab schon Diskussionen um dieses Werk. Der Lautsprecher auf dem Wilhelmsplatz. In regelmäßigen Abständen wgibt es Musik, Töne, Ansagen von Görlitzern, Vogelgezwitscher, Alltagsgeräusche, das Schnarchen eines Hundes. Auf die Emotionen, Assoziationen, auch die weiteren Reaktionen, die das auslöst, ist Johannes Specks gespannt. Eine bestimmte Intention habe das Kunstwerk nicht. Kommunikation ist aber offenbar ein Thema. So kann Specks auch in gewisser Weise über die Ferne mit den Menschen am Wilhelmsplatz kommunizieren: Er kann den Lautsprecher aus Köln, wo er wohnt, steuern.

Foto: Paul Glaser/glaserfotografie.de
Foto: Paul Glaser/glaserfotografie.de © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Häuser in der Neiße

Edelstahl und so harte Formen in der Natur. Wie das zusammenpasst, oder eben nicht, ist Thema bei Häuser.
Edelstahl und so harte Formen in der Natur. Wie das zusammenpasst, oder eben nicht, ist Thema bei Häuser. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Gleich zwei Werke von Susanne Hopmann gewannen. Das eine sind die Häuser in der Neiße am Volksbad. Das zweite Werk ist das gestaltete Fenster, das an der Frauenkirche hängt und Plakate zur Wendezeit zeigt. „Mehr Demokratie wagen“ und „Mut zu neuen Mehrheiten“ steht darauf. Was die Friedliche Revolution in Görlitz bedeutete, darin habe sie als Außenstehende sich zunächst auch einarbeiten müssen, erzählt Susanne Hopman. Was nicht leichter wurde, als klar wurde, dass beide Plakate von der PDS stammten. So war sie mittendrin in deutscher Geschichte, die verzwickt sein kann.

Susanne Hopmann lebt in Halle und Leipzig.
Susanne Hopmann lebt in Halle und Leipzig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de
Die Installation „Das Fenster“ an der Frauenkrirche. Geplant ist ein begleitende Ausstellung im Oktober zum Thema Plakate zur Friedlichen Revolution.
Die Installation „Das Fenster“ an der Frauenkrirche. Geplant ist ein begleitende Ausstellung im Oktober zum Thema Plakate zur Friedlichen Revolution. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Dachstuhl am Boden

Die Installation „Dachstuhl“ von Tillmann Ziola auf dem Konsulplatz.
Die Installation „Dachstuhl“ von Tillmann Ziola auf dem Konsulplatz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Dachstuhl sieht nicht wirklich aus wie ein Dachstuhl. Soll er aber auch nicht. Das Werk am Konsulplatz kann diese Assoziation zwar wecken, denn Anlehnungen an den Hausbau gibt es, etwa der 60-Grad-Winkel bei der Diagonalen – ein Standardwinkel im Hausbau. Insgesamt soll das Werk als Sinnbild stehen für das Aufrichten, für das Errichten neuer Häuser oder die Rekonstruktion alter. „Der Dachstuhl soll außerdem die Geradlinigkeit am Konsulplatz aufbrechen und eine bewusste Gegenbewegung durch die diagonale Platzierung bilden“, beschreiben die Autoren Tillman Ziola und Robert Czolkoß ihr Werk.

Robert Czolkoß aus Berlin und seine Dachstuhl-Idee, die er zusammen mit Tillmann Ziola verwirklichte.
Robert Czolkoß aus Berlin und seine Dachstuhl-Idee, die er zusammen mit Tillmann Ziola verwirklichte. © Nikolai Schmidt

Löwen bei Luther

Wenn besondere Materialien oder Dinge nichts Besonderes mehr sind, sondern Massenware: Die Löwen auf dem Lutherplatz
Wenn besondere Materialien oder Dinge nichts Besonderes mehr sind, sondern Massenware: Die Löwen auf dem Lutherplatz © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Plattenbau kennt Willy Schulz aus seiner Kindheit in Dresden. Seine Löwen stehen auf Betonträgern – eine Erinnerung an den Plattenbau. Auch ein bisschen Nachwende-Romantik, spiele bei dem Werk rein. Als die Platte als Relikt von gebauter Banalität, aber auch einem Stück einer Kultur zurückblieb. In seinem Werk auf dem Lutherplatz feiert das Material Beton nun ein Revival. Wie ein Material durch zig Reproduktionen an Wert verlieren kann, dafür stehen auch die Fu-Löwen auf dem Beton. Sie schmücken in der chinesischen Kunst traditionelle Bauwerke. Heute bekommt man solche Löwen in jedem zweiten Deko-Geschäft, erzählt er.

Willy Schulz arbeitet heute in Leipzig.
Willy Schulz arbeitet heute in Leipzig. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Der Bodentausch

Foto: Paul Glaser/glaserfotografie.de
Foto: Paul Glaser/glaserfotografie.de © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Hier gibts noch nichts zu sehen. Oder man muss sehr genau hinschauen. Aber kommende Woche wird eine kleine Dokumentation im Senckenberg-Museum Görlitz darüber gezeigt, wie das Werk „Common Ground“ von Veronika Pfaffinger entstand. Es geht um Boden. Allerdings nicht, wie bei Senckenberg, um dessen Fauna. Sondern um dessen Geschichte. Im Boden, sagt Veronika Pfaffinger, steckt auch immer ein Stück Geschichte. Boden hat keine Grenzen. Common Ground - das kann man übersetzen mit "gemeinsame Basis" - die der Boden bietet. Deshalb entfernte sie im Görlitzer Stadtpark ein Stück Boden und eines am polnischen Neißeufer – und tauschte sie aus. Eine Filmemacherin begleitete sie.

Eine Tröte? Oder Trichter?

Die Skulpturen von Philipp Putzer setzen auf Fantasie.
Die Skulpturen von Philipp Putzer setzen auf Fantasie. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Was alles beginnt mit T? Tulpe, Tube, Trichter – zum Beispiel. Drei Skulpturen hat Philipp Putzer an der Vierraden-Mühle nahe der Altstadtbrücke aufgebaut. Ihre Formen erinnern an eine halb verblühte Tulpe, eine Trompete, einen Trichter, durch den man gebückt sogar durchlaufen kann. Die Formen sollen mit den Vorstellungen des Publikums spielen, erklärt Putzer. Außen sind die Skulpturen unstrukturiert, innen organisch. Verbunden sind mehrere der Elemente durch einen Bronzering – ein Hinweis auf Görlitz und Zgorzelec: durch die Grenze zwar geteilt aber doch eng verbunden.

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