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Woher einen Lehrling nehmen?

Für Unternehmen wird es zunehmend schwer, den passenden Lehrling zu finden. Deshalb tanzen Firmenchefs in puncto Azubi-Werbung auf vielen Hochzeiten.

Odina Brüning (rechts) fand einen Ausbildungsplatz bei der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien in Görlitz. Von Kundenberaterin Natalia Kubas kann sie viel lernen.
Odina Brüning (rechts) fand einen Ausbildungsplatz bei der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien in Görlitz. Von Kundenberaterin Natalia Kubas kann sie viel lernen. © Archivfoto: André Schulze

Ihre Bewerbung um eine Ausbildungsstelle bei einem mittelständischen Unternehmen in Görlitz hat Marie-Luise S. bereits fertig. Was noch fehlt, ist das Halbjahreszeugnis. Die Realschülerin erhält es diese Woche - wie alle Schüler. Während das Halbjahreszeugnis für die meisten Schüler lediglich eine Zwischeninformation über den Leistungsstand darstellt, ist es für viele Schüler der Abgangsklassen wichtig: Mit diesem Zeugnis bewerben sie sich um eine Lehrstelle.

Erster Schritt auf der Karriereleiter

Trotz der Corona-Krise bieten Handwerk, Industrie, Handel und auch die Landwirtschaft Schulabgängern gute Berufschancen. Mehr als 800 freie Ausbildungsstellen sind derzeit in der Online-Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Dresden eingestellt. Die angebotenen Stellen reichen von A wie Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik bis hin zu Z wie Zweiradmechatroniker. Das Handwerk bildet im Kammerbezirk Dresden in etwa 80 Berufen aus.

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Auch der Landkreis informiert über das Lehrstellenangebot. Er gab jetzt eine Broschüre zum Wirtschaftsstandort Landkreis Görlitz unter dem Titel „Im Herzen Europas“ heraus. Dort werden auf 122 Seiten unter anderem Hintergrundinformationen zu Initiativen der Berufsorientierung und Fachkräftesicherung vermittelt. Schüler, die noch gar keine Vorstellung haben, was aus ihnen werden soll, finden in der Broschüre Anregungen für Berufe und Hinweise, wo Lehrstellen zu finden sind. Die Broschüre kann digital abgerufen werden.

Im gesamten Kammerbezirk Dresden, zu dem neben der Landeshauptstadt die Landkreise Görlitz, Bautzen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Meißen gehören, haben im vergangenen Jahr 2.111 junge Menschen einen Ausbildungsvertrag mit einem Handwerksbetrieb abgeschlossen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der neu unterschriebenen Lehrverträge um 2,4 Prozent.

Bei der Industrie- und Handelskammer Dresden (IHK) waren es im Vorjahr insgesamt 4.079 Lehrverträge. Das waren 325 weniger als ein Jahr zuvor. 1.617 davon wurden im gewerblichen Bereich abgeschlossen, 2.462 im kaufmännischen. Von den bei der IHK registrierten 6.813 ausbildungsberechtigten Unternehmen bilden tatsächlich 2.580 aus.

Wie Azubi und Firma zueinander finden

Und die haben es wie Handwerksbetriebe immer schwerer, den passenden Lehrling zu finden. Seit Jahren nimmt nicht nur die Zahl der Schulabgänger ab, sondern auch die Berufsreife der Schüler. Das heißt, zu viele Schulabgänger bewerben sich mit schlechten Zensuren um eine Ausbildung und bringen dazu mitunter nur mangelhafte soziale Kompetenzen mit. Ulrich Dedeleit kann das bestätigen. Er ist Geschäftsführer der Lausitz Elaste GmbH in Rothenburg. Der Kunststoffhersteller würde gern mehr Lehrlinge ausbilden, aber das mittelständische Unternehmen findet "nicht die passenden", sagt der Geschäftsführer. Es werde von Jahr zu Jahr schwieriger. Die Stellen für das kommende Ausbildungsjahr sind noch frei.

Dabei hatte der Geschäftsführer bislang einiges unternommen, um Azubis zu finden: war in Schulen präsent und bei Karrieremessen, machte bei Ausbildungsoffensiven mit, hinterlegte bei der Arbeitsagentur freie Lehrstellen. Gebracht hat ihm das nicht viel. Am meisten funktioniere noch die Mundpropaganda, sagt Dedeleit.

Holger Urban ist Geschäftsführer der Schöpstaler Maschinenbau GmbH in Markersdorf. Jedes Jahr werden zwei Lehrlinge ausgebildet. Für den Lehrbeginn 2020 fand Holger Urban "zwei gute Schulabgänger", wie er sagt. Für das neue Ausbildungsjahr stehen demnächst die Bewerbungsgespräche an. Und auch für Kia, die kooperative Ingenieur-Ausbildung, findet Urban immer wieder Interessenten.

Offenbar macht sich bezahlt, dass das Unternehmen, das seit 1996 insgesamt 47 Lehrlinge ausbildete, auf vielen Ebenen um den Fachkräftenachwuchs wirbt: auf der eigenen Homepage, in online-Lehrstellenbörsen, auf Karrieremessen, in der Insider-Broschüre des Landkreises Görlitz, in Schulen, bei Aktionen wie "Schau-rein - Woche der offenen Unternehmen". Auch die Arbeitsagentur weiß um freie Lehrstellen beim Schöpstaler Maschinenbau. Und sogar Ferienarbeit macht das Unternehmen für Schüler möglich, lässt sie in die Firma "hineinschnuppern" und testen, ob eine Ausbildung hier für sie infrage kommen könnte.

Im September 2020 haben am Malteser Krankenhaus Görlitz zehn Auszubildende mit der neuen generalisierten Pflegeausbildung begonnen. Wer sich für einen Pflegeberuf interessiert, kann vor dem Ausbildungsstart ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus ab
Im September 2020 haben am Malteser Krankenhaus Görlitz zehn Auszubildende mit der neuen generalisierten Pflegeausbildung begonnen. Wer sich für einen Pflegeberuf interessiert, kann vor dem Ausbildungsstart ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus ab © St. Carolus Görlitz

Für den Traumberuf umfassend informieren

Wer seinen Traumberuf ergreifen will, sollte sich mit dem Halbjahreszeugnis in der Tasche frühzeitig um eine Lehrstelle kümmern. Das empfiehlt die Handwerkskammer Dresden. „Je früher sich die Schüler bewerben desto höher sind auch ihre Chancen auf den Wunsch-Ausbildungsplatz“, sagt Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden.

Ganz ähnlich ist das bei Unternehmen in Industrie, Handel und Landwirtschaft. Auch dort werden Auszubildende gesucht, der Bedarf an Fachkräften ist groß. Die Möglichkeiten für Schüler, sich umfassend zu informieren, sind es auch - im Netz und nach der Pandemie sicher wieder vor Ort bei Ausbildungsmessen. Das Berufsinformationszentrum der Arbeitsagentur (BIZ) ist derzeit wegen der Pandemie online zu nutzen. Auch hier gibt es für Schüler jede Menge Wissenswertes rund um den Traumberuf. Die Aktion "Schau rein - Woche der offenen Unternehmen", bei der sich Schüler über Berufe in Firmen informieren können, ist coronabedingt vom März auf den 21. bis 26. Juni verschoben worden. Noch ist aber unklar, ob die Woche in Präsenzform stattfinden kann oder ausschließlich online-Angebote möglich sind.

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