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Görlitzer Hype um einen alten Heizkörper

Die alte Heizung ist besonders - und alt. Sie stammt aus dem ehemaligen Kaufhaus Totschek und wird versteigert. Erklärt das aber schon, warum er so begehrt ist?

Von Susanne Sodan
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Dieser Heizkörper aus einem früheren Görlitzer Kaufhaus scheint hoch begehrt zu sein.
Dieser Heizkörper aus einem früheren Görlitzer Kaufhaus scheint hoch begehrt zu sein. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Eigentlich sollte am Mittwochabend der Hammer fallen. Dann sollte ein historischer Heizkörper aus dem Kaufhaus Totschek in Görlitz ein neues Zuhause gefunden haben. Aber nun kommt es anders. Noch bis Jahresende kann man mitbieten.

Das Kaufhaus Totschek auf der Steinstraße wird zu einem Gründer-Zentrum. Bereits fertig ist ein Teil davon, den man nicht von außen sieht: ein Mini-Kraftwerk im Keller - das Energie-Effizienz-Quartier 6. Entstanden ist es in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Görlitz. Und als deren Mitarbeiter durch das einstige Kaufhaus stromerten, sei das Interesse sehr schnell sehr groß gewesen, erzählt Philipp Metz, Inhaber der Steinstraße 2-5, also des neuen Gründer-Zentrums: Im ersten Geschoss stand über viele Jahrzehnte ein besonderer Heizkörper.

Ein Unikat, sagen die Stadtwerke. Jedes Teil sei einzeln gegossen und zusammengebaut. Entdeckt hatte es der Bauplaner des Energie-Effizienz-Quartiers bei Planungsarbeiten. "Er erkannte wohl direkt das Potential zum Aufarbeiten", erzählt Stadtwerke Sprecherin Belinda Brüchner, und das Potential etwas Positives mit dem Heizkörper zu erreichen: Er wird für den guten Zweck versteigert, der Erlös geht an den Tierpark.

Vielleicht nicht funktionstüchtig - aber gutaussehend

Ob er noch funktioniert? "Das wüsste ich auch gern", sagt Philipp Metz. Er nimmt es aber nicht an. Nein, bestätigen die Stadtwerke. Ihn wieder funktionstüchtig zu machen würde wahrscheinlich eine seehr hohen Aufwand bedeuten. Aber eine gewissen historischen Wert habe das dekorative Stück. Findet Philipp Metz auch. "Ehrlich gesagt, ich würde mir den auch hier bei mir in Bremen in die Wohnung stellen", sagt er. "Es hat doch Industrie-Charme." Aber weil es für die gute Sache ist, gab er das gute Stück raus.

Über mehrere Tage lag das Höchstgebot bei 400 Euro - jetzt muss man schon mehr hinlegen, über 750 Euro.

Weitere Funde nicht zu erwarten

Es dürfte auch der letzte - bewegliche - Schatz gewesen sein. Mit weiteren Entdeckungen sei nicht zu rechnen. Dafür, sagt Metz, waren in der Vergangenheit schon zu viele "ungebetene Gäste" da. Dass der Heizkörper verschont blieb, dürfte seinem Gewicht geschuldet sein. Was zu retten war, hat Metz bereits vor Jahren gerettet. "Es ist schon sehr interessant. Wir haben zum Beispiel Anzeigen-Blätter gefunden", also Werbeanzeigen etwa für Knaben-Anzüge. Wie die so lange in dem Gebäude überdauert haben, sei schon erstaunlich.

Adolph Totschek gründete 1868 auf der Steinstraße sein Geschäft für Herren-, Damen-, Mädchen- und Knabenkleidung. Nach seinem Tod führte sein Sohn Walter Totschek das Geschäft weiter. Wegen der Repressalien jüdischer Geschäftsinhaber durch die Nationalsozialisten, die einen Höhepunkt in der Pogromnacht 1938 hatten, verkaufte die Familie Totschek ihr Kaufhaus. Unter welchen Bedingungen und wie fair das war - darüber gibt es bis heute Auseinandersetzungen.

Der Familie Totschek gelang in quasi letzter Sekunde die Flucht, sie konnte 1941 kurz vor Ausreiseverbot in die USA emigrieren. Die jüngere Tochter von Walter und Bianca Totschek, Ursula, war als Jugendliche zuvor mit einem Kindertransport nach England gelangt. "Ich war eine der Glücklichen", sagte sie, als sie Anfang des Jahres der SZ ihre Geschichte erzählte. Kürzlich war die Enkelin von Walter Totschek, Tamara Meyer, in Görlitz: Nachfahren Görlitzer Juden aus der ganzen Welt kamen zusammen zur Gedenkwoche.