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Görlitzerin liest auch mit 100 noch täglich die SZ

Das Treppensteigen in Königshufen hielt Gertrud Adler fit. Jetzt lebt sie im Heim, will aber noch einige Jahre schaffen.

Gertrud Adler lebte bis vorigen Dezember in ihrer eigenen Wohnung in Görlitz-Königshufen. Doch auch im Heim geht es ihr gut.
Gertrud Adler lebte bis vorigen Dezember in ihrer eigenen Wohnung in Görlitz-Königshufen. Doch auch im Heim geht es ihr gut. © Martin Schneider

Die ganze Aufregung um ihren Geburtstag ist Gertrud Adler gar nicht recht. „Ich bin doch nichts Besonderes“, sagt sie immer wieder. An diesem Sonntag aber steht sie im Mittelpunkt: Als neunte Görlitzerin in diesem Jahr feiert sie ihren 100. Geburtstag. Und auch wenn sie nach einem schweren Sturz im Rollstuhl sitzt und das Kurzzeitgedächtnis nachgelassen hat: Es ist ihr vergönnt, ihren Geburtstag ganz bewusst zu erleben und sich an vieles in ihrem langen Leben erinnern zu können.

Geboren wurde sie am 26. September 1921 in Lomnitz bei Hirschberg in Schlesien, also im heute polnischen Gebiet nördlich des Riesengebirges. „Mein Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter in der Landwirtschaft“, erinnert sie sich. Sie ist mit einem Bruder und zwei Schwestern aufgewachsen, hat in Lomnitz die Schule besucht und schon früh ihren Willi kennengelernt. Er stammte aus Görlitz.

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Doch Gertrud Adler blieb zunächst in Lomnitz. Im Jahr 1940 – sie war noch keine 19 Jahre alt – kam dort Sohn Wolfgang zur Welt, im Jahr darauf heiratete sie ihren Willi. „Es war eine Kriegstrauung“, erinnert sie sich. Ihr Mann war auf Heimatbesuch da, kehrte bald wieder an die Front zurück. Sie selbst musste später aus ihrer Heimat flüchten – „nur mit einem Beutel und meinem Sohn.“ Das ist ihr bis heute in Erinnerung geblieben. Ihre Tante Marie habe sie in Mengelsdorf aufgenommen. Auch diese Bilder sind in ihrem Kopf noch präsent: „Damals bin ich immer zum Einkaufen nach Reichenbach gegangen.“

Doch schon bald konnte sie nach Görlitz umziehen und ihren Mann wieder in die Arme schließen. Weitere Kinder bekamen die beiden aber nicht. Arbeit fand Gertrud Adler im Rudolf Verlag im Hinterhaus der Schützenstraße 2/3. „Dort haben wir Bilder hergestellt“, sagt sie. Einige davon hängen heute noch in ihrem Zimmer. Bis zur Rente sei sie da geblieben.

Freundin Heidi gehört zur Familie

Prägend war die Zeit aber auch wegen der Geschäfte im Vorderhaus. An die Konditorei Weustenfeld kann sich Gertrud Adler noch gut erinnern und an die HO, die von ihrer lieben Freundin Heidi geleitet wurde. Die ist viel jünger als sie, sogar noch zwei Jahre jünger als ihr heute 81-jähriger Sohn. „Heidi kommt mich oft im Heim besuchen“, freut sie sich. Mittlerweile gehört sie sogar zur Familie, denn Enkeltochter Daniela Adler und Heidis Sohn sind ein Paar.

Im Heim aber lebt Gertrud Adler erst seit Februar. Über viele Jahrzehnte war sie in Königshufen zu Hause, gemeinsam mit ihrem Mann, der bei der Volltuch beschäftigt war. Nebenbei und auch noch im Rentenalter bewirtschafteten sie einen Garten in der Siedlung Königshufen. 1991 konnten die beiden im Hotel Monopol ihre goldene Hochzeit feiern. Im Dezember 1995 aber starb Willi Adler, kurz zuvor hatten beide den Garten aufgegeben.

Stets bescheiden gelebt und nie geraucht

Gertrud Adler blieb in der Wohnung im obersten Stockwerk. Mehrfach täglich nahm sie bis vor zehn Jahren die Treppen nach oben. „Das hat sie fit gehalten“, sagt Enkelin Daniela. Aber es gibt wohl noch mehr Gründe, warum sie so alt geworden ist: Sie hat sich gesund ernährt, stets bescheiden gelebt und nicht geraucht. Und sie hat gute Gene: Schon ihre Mutter wurde über 90. Danach hatte sie einen Unfall, an dessen Folgen sie starb. „Ansonsten wäre sie sicher auch 100 geworden“, vermutet die Enkelin. Andere Familienmitglieder wurden allerdings bisher nicht so alt.

Erst 2011 sei sie dann in den ersten Stock des Nachbarhauses gezogen, weil die oberen Etagen abgerissen wurden. Doch auch dort blieb sie fit, ging bis voriges Jahr regelmäßig zu den Spielenachmittagen der Volkssolidarität. Sie kann bis heute alles essen, hört noch relativ gut. Eine Brille braucht sie nur zum Lesen. Bis vor drei Jahren ging sie auch noch allein einkaufen. Später half Enkelin Daniela beim Tragen.

Sie ist es auch, die sich heute am meisten um die Oma kümmert. Als sie Ende vorigen Jahres schwer stürzte und nicht mehr allein in der Wohnung bleiben konnte, nahm die Enkelin sie Anfang Dezember zu sich ins Haus. Doch der Pflegeaufwand war bald nicht mehr zu schaffen, sodass sie die Oma dieses Jahr im Februar schweren Herzens ins Heim geben musste.

Dort wird sie an diesem Sonntag auch ihren 100. Geburtstag feiern – im Kreise der Familie. Neben Sohn und Schwiegertochter hat Gertrud Adler vier Enkel, acht Urenkel und fünf Ur-Urenkel. „Das Sechste ist schon unterwegs“, sagt die Enkelin. Nicht die ganze Familie kann zum Geburtstag dabei sein, aber viele. Auch Heidi. „Ohne meine Heidi geht es nicht“, sagt die Jubilarin. Ohne die Sächsische Zeitung aber auch nicht. Die liest sie bis heute, vor allem den Lokalteil. „Ich muss doch wissen, was ringsum los ist“, sagt Gertrud Adler. Ihr Abo hat sie schon, seit es die SZ gibt. Und sie will gern noch ein paar Jahre Leserin bleiben. Die SZ gratuliert und wünscht ihr alles Gute und viel Gesundheit.

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