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Willkommen im Klub der Hundertjährigen

Margarete Senftleben feiert den runden Geburtstag am Freitag im Görlitzer Ortsteil Kunnerwitz. Dort ist sie die älteste Einwohnerin - aber erst seit Kurzem.

Margarete Senftleben sitzt im Wintergarten ihres Hauses in Kunnerwitz. Am Freitag wird sie 100 Jahre alt.
Margarete Senftleben sitzt im Wintergarten ihres Hauses in Kunnerwitz. Am Freitag wird sie 100 Jahre alt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Eigentlich war das alles anders geplant. Im Kunnerwitzer Kochstudio „Regenbogen“ sollte es eine große Feier zum Geburtstag von Margarete Senftleben geben. An diesem Freitag wird sie schließlich 100 Jahre alt. „Inhaberin Simone Drescher ist unsere Nachbarin, wir haben ein sehr gutes Verhältnis“, sagt Rosita Wolf. Sie ist die Tochter der 100-Jährigen, teilt sich mit ihr ein Haus in Kunnerwitz. Doch wegen der Corona-Situation können sie nun keine Gäste im „Regenbogen“ empfangen, sondern nur hoffen, dass es möglich ist, die Feier im Sommer nachzuholen.

Als Kind in die Nähe von Görlitz

Margarete Senftleben blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Geboren wurde sie am 5. Februar 1921 in Dambitsch (heute Dąbcze), etwa 160 Kilometer nordöstlich von Görlitz. Doch schon, als sie noch ein kleines Kind war, zog die Familie nach Hennersdorf (heute Jędrzychowice) bei Görlitz um. Ihr Geburtsort musste laut dem Versailler Vertrag an Polen abgetreten werden. „So bin ich in Hennersdorf aufgewachsen“, erinnert sie sich. Ohne Berufsausbildung arbeitete sie in einer Wäscherei.

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„In Hennersdorf habe ich auch meinen Mann Alfred kennengelernt“, berichtet Margarete Senftleben. Die Hochzeit fand im Zweiten Weltkrieg statt, am 29. Mai 1944. An das Datum kann sie sich bis heute erinnern. Ein halbes Jahr später wurde Tochter Rosita geboren, das einzige Kind. Doch schon 1945 musste sie zum zweiten Mal in ihrem Leben die Heimat verlassen. Die junge Familie ging für anderthalb Jahre nach Thüringen, bevor sie in den Nachbarort von Hennersdorf zurückkehrte: Nach Ludwigsdorf am anderen Neißeufer. Alfred Senftleben bekam eine Stelle als Sprengmeister im Kalkwerk Ludwigsdorf, seine Frau arbeitete dort anfangs mit, die Familie bezog eine Werkswohnung.

Eine sehr selbstständige Frau

Doch im Juni 1960 verunglückte Alfred Senftleben tödlich im Kalkwerk, Margarete Senftleben wurde mit gerade einmal 39 Jahren Witwe – und blieb für den Rest ihres Lebens allein. „Meine Mutter war immer eine sehr selbstständige und selbstbewusste Frau“, sagt Rosita Wolf. Die heute 76-Jährige hat von ihrer Mutter viel Unterstützung bekommen. Auch um ihre Enkelin und die beiden Urenkel kümmerte sich Margarete Senftleben liebevoll.

Sie zog nach dem Tod ihres Mannes in eine eigene Wohnung in Ludwigsdorf und arbeitete fortan als Sachbearbeiterin bei der Deutschen Notenbank in Görlitz. Dort blieb sie bis zur Rente. Privat nach Görlitz zu ziehen, war anfangs problematisch: „Es gab eine Zuzugssperre für die Stadt“, erinnert sich die Tochter. Erst 1968 zog Margarete Senftleben nach Görlitz, zuerst in die Heilige-Grab-Straße, später nach Weinhübel, wo sie auch einen Garten übernahm. Mit ihrem Trabant war sie sehr mobil.

Neuanfang mit 77 Jahren

1998, mit 77 Jahren, begann noch einmal ein neuer Lebensabschnitt: Die Tochter hatte mit ihrem Lebensgefährten ein Haus in Kunnerwitz gebaut und sie konnte mit einziehen. Margarete Senftleben kümmerte sich um den Garten: „Zuerst haben wir ihn eingezäunt, dann vieles angebaut“, sagt sie. Sie kann sich sogar noch erinnern, wie sie die Rosen in ihrem alten Garten in Weinhübel ausgrub und mit nach Kunnerwitz brachte. Bis vor drei Jahren hat sie unermüdlich im Garten gearbeitet, dann ging es gesundheitlich nicht mehr.

Doch auch außerhalb des eigenen Grundstücks blieb sie lange fit. „Sie war immer in Bewegung“, sagt die Tochter. Bis sie etwa 92 Jahre alt war, fuhr sie noch Fahrrad. Und genauso lange lief sie zu Fuß bis zur Arztpraxis nach Weinhübel und auch wieder zurück. „Sie hatte immer das Ziel, 100 Jahre alt zu werden“, sagt Rosita Wolf. Was die Mutter dabei allerdings nicht bedacht habe: „Wenn man 100 ist, sind aus der eigenen Generation alle schon tot.“

Den Lebensmut nicht verloren

Vorigen Sommer starb ihr Bruder mit 93 Jahren. Er war der Letzte aus ihrer Generation. Der Lebensgefährte der Tochter starb im Herbst. Beide Verluste haben Margarete Senftleben sehr mitgenommen. Aber ihren Lebensmut hat sie trotzdem nicht verloren. Wie alt sie einmal werden will? Sie weiß es nicht, hat sich nichts Konkretes vorgenommen. In Kunnerwitz ist sie noch gar nicht lange die älteste Einwohnerin: Ihre Vorgängerin Anna Thüne starb im Juli mit 101 Jahren.

Dass sie die 100 geschafft hat, könnte an der Bewegung liegen, aber auch an den Genen. Ihr Bruder wurde 93, ihr Vater 86. Andererseits: Ihre Mutter und auch ihre Schwester starben relativ jung. Geraucht hat sie nie, Alkohol getrunken auch nicht: Schon ein Glas Sekt bei einer Feier war ihr zu viel. Ernährt hat sie sich immer ganz normal, ohne besondere Vorlieben oder Einschränkungen. Das hat sich bis heute nicht geändert. „Ich esse alles, was auf den Tisch kommt“, sagt die Jubilarin. Bis vor einem Jahr hat sie sich noch selbst bekocht.

Das Auge ist wieder in Ordnung

Seit 30 Jahren ist sie einseitig blind und taub. Vor drei Jahren aber hat sie sich auf den Grauen Star operieren lassen, seither ist das verbliebene Auge wieder in Ordnung. Bis vor einem halben Jahr hat sie sogar noch Romane gelesen. Jetzt liest sie ab und an noch einen Artikel in der Zeitung.

Die ganze Familie hofft, dass die Corona-Situation bald besser wird. Die einzige Enkelin von Margarete Senftleben und die beiden Urenkel leben in Bayern. An denen hängt sie, früher ist sie oft hingefahren. Jetzt würde sie sie gern in Görlitz wiedersehen – und mit ihnen den Geburtstag in ein paar Monaten nachfeiern.

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