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Älteste Görlitzerin ist seit 46 Jahren Rentnerin

Elfriede Goschütz hat jetzt ihren 106. Geburtstag gefeiert – und ihr erstes Interview gegeben. Im Heim ist sie sehr beliebt.

Geboren am 21. Januar 1915: Mit 106 Jahren ist Elfriede Goschütz die älteste Einwohnerin von Görlitz.
Geboren am 21. Januar 1915: Mit 106 Jahren ist Elfriede Goschütz die älteste Einwohnerin von Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

106 Jahre! Elfriede Goschütz kann es selbst kaum glauben. „So alt wird doch kein Schwein“, sagt sie und lächelt dabei verschmitzt. Das macht sie häufig. Sehr zur Freude von Jana Nickolmann, der Leiterin des Awo-Altenheimes in der Krölstraße. „Frau Goschütz ist unheimlich beliebt, sowohl bei den anderen Bewohnern als auch bei unserem Personal“, sagt die Leiterin: „Sie hat so eine liebe, bescheidene Art.“

Elfriede Goschütz ist sogar so bescheiden, dass sie seit ihrem 100. Geburtstag regelmäßig alle Interviewanfragen der Sächsischen Zeitung abgelehnt hat. Bloß nicht so viel Trubel um die eigene Person. „Ich bin doch nichts Besonderes“, sagt sie. Das allerdings stimmt nun nicht mehr so ganz: Seit einem knappen halben Jahr ist sie die älteste Görlitzerin. Und vorige Woche hat sie ihren 106. Geburtstag gefeiert. Weil sie nun die Älteste ist, hat sie sich doch erstmals zu einem Interview entschlossen.

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Keiner ist so alt geworden

Dass sie einmal so lange leben wird, hätte sie nie gedacht. Es war ihr auch nicht in die Wiege gelegt: Niemand von ihren Eltern und Geschwistern ist 90 Jahre alt geworden, geschweige denn 100. Geboren wurde Elfriede Goschütz am 21. Januar 1915. Das war im Ersten Weltkrieg. An diesen hat Elfriede Goschütz aber keine Erinnerungen, ebenso wenig an die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 wütete. „Ich weiß nur noch, dass mein Vater im Krieg am Arm verwundet wurde“, sagt sie.

"Geboren wurde ich im Isergebirge“, betont sie. Ihr Geburtsort Krobsdorf heißt heute Krobica und gehört zur Stadt Mirsk auf der polnischen Gebirgsseite. Gleich nach dem Ersten Weltkrieg zog die Familie – Elfriede Goschütz hatte drei jüngere Brüder – nach Görlitz auf die Bogstraße. „Und zwar da, wo das Papiergeschäft Fettke war“, sagt sie. An diesen Laden hat die 106-Jährige noch sehr lebhafte Erinnerungen.

Verkäuferin bei Theodor Otto

„Der Besitzer war immer gut zu mir“, sagt sie. Schon als Kind habe sie dort mitgeholfen, habe zum Beispiel zu Ostern und Weihnachten Karten verkauft und in den umliegenden Straßen der Nikolaivorstadt Zeitungen verteilt. Geld habe sie dafür nicht bekommen, „aber zum Beispiel mal ein schönes Buch.“ Vielleicht hat die Zeit im Laden sie auch auf ihrem weiteren Weg geprägt, denn nach ihrer achtjährigen Schulzeit lernte sie Verkäuferin. „Und zwar bei Theodor Otto in der Berliner Straße, gleich neben der Straßburg-Passage“, berichtet sie. Nach Straßburg sei das damals das zweitgrößte Geschäft gewesen: „Ich habe Wäsche und Strümpfe verkauft.“

Allerdings nicht lange: Schon 1937 heiratete sie Edmund Hanke, den sie als die große Liebe ihres Lebens bezeichnet. Die Zeit mit ihm sei die schönste Zeit ihres Lebens gewesen – und das, obwohl schon bald der Zweite Weltkrieg begann. Edmund war als Soldat in Hanau am Main stationiert. Dorthin zog Elfriede. 1939 kam Tochter Hannelore in der Kaserne in Hanau zur Welt, das Familienglück war perfekt. Allerdings nur für kurze Zeit: Edmund fiel 1942. Auch zwei ihrer drei jüngeren Brüder haben den Krieg nicht überlebt, der dritte starb später an einem Gehirntumor.

Schon bald zurück nach Görlitz

Elfriede zog nach dem Tod ihres Mannes zurück nach Görlitz, weil ihre Eltern hier lebten. Das Geschäft von Theodor Otto bestand nicht mehr. Doch sie blieb der Branche treu, arbeitete nach dem Krieg wieder als Verkäuferin in der Berliner Straße, nun im HO-Wäschegeschäft „Dame“ auf der anderen Straßenseite. „Das war damals ein renommiertes Geschäft“, erinnert sich die 106-Jährige. Bis zur Rente sei sie dort geblieben, und auch danach habe sie ab und an als Aushilfe im Laden gestanden.

Auch privat ging es nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufwärts: Sie heiratete 1948 ein zweites Mal. Mit Rudolf Goschütz hatte sie aber keine Kinder, sodass Hannelore das einzige Kind blieb. Rudolf war ein langes Leben vergönnt, er starb 1999 mit 90 Jahren. Sie habe ein ganz normales Leben gehabt, sagt Elfriede Goschütz. Ihr Hobby war Handarbeit, für die beiden Enkel hat sie gern Pullover gestrickt. Große Reisen hat sie nicht gemacht, Sport ebenso wenig. „Ich bin durch das Geschäft gerannt, das war mein Sport“, sagt sie.

Mit 101 noch in der eigenen Wohnung

Inzwischen ist sie seit 46 Jahren in Altersrente. Bis zum Alter von 101 Jahren lebte sie noch in ihrer eigenen Wohnung in der Pestalozzistraße. Dann zog sie sich bei einem Sturz in der Wohnung einen Oberschenkelhalsbruch zu. Das war der Grund, vor knapp fünf Jahren ins Awo-Heim zu ziehen, wo sie sich sehr gut betreut fühlt. Den Oberschenkelhalsbruch hat sie gut überstanden, am Rollator läuft sie bis heute durch das Heim. Sie kann alles essen und benötigt kaum Medikamente, auch das Hören klappt noch gut. Leider aber ist sie mittlerweile blind und auch das Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr das Beste.

Kreuzworträtsel löse sie trotzdem noch leidenschaftlich, berichtet Elfriede Goschütz. Allerdings ist sie dafür auf die Hilfe der Pfleger angewiesen. Tochter Hannelore Krawczyk – inzwischen selbst 81 Jahre alt – kommt regelmäßig zu Besuch. Mit ihr hat sie vorige Woche auch ihren 106. Geburtstag gefeiert. An diesem Dienstag bekommt Elfriede Goschütz ihre zweite Corona-Impfung. „Die erste war am 5. Januar, die hat sie gut vertragen“, sagt Heimleiterin Jana Nickolmann. Sie hofft, dass die liebe, bescheidene Frau noch ein paar Jahre bleibt. Elfriede Goschütz selbst hat kein Ziel, wie alt sie einmal werden möchte: „Ich werde sehen, was der Herrgott mit mir vor hat.“

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