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Görlitzer Gerüstbauer widersprechen Berlinerin

Unternehmerin Angela Thamm hat in Görlitz 30 unsanierte Häuser – und genug Geld. Trotzdem baut sie derzeit nirgendwo. Woran liegt das?

Wer in Görlitz ein Gerüst braucht, bekommt auch eines – so wie hier vor neun Jahren am Eckhaus Wilhelmsplatz/Augustastraße in Görlitz.
Wer in Görlitz ein Gerüst braucht, bekommt auch eines – so wie hier vor neun Jahren am Eckhaus Wilhelmsplatz/Augustastraße in Görlitz. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Die Aussage von Angela Thamm ließ die Baubranche in Görlitz aufhorchen. Dass es bei ihren rund 30 unsanierten Häusern in Görlitz nicht vorwärtsgeht, liege unter anderem an den Baufirmen, erklärte die Geschäftsführerin der Berliner Firma Thamm & Partner im Gespräch mit der SZ. „Wir finden einfach keine Handwerker, vor allem keine Gerüstbaufirma“, begründete sie.

Niedrig: Einrüsten dauert drei Tage

Doch ist dem wirklich so? Sind die Gerüstbauer wirklich alle dauerhaft ausgelastet? „Nein“, sagt Frank Niedrig von der Niedrig & Partner Bau GmbH in Görlitz-Biesnitz: „Das ist ein Witz.“ Klar könnte auch er nicht von heute auf morgen loslegen. Derzeit würden 14 Tage ins Land gehen, bis er ein Gründerzeithaus einrüsten könnte. Nach drei Tagen würde es dann aber stehen: „Das sind etwa 600 Quadratmeter Gerüst für Vorder- und Rückfassade, das schaffen drei Arbeiter in drei Tagen.“

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Niedrig hat unterschiedliche Erfahrungen mit Thamm & Partner gemacht. In früheren Jahren habe es mit den Berlinern immer sehr gut funktioniert. Die Firma habe auch ordentlich bezahlt. Da kann Niedrig wirklich nichts Schlechtes sagen. Dieses Jahr hat er allerdings im Frühling ein Angebot für die Jauernicker Straße 30 gemacht. Darauf habe er nicht einmal eine Info bekommen. „Wenn man so mit den Gerüstbauern umgeht, muss man sich nicht wundern, wenn man keine Firma bekommt“, sagt er. Doch er ist nicht nachtragend: „Ich würde Frau Thamm auch wieder ein Angebot machen.“ Im Moment liege ihm aber gar keine Anfrage von ihr vor.

Bielß: Würde wieder mit Thamm bauen

Ganz ähnliche Erfahrungen hat auch Eberhard Bielß von der Firma Gerüstbau Bielß im Rosenbacher Ortsteil Bischdorf gemacht. „Thamm & Partner hatten verschiedene Ausschreibungen für Sicherungsarbeiten im vorigen und in diesem Jahr in Görlitz laufen“, sagt er. Seine Firma habe sich an einer dieser Ausschreibungen beteiligt: „Aber da kam kein richtiger Rücklauf.“ Woran es lag, darüber kann Bielß nur spekulieren: „Ich vermute, die wollen es billig haben.“ Aber diese Zeiten seien vorbei: „Das macht niemand mehr mit.“

Vor vielen Jahren hat auch Bielß mit Thamm & Partner gebaut: „Das lief damals völlig reibungslos, es gab keine Unstimmigkeiten.“ Schon deshalb würde er wieder mit den Berlinern arbeiten. Aktuell liegt ihm aber keine Anfrage vor. Würde die Firma jetzt anrufen, könnte sie in vier bis sechs Wochen mit einem Gerüst rechnen. „Schneller geht es leider nicht, die Kapazitäten sind nicht gerade reichlich“, sagt er.

Kießlich: Investitionen in neue Gerüste

Von vier bis sechs Wochen Wartezeit spricht auch Olivier Kießlich von der Firma MGB Serviceleistungen GmbH in Görlitz-Weinhübel. Auch er macht aktuell Erfahrungen mit Thamm & Partner. Über die will er aber nicht öffentlich sprechen, weil die Sache aktuell noch läuft. Aber ganz generell, so Kießlich, hätten alle Gerüstbau-Firmen seit drei bis vier Jahren straff zu tun. „Die Kundschaft muss sich daran gewöhnen, zu planen und nicht von heute auf morgen ein Gerüst bestellen zu können.“ Früher sei das möglich gewesen, heute dauere es eben ein paar Wochen.

Wenn ihr Hof mal wieder komplett leer ist, investiert die MGB auch in neues Material. „Für den Obermarkt 26 habe ich jetzt 1.000 Quadratmeter Gerüst neu gekauft“, sagt Kießlich: „Das war ein Laster, gerammelt voll.“ Für den Obermarkt 26 – das frühere Bone-Haus, zu dem auch ein Hinterhaus und ein Verbindungsbau gehören – braucht er 2.500 bis 3.000 Quadratmeter Gerüst, das dort über ein Jahr stehen wird und somit für längere Zeit blockiert ist. Das sei der Grund für den Neukauf gewesen.

Tzschoppe: Würde sofort drei Leute einstellen

Ähnlich ist die Auftragslage bei Frank Tzschoppe von der gleichnamigen Gerüstbaufirma aus Niesky. Wer bei ihm ein Gerüst haben will, muss – je nach Auftragslage – mit vier bis sechs Wochen Wartezeit rechnen. „Aktuell sind wir auf vier Wochen ausgebucht“, sagt Tzschoppe, der sofort drei Leute einstellen würde, „wenn ich geeignete bekommen würde.“ Er kann sich nicht erinnern, ob er schon einmal mit Thamm & Partner zu tun hatte.

Auch unter Bauherren sorgen die Aussagen von Angela Thamm für Verwunderung. Bernd Thiedig aus Berlin, der in Görlitz alle seine 25 Häuser saniert hat, hatte nach eigener Aussage mit Gerüsten nie ein Problem: „Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich pünktlich zahle und nicht nach Rabatt frage.“ Er arbeite mit zwei hiesigen Gerüstbaufirmen: „Wenn ich Aufträge vergebe, ist maximal zwei Monate später Baubeginn.“ Mario Kühn aus Görlitz hat seit 2004 etwa zehn bis zwölf Häuser in Görlitz saniert. Auch er hat mit zwei verschiedenen Gerüstbaufirmen gearbeitet. „Bei der einen hat es ein bis zwei Wochen gedauert, bei der anderen drei bis vier Wochen“, sagt er. Das sei nie ein Problem gewesen.

Großvermieter: Langfristige Planung hilft

Für die städtische Tochtergesellschaft Kommwohnen stellt sich das Problem gar nicht, sagt Geschäftsführer Arne Myckert: „Das kann daran liegen, dass wir als großer Auftraggeber mit einem kontinuierlichen jährlichen Bauvolumen anders wahrgenommen werden.“ Kommwohnen plane stets mit einem Vorlauf von drei bis sechs Monaten. „Wir arbeiten in allen Gewerken immer mit verschiedenen Firmen zusammen“, sagt Myckert. 

Die Wohnungsgenossenschaft WGG plant ihre Baumaßnahmen immer ein halbes Jahr im Voraus und schreibt die Leistungen aus. „Wir finden immer jemanden, aber es bekommt nicht immer der Gleiche den Zuschlag“, sagt Vorstand André Donath. Aktuell läuft bei ihm die Planung für nächsten Frühling. Vorstand Simone Oehme ergänzt: „Wir hatten noch nie die Situation, dass der Bau nicht starten konnte, weil kein Gerüst da war.“

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