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Brandstifter macht 27 Görlitzer wohnungslos

Das Feuer brach im Keller des Eckhauses Bismarckstraße 27 aus. Oben kam nur Rauch an. Doch der hatte es in sich.

Das ist eines von zwei Kellerabteilen, in denen der unbekannte Brandstifter abgestellten Hausrat angezündet hat.
Das ist eines von zwei Kellerabteilen, in denen der unbekannte Brandstifter abgestellten Hausrat angezündet hat. © Martin Schneider

Farid Hamki muss morgens früh raus: Der Syrer arbeitet als Elektriker in der Nähe von Bautzen. „Als ich heute aufgestanden bin, roch es nach Rauch, es kam aus dem Treppenhaus“, berichtet er am Donnerstagmittag. Über das Treppenhaus sei er nach draußen geflohen.

Jetzt steht er mit seiner Frau und den drei Kindern vor dem Haus Bismarckstraße 27/Ecke Struvestraße und wartet. Gesundheitlich ist die Familie zum Glück unversehrt. „Wir holen jetzt ein paar kleinere Sachen ab, aber wir werden in den nächsten Wochen nicht in der Wohnung leben können“, sagt er. Wohin die Familie derweil ziehen kann, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

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Kameraden der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr evakuierten am Donnerstagmorgen das Mehrfamilienhaus Bismarckstraße 27, das völlig verqualmt war.
Kameraden der Berufs- und Freiwilligen Feuerwehr evakuierten am Donnerstagmorgen das Mehrfamilienhaus Bismarckstraße 27, das völlig verqualmt war. © Danilo Dittrich

Was war passiert am frühen Donnerstagmorgen auf der Bismarckstraße 27? „Nach ersten Hinweisen brach das Feuer im Keller aus, wo Unrat gelagert war“, sagt Polizeisprecher Kai Siebenäuger. Und weiter: „Die Untersuchungen des Brandursachenermittlers ergaben Hinweise auf Brandstiftung.“ Ein Zeuge sah Rauch aus einem Fenster des von 27 Menschen bewohnten Mehrfamilienhauses dringen und rief den Notruf. Die Rettungsleitstelle alarmierte um 4.45 Uhr die Feuerwehr, die mit mehreren Fahrzeugen anrückte, ebenso wie Polizei und Rettungsdienst. „Das gesamte Haus war total verqualmt“, sagt Kai Siebenäuger: „Alle Bewohner mussten evakuiert werden, teilweise über die Drehleiter.“ Fünf Menschen erlitten leichte Verletzungen und kamen mit Verdacht auf eine Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Für alle anderen stand ein Bus der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) zur Verfügung, in dem sie bis Mittag unterkamen.

Die Bewohner kamen zunächst in einem Bus der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) unter.
Die Bewohner kamen zunächst in einem Bus der Görlitzer Verkehrsbetriebe (GVB) unter. © Danilo Dittrich

Die GVB ist neben Feuerwehren, Polizei, Rettungsdienst, Vermieter, Sicherheitsdienst und vielen weiteren ein wichtiges Glied in einer Kette, die ab dem Brand sofort reibungslos funktioniert hat. Ganz wichtig auch: die Abteilung Sanität und Betreuung von DRK und Maltesern. „Wir betreuen hier aktuell 23 Betroffene aus sieben Wohnungen“, sagt Abteilungsleiter Markus Kremser kurz vor dem Mittag. Da ist er mit seinen Leuten gerade dabei, Unterkünfte anzurufen, in denen die Mieter für die nächste Zeit unterkommen können.

Für wie lange sie nicht in ihre Wohnungen zurückkehren können, steht noch nicht fest, erklärt Gert Haberland von Plandata Immobilien, der das Haus verwaltet. Im Keller ist das Feuer an zwei Stellen gleichzeitig ausgebrochen – ein klarer Hinweis auf Brandstiftung. Angezündet wurden dort abgestellte Möbel. In den Wohnungen hingegen gibt es weder Feuer- noch Wasserschäden. Dafür ist der Ruß durch die Ritzen der Wohnungstüren in alle Wohnungen eingedrungen. Alles ist mit einer giftigen Rußschicht überzogen.

Alles ist mit einer Rußschicht überzogen. Das sieht man besonders an dieser Stelle, an der zuvor ein Schuhabtreter lag.
Alles ist mit einer Rußschicht überzogen. Das sieht man besonders an dieser Stelle, an der zuvor ein Schuhabtreter lag. © Martin Schneider

Zudem funktionieren Strom und Heizung nicht oder nur teilweise. Vermutlich dauert die Reinigung nicht viel länger als drei Tage – wenn man eine Firma findet, die darauf spezialisiert ist. Doch genau das ist das Problem. „Wir sind schon am kurbeln, eine möglichst schnelle Lösung zu finden“, sagt Haberland. Entscheidend sei jetzt die Freigabe durch die Versicherung. „Da machen wir jetzt Druck, damit es so schnell wie möglich geht“, erklärt er. Aber er ist realistisch: „Es würde mich wundern, wenn wir es dieses Jahr noch hinbekommen würden.“ Doch sobald die Reinigung abgeschlossen ist und Heizung sowie Strom wieder funktionieren, sollen alle Mieter in ihre Wohnungen zurückkehren können.

Insgesamt gebe es in dem Haus neun bewohnte Wohnungen sowie die Physiotherapie im Parterre. Sämtliche Mieter können Weihnachten nicht in ihren Wohnungen feiern. „Wir haben ein Hotel gefunden, das sich bereiterklärt hat, Leute aufzunehmen“, sagt der Vermieter. Markus Kremser aber erklärt, dass eine Hotelunterbringung für viele Mieter eine Preisfrage sei – zumal einige keine Hausratsversicherung haben, die einspringen könnte.

Alle Mieter kommen in Ferienwohnungen unter

Deshalb telefoniert er mit den Besitzern von verschiedenen Görlitzer Ferienwohnungen. Kurz vor 12 Uhr am Donnerstagmittag meldet Kremser Vollzug: „Alle Mieter kommen in Ferienwohnungen unter, keiner will ins Hotel.“ Die, die keine Versicherung haben, bekommen die billigsten Wohnungen. Doch selbst für sie soll sich die finanzielle Belastung in Grenzen halten, sagt Kremser: „Sie können in ihrer nicht bewohnbaren Wohnung 100 Prozent Mietausfall geltend machen.“ Mit dem GVB-Bus werden alle am Mittag zu den jeweiligen Ferienwohnungen gebracht.

Die Mieter reagieren relativ gefasst auf die neue Situation, niemand ist völlig aufgelöst – vielleicht auch durch das schnelle und umsichtige Handeln sämtlicher Helfer. Ein unerfreuliches Weihnachten haben die Mieter dennoch vor sich, dazu noch keinen festen Rückzugstermin. Und das alles wegen eines Brandstifters. „Aber wir leben und sind unverletzt“, sagt Farid Hamki. Auch er fährt nun mit seiner Familie in eine der Ferienwohnungen. (mit SZ/tc)

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