merken
PLUS Görlitz

Lebendes Archiv des Görlitzer Waggonbaus

Niemand kannte sich so gut in der Eisenbahnhistorie aus wie Wolfgang Theurich. Nun ist er gestorben, die Trauer ist groß.

Wolfgang Theurich (li.) beim Jubiläum 170 Jahre Waggonbau 2019.
Wolfgang Theurich (li.) beim Jubiläum 170 Jahre Waggonbau 2019. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Es war noch einmal ein öffentlicher Dank. Als der Waggonbau in Görlitz seiner Gründung vor 170 Jahren im Mai 2019 gedachte, da ehrte die damalige Werksspitze auch Wolfgang Theurich für seine jahrzehntelangen Verdienste als Chronist des Görlitzer Waggonbaus.

Sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer reihte sich in die Gratulantenschar ein. Nun ist, noch im alten Jahr, am 29. November, Wolfgang Theurich im Alter von 85 Jahren gestorben.

Stars im Strampler aus Görlitz
Stars im Strampler aus Görlitz

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Görlitz und Umgebung.

Die Leser der Sächsischen Zeitung kannten Theurich. Seit Jahren schrieb er über Waggons und Züge, die einst in Görlitz hergestellt wurden. Da ging es um Personen- und Güterwagen für die Sächsische Staatseisenbahn, Schlafwagen für den Expresszug zwischen Ostende und St. Petersburg oder die legendären Doppelstockwagen aus Görlitz. Theurich beschrieb die Wagen wie eine technische Zeichnung, exakt und bis aufs letzte Komma genau.

Und immer schwang in seiner nüchternen Beschreibung der Stolz mit, dass der Görlitzer Waggonbau seit über 100 Jahren das weltweite Niveau im Eisenbahnverkehr mitbestimmte. Zuletzt half die Erinnerung an die große Vergangenheit auch ein wenig über die Tiefschläge der Gegenwart hinweg.

Indem der damalige Werkleiter Carsten Liebig ausgerechnet Wolfgang Theurich aus der großen Schar von Waggonbauern heraushob, sollte aber schon 2019 deutlich werden, dass sich der größte Görlitzer Industriebetrieb noch nie in der Geschichte aufgegeben hatte.

Theurich kannte den Görlitzer Waggonbau aus dem Effeff. Vier Jahrzehnte war er hier tätig. Alles begann für den Görlitzer, der seine Kindheit auf der heutigen polnischen Seite der Stadt verlebte, mit der Lehre zum Tischler, die er am 1. September 1949 begann und drei Jahre später erfolgreich abschloss. Es schloss sich ein Fachschulstudium in Dresden an der Ingenieurschule für Holztechnik an, später auch noch ein Fahrzeugtechnik-Studium an der Dresdner Verkehrshochschule.

Theurich arbeitete zeitlebens in der Qualitätskontrolle des Unternehmens, die meiste Zeit als deren Chef. Aus gesundheitlichen Gründen verabschiedete er sich bereits Mitte 1991 vorfristig in den Ruhestand.

Nun konnte er seinen Leidenschaften nachgehen: Zusammen mit seiner Frau reiste er gern und mit Leidenschaft jätete er in seinem Garten. Vor allem aber vertiefte er sich in die Eisenbahngeschichte von Görlitz, Sachsen und ganz Deutschland. Schon zu DDR-Zeiten knüpfte er dazu Kontakte zu Historikern auf diesem Gebiet in der Bundesrepublik, es ist eine kleine Gruppe von Enthusiasten.

Über ein Dutzend Bücher stammte aus seiner Feder, darüber hinaus schrieb und fotografierte er für Eisenbahn-Fachzeitschriften und für die Sächsische Zeitung. Er war das lebende Archiv des Görlitzer Waggonbaus. Nun müssen es andere fortschreiben.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz