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Eine traurige Gnadenhochzeit

Helga und Horst Kuhnt aus Görlitz sind seit 70 Jahren verheiratet. Kurz vor dem Jubiläum wurden sie nun getrennt – unfreiwillig und wegen Corona.

Helga und Horst Kuhnt aus Görlitz sind seit 70 Jahren verheiratet.
Helga und Horst Kuhnt aus Görlitz sind seit 70 Jahren verheiratet. © Foto: privat

Helga Kuhnt hatte sich das alles so schön vorgestellt. „Wir haben jedes Ehejubiläum groß gefeiert, zur Eisernen Hochzeit vor fünf Jahren haben wir einen Saal gemietet und konnten noch tanzen“, erinnert sich die Görlitzerin. Sie ist inzwischen 89 Jahre alt, genau wie ihr Horst.

Zur Hochzeit im Jahr 1951 waren Helga und Horst Kuhnt gerade 19 Jahre alt. Sie trug ein langes, blaues Kleid, er hatte den schwarzen Anzug von seinem Vater bekommen.
Zur Hochzeit im Jahr 1951 waren Helga und Horst Kuhnt gerade 19 Jahre alt. Sie trug ein langes, blaues Kleid, er hatte den schwarzen Anzug von seinem Vater bekommen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

An diesem Mittwoch nun steht die äußerst seltene Gnadenhochzeit an, also der 70. Hochzeitstag. „Aber ich werde meinen Mann nicht sehen können“, sagt sie. Vor zwei Wochen sei er umgefallen und ins Krankenhaus gekommen. Dort wurde er zwar mittlerweile entlassen – aber nicht mehr zurück in die riesige Südstadt-Wohnung, sondern aufgrund seiner fortgeschrittenen Demenz ins DRK-Altenheim im Frauenburgkarree. „Sein Mitbewohner dort ist nachts stiften gegangen und hat sich Corona eingefangen“, berichtet Helga Kuhnt. Ihr Mann als Kontaktperson steht nun unter Quarantäne – und darf keinen Besuch empfangen. Auch nicht ausnahmsweise die eigene Frau zur Gnadenhochzeit.

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Doch Helga Kuhnt ist keine weinerliche Natur. Sie hat beschlossen, mit ins Altenheim zu ziehen, sobald dort ein Platz frei wird. „Und dann werden wir die Feier in ein paar Monaten nachholen“, sagt sie frohen Mutes. Das Laufen fällt ihr schwer, aber im Kopf ist sie topfit. Die 89-Jährige verbringt viel Zeit am Computer, surft im Internet, schreibt E-Mails, ist bei Facebook aktiv und kauft online ein. „Der Computer ist mein Tor zur Welt“, sagt sie. Früher habe sie nur einen alten Rechner gehabt, aber zum 80. Geburtstag bekam sie dann einen teuren Apple-Computer. „Den nehme ich natürlich mit ins Heim“, sagt sie.

"Mein Tor zur Welt": Helga Kuhnt verbringt viel Zeit an ihrem Computer, schreibt E-Mails, ist bei Facebook aktiv und kauft online ein.
"Mein Tor zur Welt": Helga Kuhnt verbringt viel Zeit an ihrem Computer, schreibt E-Mails, ist bei Facebook aktiv und kauft online ein. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Helga Kuhnt hat ihre gesamte Lebensgeschichte und auch die ihres Mannes noch sehr lebendig im Kopf präsent und berichtet fröhlich, dass sie 1932 im damaligen Breslau geboren wurde und deshalb eine „Breslauer Lerge“ sei. Den alten Breslauern ist das Wort „Lerge“ noch ein Begriff. „Die Buchstaben stehen für liebes einziges reizendes goldenes Engelchen“, berichtet sie. Als Flüchtlingskind kam sie 1947 mit Eltern und Geschwistern nach Görlitz und besuchte hier die Annenschule. Noch im gleichen Jahr lernte sie – gerade 15-jährig – ihren Horst kennen, der aus Girbigsdorf stammt. Beide trafen sich beim Geburtstag ihrer Freundin: „Sie war die Cousine meines Mannes.“ Schon zwei Jahre später verlobten sich Helga und Horst: „Wir konnten es ja nicht erwarten.“ Weitere zwei Jahre später feierten die beiden 19-Jährigen dann Hochzeit – am 24. März 1951. Zeitig zu heiraten, sei damals üblich gewesen.

Alle drei Söhne verloren

1952 kam der erste Sohn zur Welt, der aber nur sieben Monate lebte. Die anderen beiden Söhne, geboren 1954 und 1955, wurden über 60 Jahre alt, sind aber beide in den vergangenen Jahren gestorben. „Jetzt ist mir nur noch meine liebe Tochter Antje geblieben“, sagt Helga Kuhnt. Die 48-Jährige ist viel jünger als ihre drei Brüder. Doch auch vier Enkeltöchter und bisher fünf Urenkel machen Helga Kuhnt glücklich.

Beruflich wollte sie eigentlich Kindergärtnerin werden, doch als das nicht klappte, besuchte sie die Fachschule für Wirtschaft und Verwaltung und fing anschließend im Görlitzer Rathaus an. „Erstmal als Tippse, aber ich habe mich hochgearbeitet“, sagt sie. Die längste Zeit sei sie im Standesamt gewesen und habe dort auch die Urkundenstelle geleitetet. Aus dieser Zeit rührt wohl auch ihre Computer-Begeisterung: „Das Standesamt hatte zu DDR-Zeiten den ersten Computer.“ Da sei sie gezwungen gewesen, damit zu arbeiten.

Wegen Honecker-Witzen versetzt

„Ich habe dort alles gemacht, ich konnte ja auch noch Sütterlin lesen“, sagt sie. Wenn im Standesamt Not am Mann war, aber Ehen zu schließen, hat der Bürgermeister sie sogar aus dem Zelturlaub an der Blauen Adria holen lassen, berichtet sie. Mit dem letzten DDR-Bürgermeister Kurt Butziger sei sie aber nicht klargekommen: „Der war nicht mein Fall.“ Weil sie Honecker-Witze gemacht hat, sei sie schließlich im Rathaus versetzt worden.

Ihr Mann hat derweil bei der Polizei Karriere gemacht. Er war zuerst Schüler und dann Lehrer in der Polizeischule Aschersleben, später kam er zurück nach Görlitz und arbeitete sich im Volkspolizei-Kreisamt hoch bis zum stellvertretenden Amtsleiter. Privat sei das nicht immer einfach gewesen, vor allem in der Aschersleben-Zeit: „Ich war oft mit den zwei kleinen Jungs allein.“ So seien die 70 Ehejahre nicht immer eitel Sonnenschein gewesen: „Wir hatten Höhen und Tiefen.“ Und es gab eine klassische Rollenteilung: Die Küche war immer ihr Reich, ihr Mann war dafür der Handwerker. Am schlimmsten war natürlich der Tod der Söhne. Auch die Pflege ihres Mannes in jüngster Zeit sei nicht immer leicht gewesen. Da sei der Umzug ins Heim wohl jetzt die beste Lösung.

Helga Kuhnt erinnert sich an 70 gemeinsame Ehejahre mit Ihrem Mann Horst.
Helga Kuhnt erinnert sich an 70 gemeinsame Ehejahre mit Ihrem Mann Horst. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Aber ansonsten galt bei den Kuhnts: Wenn es mal Probleme gab, ist jeder in ein Zimmer gegangen. Zur nächsten Mahlzeit kamen beide wieder zusammen und alles war wieder gut. „Über Kleinigkeiten muss man hinwegsehen“, sagt Helga Kuhnt: „Es wäre keiner auf die Idee gekommen, sich deshalb zu trennen.“ Sie seien immer kameradschaftlich, freundlich und liebevoll miteinander umgegangen. „Ich bin so traurig, dass er nicht mehr hier ist“, sagt sie. Und freut sich auf den Tag, an dem sie ihn wieder in die Arme schließen kann.

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