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"Ich bin jeden Abend knülle, aber glücklich"

Fabian Berger half einst seinem Opa bei der Baumpflege. Inzwischen hat der 31-Jährige das zu seinem Beruf gemacht. Dabei sah es zunächst ganz anders aus.

Fabian Berger hat in dieser Woche die hohe Linde vor dem Basta in der Görlitzer Hotherstraße ausgelichtet.
Fabian Berger hat in dieser Woche die hohe Linde vor dem Basta in der Görlitzer Hotherstraße ausgelichtet. © Martin Schneider

An die Anfänge kann sich Fabian Berger noch gut erinnern: „Das war so etwa in der vierten Klasse“, erinnert sich der heute 31-Jährige. Sein Opa Armin Berger, der eigentlich als Gerüstbauer tätig war, hat nebenbei in Görlitz und Umgebung Bäume gepflegt und gefällt und dafür auch seinen Gerüstbau-Fuhrpark genutzt. Ab der vierten Klasse durfte der Enkel bei den Bäumen mitmachen. „Aber immer nur Handlanger-Tätigkeiten“, sagt Fabian Berger. Äste beräumen, alles auf den Hänger laden: Damit fing seine Laufbahn damals an: „An die Kettensäge hat mich mein Opa nie gelassen.“

Von der Hebebühne aus arbeitet Fabian Berger an den Ästen der Linde.
Von der Hebebühne aus arbeitet Fabian Berger an den Ästen der Linde. © Martin Schneider

Doch ihn faszinierte die Arbeit mit den Bäumen so sehr, dass er fortan in allen Schulferien dabei war. „Oma war Kassenwart, von ihr habe ich immer Taschengeld bekommen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Zudem habe Opa ihn gern zu den Kunden mitgenommen, bei denen er ahnte, dass der Enkel dort Trinkgeld bekommt.

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Dass er von dieser Arbeit irgendwann leben würde, konnte Fabian Berger damals noch nicht ahnen. Er besuchte die Mittelschule und später das Görlitzer Berufsschulzentrum. In dieser Zeit verbrachte er ein Jahr auf einer High School im US-amerikanischen Kansas. Selbst dort hatte er mit Bäumen zu tun. Seine Gastfamilie hatte einen Grünpfleger angestellt, aber die Fällung eines sehr hohen Baumes traute der sich nicht zu. Fabian Berger übernahm die Aufgabe. Lange genug hatte er bei seinem Opa zugeschaut und wusste, wie es geht.

Nur ein halbes Jahr studiert

Zurück in Deutschland machte er im Sommer 2010 sein Technisches Abitur mit den Leistungsfächern Maschinenbau und Mathematik. Darauf aufbauend begann er direkt im Anschluss ein Maschinenbaustudium in Zittau. Doch er merkte schnell, dass das nicht das Richtige für ihn ist und brach nach einem halben Jahr ab. In dieser Zeit starb auch noch sein geliebter Opa nach einer schweren Krankheit. Genau an diesem Donnerstag jährt sich der Todestag von Armin Berger zum zehnten Mal.

Für den Enkel folgte ein halbes Jahr als Praktikant bei Schöpstal Maschinenbau und - ab Sommer 2011 - eine dreieinhalbjährige Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker bei Siemens in Görlitz. Dort wurde er dann noch für ein Jahr übernommen, bis Mai 2016. Doch weil Siemens zu jener Zeit große Schwierigkeiten hatte, wurde er anschließend entlassen – so wie die meisten fertigen Azubis seines Jahrgangs.

Eigene Firma erst im Nebenerwerb

Ganz ohne Arbeit stand er trotzdem nicht da: Im letzten Lehrjahr hatte er bei einem Forstwirtschaftsmeister in Arnsdorf-Hilbersdorf seine Kettensägen-Scheine gemacht, einen einfachen, einen für Sturmholzbeseitigung und einen für das Arbeiten auf der Hebebühne. Noch in der Siemens-Zeit gründete er im Nebenerwerb seine eigene Firma „Baumdienst Fabian Berger“ und meldete sich als Kleinunternehmer an.

„Als ich bei Siemens rausgeflogen bin, wurde mir klar, dass mir die Arbeit dort gar keinen Spaß gemacht hat“, erinnert er sich. Zwar habe der Verdienst gestimmt, aber es nervte ihn, die ganze Zeit in einer Halle zu stehen. „Und die Nachtschichten waren auch nicht meins“, sagt er. Das Arbeitsamt wollte ihn schnell in seiner Branche vermitteln: „Aber dann wäre die Arbeit wieder genau die Gleiche gewesen.“

Abwechslung und frische Luft

Also überlegte Fabian Berger, was er stattdessen machen will. Die Antwort lag auf der Hand. Die Baumpflege hatte ihm schon zu Opas Zeiten Spaß gemacht: „Das ist viel Abwechslung und ich bin draußen an der Luft.“ Auch der direkte Kontakt mit den unterschiedlichen Leuten gefällt ihm. Also betreibt er sein Gewerbe seit Juni 2016 in Vollzeit – anfangs mit Existenzgründerseminaren und -zuschuss vom Amt. „Die Anlaufphase war trotzdem schwierig“, sagt er. Er hatte noch keinen riesigen Kundenstamm und noch nicht viel Technik. Ohne die Unterstützung seiner Freundin Fanny Seidel sowie seiner Mutter, der Görlitzer Kinderärztin Ines Berger, hätte es anfangs wohl nicht so gut funktioniert. Beide halfen zum Beispiel bei der Werbung. Die Freundin unterstützte ihn auch bei der Büroarbeit. Angebote und Rechnungen schreiben gehört schließlich auch dazu.

Doch es lief schnell besser. So gut sogar, dass Fabian Berger in Technik investieren und einen Mitarbeiter einstellen konnte. Beides hat die Arbeit deutlich vereinfacht. Die erste Investition war ein kippbarer Hänger, um die Äste nicht immer per Hand abladen zu müssen. Später kamen ein kleiner Lkw, ein Häcksler, eine Wurzelstockfräse und ein Traktor mit Seilwinde hinzu. Jetzt hat er alles beisammen – und steht an dem Punkt, an dem er personell wachsen, also Leute einstellen müsste. Aber das will er gar nicht unbedingt: „Eigentlich bin ich so, wie es jetzt ist, glücklich.“ Naja, bei einem super Bewerber würde er vermutlich trotzdem nicht nein sagen.

Zum zweiten Mal Papa geworden

Glücklich ist er auch privat: 2017 kam Tochter Clara zur Welt, vor wenigen Wochen folgte Sohn Valentin. Ende 2018 ist die kleine Familie aus Görlitz rausgezogen und wohnt nun am Rand von Girbigsdorf im früheren Betriebshof der Gemeinde. Das eine Gebäude haben Fabian Berger und Fanny Seidel als Wohnhaus hergerichtet – mit einem dicken Baumstamm in der Mitte. „Der ist mit einem Kran durch das Dach reingekommen“, sagt Fabian Berger.

Im Moment kann er sich vor Arbeit kaum retten: Oktober bis Februar sind Baumpflege- und -fällzeit bei Kommunen und privaten Baumbesitzern. Alte Laubbäume pflegt er lieber, als sie zu fällen: „Das versuche ich auch den Besitzern zu erklären.“ Doch das Meiste, was er fällt, seien Nadelbäume, die zu DDR-Zeiten gepflanzt und nun schlichtweg zu groß geworden sind – und als Flachwurzler auch zu gefährlich. Der März dient der Nachbereitung.

Weihnachtsbäume als neues Standbein

Doch mittlerweile hat er auch im Sommer zu tun: Seit 2017 übernimmt er jedes Jahr eine abgeerntete Weihnachtsbaum-Plantage beim längst pensionierten Förster Manfred Schneider in Deutsch-Paulsdorf und forstet sie mit neuen Weihnachtsbäumen auf. Die müssen den Sommer über gegossen, gedüngt und von Unkraut freigehalten werden. „Die Hitzesommer 2018 und 2019 waren ein harter Einstand“, sagt Fabian Berger. Ohne ständiges Gießen wäre wohl die Mehrzahl der Bäumchen eingegangen. Dank seiner Pflege haben sie überlebt. Und mit harter Arbeit hat er ohnehin kein Problem: „Ich bin jeden Abend knülle, aber sehr glücklich mit meiner Arbeit.“

Weitere Geschichten aus der Serie "Junge Macher" lesen Sie hier:

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