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Görlitzer Funkamateure rüsten für den Katastrophenfall auf

Gemeinsam mit dem Roten Kreuz wird ein Notfall-Funknetz im Landkreis aufgebaut. Das funktioniert auch, wenn jedes Handy schon versagt.

Steffen Reitinger und Wolfgang Siegmund in den Vereinsräumen am Görlitzer Flugplatz: Die Funkamateure senden auch dann noch, wenn längst das Handynetz zusammengebrochen ist.
Steffen Reitinger und Wolfgang Siegmund in den Vereinsräumen am Görlitzer Flugplatz: Die Funkamateure senden auch dann noch, wenn längst das Handynetz zusammengebrochen ist. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

"Und 73!" Wolfgang Siegmund schaltet das Mikro aus. Die Verabschiedung klingt seltsam, ist aber unter Amateurfunkern gebräuchlich. "73" bedeutet ungefähr so viel wie "Viele Grüße". Fachsprech in Funkerkreisen eben.

Die Baracke am Flugplatz Görlitz, sie ist das Zuhause des Görlitzer Ortsverbandes des Deutschen Amateur-Radio-Clubs (DARC) oder kurz gesagt den Amateurfunkern. Was in den 1960er Jahren begann, mit der GST, der Gesellschaft für Sport und Technik, mauserte sich zum Radioklub Görlitz und eben heute zum Verein.

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Amateurfunk, das klingt nach 1960er, 1970er und vielleicht auch noch ein bisschen nach den 80er Jahren. Damals, als über Kurzwelle aus der DDR heraus die große, weite Welt erreicht wurde. "Das war damals schon ein bisschen ein Abenteuer. Man musste sich schon überlegen, was man sagen darf und was nicht", erinnert sich Wolfgang Siegmund. Denn die Staatssicherheit hatte auch die Amateurfunker mit ihren selbst gebauten Geräten im Blick beziehungsweise im Ohr. Über politische Sachen sollte dann mit den Kollegen in Amerika oder anderswo lieber nicht geredet werden. Eher über das Wetter.

Heute schaut man aufs Handy und kann sich sekundenschnell mit dem Gleichgesinnten auf dem gesamten Globus verbinden. Ist der Amateurfunk also ein Relikt aus alter Zeit? "Na, so würde ich das aber nicht sehen", sagt Steffen Reitinger. Er ist der Vorsitzende des Görlitzer Ortsverbandes. Was früher mit Röhren, später mit Transistoren betrieben wurde, hat heute längst Platz für digitale Technik gemacht. Wolfgang Siegmund etwa hat sich dem Funk über Satellit verschrieben. Und etwas ist geblieben: Wer sich als Amateurfunker auszeichnet, muss eine Prüfung ablegen, früher wie heute. Dafür dürfen sich die Funker ihre Geräte auch selbst zusammenstellen, gerade in der DDR ein einzigartiger Vorgang.

Der Görlitzer Verein hält weiterhin Kontakt mit der ganzen Welt. Und stellt sich den aktuellen Herausforderungen. Wenn es zu unvorhergesehenen katastrophalen Ereignissen kommt, egal ob nun Hochwasser oder anderes, die Amateurfunker funken weiter, halten Kontakt. "In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz bauen wir ein Notfunknetz auf", schildert Steffen Reitinger. Am Alten- und Pflegeheim auf der Lausitzer Straße gibt es schon ein entsprechendes Relais.

Aber Görlitz ist nur eine Stufe. Reichenbach, Königshain, Niesky, Ostritz folgen, allesamt Außenstellen des DRK. Die Antennen sind installiert. "Im Notfall kann man damit kommunizieren", schildert Steffen Reitinger. Das bedeutet auch: Wenn Internet und Handyverbindungen ihren Dienst quittiert haben, wenn alles Digitale still steht, wie jüngst beim Hochwasser in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen besteht zwischen den Rettungskräften immer noch Kontakt.

"Selbst wenn der Strom ausfällt können wir weiter funken. Wir schließen einfach eine Autobatterie an", schmunzelt Wolfgang Siegmund. Das sei die unterste Rückfallebene, sagt Steffen Reitinger. Noch werden Leute gebraucht, die die Anlagen betreiben.

Denn die Amateurfunker haben wie viele Vereine in der Oberlausitz Nachwuchssorgen. Noch 2008 lag der Altersdurchschnitt der Mitglieder bei 51, es gab 22 Görlitzer im Verein organisierte Funkamateure. Heute hat der Ortsverband 16 Mitglieder. Das Durchschnittsalter liegt bei 67 Jahren. Frauen sind nicht dabei.

Steffen Reitinger führt gleich mehrere Punkte auf, die potenzielle Neumitglieder verschrecken. "Man braucht natürlich Verständnis für die Technik, die Freude daran, selbst hergestellte oder zusammengestellte Geräte in Betrieb zu nehmen", sagt er. Und natürlich gibt es einen finanziellen Aspekt. Nicht nur die Technik kostet, sondern auch die Prüfung, nach der man sich als echter Amateurfunker ans Gerät setzen darf. "Aber andererseits", so Steffen Reitinger, "wer Sport treibt, braucht auch die entsprechenden Trainingsklamotten. Die gibt es auch nicht für umsonst."

Wolfgang Siegmund jedenfalls steht zu seinem Hobby. Er ist stolz darauf, welche Verbindungen er schon zustande gebracht hat. Eine der spektakulärsten war wohl die ins Weltall. Nein, nicht zur Internationalen Raumstation, sondern zur Mir, der früheren sowjetischen Station im All. Den Beweis hat er noch.

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