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Wer kein Deutsch kann, lernt nicht schwimmen

In Weinhübel geht die Mutter einer Grundschülerin auf die Barrikaden - auch für andere Eltern, deren Kinder nicht zum Schwimmunterricht dürfen.

Ein Kind lernt im Görlitzer Neißebad schwimmen.
Ein Kind lernt im Görlitzer Neißebad schwimmen. © Nikolai Schmidt

Die "kleine Indianerin", wie sie ihre Mutter liebevoll nennt, lebt erst seit einem Jahr in Deutschland. Davor hat sie mit ihrer Familie in Spanien gelebt. Der Vater Peruaner, die Mutter Ute Noßmann stammt aus Köln, hat aber Wurzeln in der Oberlausitz - einer der Gründe, warum sie sich entschied, nach Görlitz zu ziehen. Weil es aber mit der zweisprachigen Erziehung der Tochter daheim nicht so ganz geklappt hat und sie sonst keine deutschsprachigen Kontakte hatte, besucht die Zweitklässlerin deshalb in der Grundschule Weinhübel die sogenannte DaZ-Klasse. Deutsch als Zweitsprache heißt das, für diese Kinder hat das Lernen der Deutschen Sprache Priorität. 

Das geht so weit, dass sie den für die zweite Klasse eigentlich üblichen Schwimmunterricht nicht besuchen dürfen. Dagegen kämpft Ute Noßmann gerade. Nicht nur für ihre Tochter, sondern für alle DaZ-Kinder. Sie findet es diskrimierend, dass sie nicht mit Schwimmen dürfen, obwohl der Lehrplan das vorsehe.

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Viele Badeunfälle mit Flüchtlingskindern

Nun sollen also ihre Tochter sowie die Kinder mit Migrationshintergrund von einer Aktivität ausgeschlossen werden, die allen Spaß machen würde, und dies nicht nur einmal, sondern wöchentlich über ein gesamtes Schuljahr. "Langfristig ist zu befürchten, dass der eine oder andere dieser Schüler in die traurige DLRG-Statistik eingehen wird, die besagt, dass Menschen mit Migrationshintergrund überproportional häufig Opfer von Badeunfällen sind", sagt Frau Noßmann, "was die Allgemeinheit dann auf die Rückständigkeit der integrationsunwilligen Eltern schieben wird."

Was Frau Noßmann, die fünf Sprachen spricht und Dolmetscherin ist, besonders ärgert ist, dass der Lehrplan für Kinder mit Migrationshintergrund außer Kraft gesetzt werde, ohne dass die Eltern darüber informiert wurden. "Weder wurde den Eltern der DaZ-Kinder mitgeteilt, dass Schwimmunterricht vorgesehen ist und durchgeführt wird, ihre Kinder jedoch nicht daran teilnehmen dürfen noch wurden die Eltern der anderen Kinder darüber informiert, dass ein Teil der Klasse von diesem Unterricht ausgeschlossen bleibt." Das Vorgehen der Schule erscheine ihr "rechtlich und moralisch bedenklich". 

Antwort aus dem Kultusministerium

Dem Schulamt in Bautzen ist der Fall bekannt, auf ihre Beschwerde werde Frau Noßmann in dieser Woche eine Antwort vom Kultusministerium zugestellt. Jens Drummer vom Schulamt schildert auf SZ-Nachfrage, wie das Amt den Fall sieht. "Es gab unterschiedliche Gesprächsangebote an Frau Noßmann, die sie ablehnte, sie hat sich gegen die Schule gesperrt." Die Grundlage dafür, dass ein Zweitklässler am Schwimmunterricht teilnehmen kann, sei ganz klar: Er muss Deutsch gut verstehen, denn Schwimmen lernen ohne die Anweisungen des Schwimmlehrers zu verstehen, sei nicht möglich. "Hier geht es nicht um Benachteiligung, sondern um die Sicherheit der Kinder", sagt Drummer.

Deutsch als Zweitsprache sei in drei Stufen eingeteilt - eins betrifft diejenigen, die am wenigsten Deutsch können. "Bei Stufe drei wäre Frau Noßmanns Tochter dabei gewesen, sie ist aber erst Stufe 2, das heißt, sie hätte einen Antrag stellen können", so der Sprecher. 

Tochter darf nun doch zum Schwimmunterricht

Mittlerweile vermeldet Frau Noßmann der SZ und all ihren Unterstützern einen "Etappensieg". Ihr Kind darf nach Prüfung ihrer Sprachkenntnisse nun doch vorläufig am Schwimmunterricht teilnehmen. Sollte ihr Verhalten dort zufriedenstellend sein, darf sie bleiben. "Das Grundproblem ist allerdings nicht damit gelöst, dass eine Mutter, die auf die Barrikaden geht, für ihr Kind bekommt, was sie will", sagt sie ganz klar.

Nach Gesprächen mit anderen sieht sie die Sache weiter kritisch. Eine polnische Mutter, deren Kinder noch nicht eingeschult sind, habe ihr anvertraut, dass es genau solche Situationen sind, vor denen sie in Deutschland Angst habe. "Sie könne damit leben, selbst gelegentlich mit Mitmenschen konfrontiert zu sein, die Einwanderung kritisch sehen. Gleichzeitig sorgt sie sich jedoch, dass ihre Kinder in der Schule, die doch das stärkste Integrationsinstrument ist, über das der Staat verfügt, nur Schüler zweiter Klasse sein werden." Sie hoffe, so Frau Noßmann, dass "wir wenigstens in der Schule Bewusstsein schaffen und die Exklusionserfahrung mindern".

Zu wenig Schwimmlehrer?

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Derweil verteidigt Schwimmlehrer und Leiter der Nikolaigrundschule, Ingolf Schneider, das Vorgehen. Auch an seiner Schule hat er DaZ-Kinder, die von der Regelung betroffen sind. Von Diskriminierung könne aber überhaupt keine Rede sein. "Es geht ganz klar um die Sicherheit aller Kinder." 40 bis 50 seien es pro Einheit - aufgeteilt auf drei Schwimmlehrer. Dazu kommen die Lautstärke in der Halle, die Geräusche des Wassers. "Das sind ganz andere Bedingungen als etwa in der Schule." Und eine Eins-zu-Eins-Betreuung sei nun mal nicht möglich, dafür gibt es nicht genug Schwimmlehrer. Schneider weiß, was es heißt, 16 Kinder in einer Gruppe zu haben, keins darf er aus dem Blick verlieren. "Das ist schon eine ziemliche Herausforderung." Und was rät er den Eltern, die trotzdem wollen, dass die Kinder schwimmen lernen? "Unbedingt schnell Deutsch lernen, das ist das Wichtigste, das gilt für Eltern und Kinder."

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