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Görlitzer Vereine mit Zukunftsängsten

Nostromo, Stille Post, Cyrkus: Unter den Kreativen rumort es. Die Stadt kann das teilweise verstehen – und will handeln.

Valentin Hacke (r.) ist doppelt betroffen: Privat musste er am Postplatz 6 ausziehen, seinem Kulturbrücken-Verein droht nun Ähnliches.
Valentin Hacke (r.) ist doppelt betroffen: Privat musste er am Postplatz 6 ausziehen, seinem Kulturbrücken-Verein droht nun Ähnliches. © Nikolai Schmidt

Als sich Valentin Hacke 2011 für Görlitz entschied, geschah das nicht nur, weil er hier Heilpädagogik studieren konnte. „Dass es mit dem Kulturbrücken-Verein bereits ein Zirkus-Angebot gab, war ein wichtiger Faktor für Görlitz“, erinnert sich der heute 37-jährige freiberufliche Zirkuspädagoge, der aus Weimar stammt.

Er ist inzwischen Vorsitzender eben jenes Kulturbrücken-Vereins, der mit seinen Angeboten jede Woche in 13 Kursen rund 100 Kinder erreicht. Jedenfalls im September, bevor die zweite Corona-Welle kam. Der Verein veranstaltete zunächst ab 2007 Sommercamps, ab 2011 belebte er mit dem „Cyrkus im Laden“ leere Räume, wuchs immer weiter, zog mehrfach um und hat seit knapp zwei Jahren sein Domizil in der Jakobstraße 5, wo 20 freie Mitarbeiter auf 120 Quadratmetern Fläche Workshops geben. Größere Angebote wie Einradfahren finden mittlerweile in städtischen Turnhallen statt. Das Angebot hat eine überaus erfolgreiche Entwicklung genommen.

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ASB ist wirtschaftlich interessanter

Jetzt aber spürt Valentin Hacke eine Verdrängung: Zuerst musste er privat aus der „Stillen Post“ am Postplatz 6 ausziehen, weil Investor Winfried Stöcker die Villa gekauft hat. Er will sie abreißen, damit das Grundstück in seine Pläne für die Wiederbelebung des Kaufhauses und Aufwertung des City-Centers einbezogen werden kann.

Nun bekam auch Valentin Hackes Verein in der Jakobstraße 5 eine Kündigung. „Kommwohnen teilte uns mit, dass der ASB als neuer Mieter wirtschaftlich interessanter sei – und das, obwohl wir eine normale Gewerbemiete zahlen“, berichtet Valentin Hacke. Kommwohnen-Chef Arne Myckert bestätigt die Kündigung, weist aber die Begründung zurück: „Es geht nicht um den Mietpreis.“ Stattdessen wolle der Sozialträger mehr Räume anmieten und Leistungen für Familien in allen Altersgruppen anbieten: „Diese Kombination sehen wir für uns als interessanter an.“

Neben Stiller Post und Kulturbrücken-Verein hat auch der Club Nostromo Verdrängungsangst, auch ihm wurde im Winter gekündigt. Jetzt zeigt sich Bürgermeister Michael Wieler aber optimistisch, dass das Nostromo an der Cottbuser Straße bleiben kann. Doch die drei Beispiele sind der Grund, warum es in der soziokulturellen Szene in Görlitz derzeit rumort. Gemeint ist ein Netzwerk, dem viele Görlitzer Vereine – vom Kühlhaus bis zum Filmclub – angehören und das sich seit Beginn der Corona-Pandemie einmal im Monat online trifft, um aktuelle Probleme zu besprechen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Die Szene ist besorgt

Moderiert wird es von Christian Thomas, Geschäftsführer des Second-Attempt-Vereins, der im Werk I das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur betreibt. „Mehrere Dinge kamen zusammen – und in der Dichte entstand dann Besorgtheit“, schildert er die aktuelle Situation rund um Nostromo, Stille Post & Co. Als sich Ende vorigen Jahres die Situation beim Nostromo verschärfte, habe es ein Schlüsseltreffen gegeben, in dessen Folge das Netzwerk gemeinsam ein Schreiben an die Rathausspitze verfasst hat. „Darin haben wir vier Empfehlungen aufgeschrieben und den OB sowie den Bürgermeister zu einem Treffen eingeladen“, berichtet Christian Thomas.

Beide hätten schnell reagiert und wollten der Einladung folgen. Am Ende war OB Octavian Ursu kurzfristig verhindert, aber Wieler kam zusammen mit Felix Lumper, der im Rathaus seit 1. April neuer Sachgebietsleiter Familie und Soziales ist.

Görlitz hat viel nachgeholt

„Ich fand die Veranstaltung ziemlich gut“, sagt Wieler. Vieles sei sicher eine Frage der gegenseitigen Wahrnehmung: „Jeder lebt in der Gefahr, sich in einer Blase zu bewegen, ich selbst auch.“ Die Kreativen seien „nur“ ein Teil der bürgerschaftlich getragenen Kultur. Aber einer, der in den vergangenen zehn Jahren stark gewachsen sei. Da habe Görlitz viel nachzuholen gehabt. Auch zu den vier Empfehlungen, die das Netzwerk formuliert hat, seien beide Seiten ins Gespräch gekommen.

Zwei der vier konnten bereits ausgeräumt werden. Zum einen das Thema der oft kritisierten „einmaligen Sondernutzung“ von Gebäuden. Jahrelang war es in Görlitz so, dass leere Gebäude nur einmalig für Kulturveranstaltungen genutzt werden durften – und dann nie wieder. „Das gibt es nicht mehr“, sagt Wieler. Gebäude seien jetzt auch mehrmals nutzbar – solange es nicht zur Dauernutzung kommt. Ebenso vom Tisch ist die Empfehlung, einen Kulturbeirat aufzubauen, der die Verwaltung und die Politik beraten soll und in dem die soziokulturelle Szene vertreten sein soll. „Ich halte das nicht für das geeignete Mittel, stattdessen empfehle ich, das Netzwerk weiter auszubauen und öffentlich wahrnehmbarer zu machen“, sagt Wieler. Christian Thomas sieht das inzwischen ähnlich: „Als Netzwerk können wir Ziele vielleicht besser erreichen als im politischen Beirat, wo eher Politik gemacht wird.“

Kultursymposium erst nach Corona

Die dritte Empfehlung, ein „jährlich stattfindendes Kultursymposium“ zur Vernetzung der Kulturakteure, kann sich Wieler gut vorstellen, wenn es die Corona-Lage wieder zulässt: „So etwas funktioniert online nicht.“ Am Ende bleibt eine Empfehlung, die für beide Seiten ein wichtiger Knackpunkt ist. Das Netzwerk wünscht sich die Schaffung einer „Servicestelle Soziokultur“, die Kulturakteure berät, unterstützt, vernetzt und vermittelt. Die Stelle soll dort Lösungen finden, wo Vereine nicht weiterkommen. Dieser Punkt ist Christian Thomas besonders wichtig: „Aktuell ist im Rathaus nur Herr Dr. Wieler dafür zuständig, aber für die Hülle und Fülle von Themen reicht das nicht aus.“

Für diese Forderung zeigt Wieler Verständnis: „Das ist ein Bedarf, den ich auch sehe.“ Seit der Abschaffung des Kulturamtes liege dieses Feld brach. Wichtig sei, eine solche Stelle mit einer Person zu besetzen, die einen guten Einblick hat. Im Kulturentwicklungsplan stehe, dass eine solche Anlaufstelle beim Kulturservice geschaffen werden soll. Wieler überlegt inzwischen aber, das besser direkt in der Verwaltung zu tun. Allerdings: Das Thema Vernetzung sehe er als Aufgabe des Second-Attempt-Vereins: „Der macht das sehr gut.“ Was aber fehle, sei eine Stelle für die Beratung. Ansonsten unterbreitet Wieler allen Kreativen ein Angebot: „Jeder, der unzufrieden ist, kann sich gern direkt an mich wenden.“ Ein relativ kurzfristiger Gesprächstermin sei oft möglich. Letztlich sei das ganze Zentrum für Jugend und Soziokultur entstanden, weil sich unzufriedene junge Leute 2011 direkt an ihn gewandt haben.

Bürgermeister rief schnell an

Auch Valentin Hacke steht jetzt mit dem Bürgermeister im Kontakt: „Herr Dr. Wieler hat eine Woche nach dem Netzwerktreffen bei uns angerufen, um mit uns nach Lösungen zu suchen“, freut sich der Zirkuspädagoge. Zwei, drei städtische Immobilien seien im Gespräch. Kommwohnen habe die Kündigung von Ende März auf Ende Oktober aufgeschoben und suche nun auch mit nach geeigneten Räumen.

Entschieden sei aber noch nichts – zumal die Ansprüche des Vereins hoch seien: „Wir brauchen einen Raum von mindestens 120 Quadratmetern mit vier bis viereinhalb Meter Deckenhöhe.“ Weil das Training den Winter über stattfindet, müsse er auf 15 bis 18 Grad beheizbar sein und weil viele Kinder aus Zgorzelec teilnehmen, wäre es gut, wenn er vom Grenzübergang zu Fuß erreichbar wäre. Zudem müsste er barrierefrei sein und zusätzlich Lagermöglichkeiten für Kulissen, Kostüme und Musikinstrumente haben. „Die Jakobstraße war perfekt, da gab es all das“, sagt er.

Dank der Unterstützung durch eine Stiftung könne der Verein eine normale Gewerbemiete zahlen. Und er sei bereit, bei der Herrichtung von Räumen aktiv mitzuarbeiten. Zudem würde er gern dauerhaft bleiben und nicht in zwei Jahren erneut umziehen müssen. Wer etwas hat, kann sich gern an den Verein wenden.

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