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Sorgenkind Görlitzer Weinberg

Holprige Wege, zugewachsene Aussichten: Es gibt viel zu tun, aber die Stadt hat kein Geld. Jetzt gibt es aber Hoffnung.

Aus der Luft sieht man am besten, dass Weinberghaus und -turm heute mitten im Wald stehen.
Aus der Luft sieht man am besten, dass Weinberghaus und -turm heute mitten im Wald stehen. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Madeleine Köhler und ihre Tochter Miriam kennen den Görlitzer Weinberg nicht erst, seit der Biergarten am Weinberghaus vor zwei Wochen eröffnet wurde. „Wir wohnen nicht weit weg, waren schon oft hier“, sagt die Mutter. In der Corona-Zeit kam sie regelmäßiger, hat das eigene Wohnumfeld viel besser kennengelernt.

Sie spazieren gern im Weinberggelände: Madeleine Köhler (rechts) und ihre Tochter Miriam, hier vor dem Görlitzer Weinberghaus.
Sie spazieren gern im Weinberggelände: Madeleine Köhler (rechts) und ihre Tochter Miriam, hier vor dem Görlitzer Weinberghaus. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

„Der Weinberg ist wunderschön“, sagt sie: „Ich mag es, wenn es bergig und grün ist.“ Allerdings habe der Berg auch Abenteuer-Ausflugscharakter: „Man braucht gutes Schuhwerk, das sollte man vorher wissen.“ Die Wege seien oft holprig – aber dafür immerhin gut zum Mountainbiken geeignet. Weniger gut gefällt ihr, dass die Wege so schlecht ausgeschildert sind: „Gerade für Auswärtige ist das nicht gut.“

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Viele Görlitzer kommen – nicht zuletzt wegen des Biergartens – derzeit öfter zum Weinberg. Rolf-Dieter und Annedore Speer dagegen waren schon vorher viel da. Das Rentnerehepaar wohnt ganz in der Nähe und geht hier viel spazieren. „Die Wege könnten mal saniert werden“, findet Annedore Speer. Ihr Mann sagt, dass ab und an gefegt werde, vor allem am Robert-Oettel-Denkmal. Aber vieles fehlt, so Rolf-Dieter Speer: „Die Brücke aus Richtung Heinzelstraße, über die wir früher immer gekommen sind, ist weg, die Aussicht vom Weinberghaus zugewachsen.“ Das sei so ein schöner Blick zum Riesengebirge gewesen.

Auf dem Bild von 1970 sind Weinberghaus und -turm noch deutlich erkennbar ...
Auf dem Bild von 1970 sind Weinberghaus und -turm noch deutlich erkennbar ... © Foto: Henry Kraft

Auch Christian Freudrich, der im Görlitzer Rathaus für die Grünanlagen zuständig ist, bedauert das Fehlen der Brücke und die zugewachsene Aussicht. „Letzteres ist auch unser Fehler“, räumt er ein. Hätte die Stadt die Sichtachse seit der Schließung des Weinberghauses 1988 regelmäßig frei gehalten, gäbe es dort heute keine Konflikte mit dem Naturschutz. Doch auch beim Zustand der Wege und der fehlenden Beschilderung könne er die Kritik nachvollziehen.

... heute ragt nur noch die Spitze des Turmes aus dem bewaldeten Weinberg heraus. Auch das Volksbad hat sich deutlich verändert.
... heute ragt nur noch die Spitze des Turmes aus dem bewaldeten Weinberg heraus. Auch das Volksbad hat sich deutlich verändert. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Dass die Stadt nicht mehr macht, sei dem fehlenden Geld geschuldet. „Für den Grünflächenunterhalt haben wir pro Jahr 135.000 Euro zur Verfügung“, sagt er. Da sei aber alles drin – von der Landeskrone bis zur Wechselbepflanzung auf Post- und Wilhelmsplatz. Folglich reicht es nicht, um die Wege am Weinberg zu sanieren.

ABM-Kräfte haben früher viel geleistet

Bis vor reichlich zehn Jahren sah es noch anders aus: „Wir hatten jedes Jahr zehn ABM-Kräfte zur Verfügung, die sich fast das ganze Jahr um den Weinberg und die kleineren Parkanlagen in der Nähe gekümmert haben.“ Sie haben die Wege in Ordnung gehalten, aber auch mal eine Treppe saniert und in den Jahren 1998/99 den alten Gondelhafen neben der Obermühle freigelegt, der seither von der Obermühle für Boote genutzt wird.

Als keine ABM-Kräfte mehr bewilligt wurden, kam der große Einbruch. Seither kann die Stadt nur noch das Nötigste leisten, bedauert Freudrich: „Einmal im Jahr räumen wir die Wege frei und schneiden weg, was in die Wege hineinwächst.“ Zudem werden jede Woche die Papierkörbe geleert und bei Bedarf illegal abgelagerter Müll entfernt. Viel mehr aber auch nicht.

Die Wege im Weinberggelände sind teilweise recht holprig, kleine Bäumchen ragen in den Weg hinein.
Die Wege im Weinberggelände sind teilweise recht holprig, kleine Bäumchen ragen in den Weg hinein. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Dennoch gibt es jetzt neue Hoffnung – und das gleich aus zwei Richtungen. „Wir haben knapp 30.000 Euro für eine gartendenkmalpflegerische Zielplanung – also eine Art Masterplan – für das gesamte Weinbergareal bewilligt bekommen“, sagt Freudrich. Die Stadt stemmt das aus Eigenmitteln. Ein Büro aus Pirna hat den Zuschlag erhalten. Dort beschäftigt sich eine Waldpark-Expertin seit einem dreiviertel Jahr mit dem Weinberg. Ziel ist es, eine Arbeitsgrundlage zu bekommen, wie es am Weinberg weitergehen soll – bei Wegebau und Pflegearbeiten, aber auch beim Wiederherstellen von Sichtachsen.

Naturschutz will ein Gesamtkonzept

Da kollidieren Gartendenkmalpflege und Naturschutz bisher oft. Mit der Zielplanung soll nun die Gesamtentwicklung des Weinbergareals zwischen diesen beiden und allen anderen Behörden abgestimmt werden. Gerade der Naturschutz dränge auf ein solches Gesamtkonzept und wolle nicht alles einzeln besprechen. Freudrich indes erhofft sich von dem Konzept auch, dass am Ende alle Seiten zustimmen, die Aussicht vom Weinberghaus auf Volksbad und Riesengebirge wieder herzustellen – so, wie es sich die Eheleute Speer wünschen, aber auch Philipp Metz als Besitzer des Weinberghauses und Christian Schulz als Betreiber des Biergartens. Bis spätestens Januar soll die Zielplanung fertig sein, danach soll sie in den Stadtrat und auch der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Die zweite Hoffnung für den Weinberg nennt Bürgermeister Michael Wieler: Geld von der EU aus dem Interreg-Programm, mit dem Görlitz schon Stadtpark und Park des Friedens saniert hat. „In der neuen Interreg-Periode, die jetzt beginnt, wollen wir den Ausbau gen Süden fortsetzen“, sagt Wieler. Der Stadtrat habe dazu bereits vor Längerem zwei weitere Module beschlossen. Das Erste reicht vom Tivoli bis zum Viadukt, das Zweite umfasst den Weinberg.

Wenn der Doppelhaushalt 2021/22 bestätigt ist, will die Stadt daran weiterarbeiten, sagt Wieler. Das sei eine 100-Prozent-Förderung. Görlitz werde voraussichtlich 1,5 Millionen Euro beantragen. Realistisch betrachtet, sei das wohl die Obergrenze. Ob das Geld für ein Modul reicht oder für beide, kann Wieler derzeit noch nicht abschätzen. Das werde sich im Laufe der Planung zeigen. „Wenn der Stadtrat zustimmt, wird die Planung ausgeschrieben“, sagt Wieler. Dann wäre ein Bau 2023/24 realistisch. So oder so sei aber alles von den Interreg-Mitteln abhängig: „Mit 100 Prozent Eigenmitteln geht es nicht.“

Spaziergänger wie die Speers und die Köhlers dürften solche Aussagen freuen – selbst, wenn die Wege dann keine Mountainbike-Strecken mehr sein werden. Und auch Biergartenbetreiber Christian Schulz setzt auf eine Aufwertung des Umfeldes. Dieses Jahr ist er nur noch zweimal hier: dieses Wochenende und nächste Woche von Freitag bis Sonntag. Er hofft, mit Getränken, Pizza, Theater und Tanz noch viele Görlitzer an den Weinberg zu locken. Ab diesem Wochenende gibt es zudem Kuchen vom Melzer-Bäcker aus Königshain.

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