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Görlitzer Firmen setzen auf sibirische Birkenrinde

Sagaan und Nevi haben sich am Kühlhaus angesiedelt. Die eine verkauft Gefäße. Auf die andere wartet die Automobilindustrie schon.

Von Ingo Kramer
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Tim Mergelsberg, Gründer der Firmen Sagaan und Nevi, und Maja Meyer, Mitarbeiterin bei Sagaan, zeigen Birkenrindengefäße in ihrem Lager auf dem Gelände des Kühlhauses in Görlitz-Weinhübel.
Tim Mergelsberg, Gründer der Firmen Sagaan und Nevi, und Maja Meyer, Mitarbeiterin bei Sagaan, zeigen Birkenrindengefäße in ihrem Lager auf dem Gelände des Kühlhauses in Görlitz-Weinhübel. © Martin Schneider

Als Tim Mergelsberg ab 2003 bei seinem Zivildienst in Sibirien erstmals mit Birkenrinde in Kontakt kam, konnte er nicht ahnen, wo er 2021 stehen würde. „Als weltweit erste Firma sind wir kurz davor, Furniermaterial aus Birkenrinde serientauglich zu machen, es also in Großserie zu fertigen“, berichtet der heute 39-Jährige.

Darauf wartet die Automobilindustrie: „Zwei Hersteller würden unser Furnier im Premium-Segment für Armaturen und dergleichen sofort reinnehmen, wenn wir marktreif wären.“ Er hofft, dass das in den nächsten Monaten geschafft sein wird. Beim Rohmaterial ist es schon so weit. Das muss jetzt noch auf Träger verpresst werden: „Aktuell schauen wir, wer das für uns in größeren Plattenserien tun kann.“

Nevi-Mitarbeiter Ronny Nachtigall sägt Furniermaterial aus Birkenrinde zurecht.
Nevi-Mitarbeiter Ronny Nachtigall sägt Furniermaterial aus Birkenrinde zurecht. © Martin Schneider

All das passiert auf dem Gelände des Kühlhauses in Görlitz-Weinhübel. Von hier aus hofft Tim Mergelsberg, mit seiner Birkenrinde einen kleinen Beitrag zu leisten zur sozial-ökologischen Transformation. Es gehe darum, den Wandel in der Kohleregion positiv zu gestalten. Dafür gebe es smarte, zukunftsfähige Lösungen: „Da sind wir nur ein kleiner Beitrag unter vielen.“ Aber einer, auf den sogar das ZDF schon aufmerksam geworden ist. Es drehte bei Tim Mergelsberg, als es um Heimat, Wandel, Kohleausstieg und alternative Geschichten ging. Die Doku wurde zum Tag der Deutschen Einheit ausgestrahlt und ist jetzt noch in der ZDF-Mediathek zu finden.

Wenn man die ganze Geschichte erzählen will, muss man in der Nähe von Villingen-Schwenningen im Südwesten Baden-Württembergs anfangen. Von dort stammt Tim Mergelsberg. Von 2003 bis 2005 lebte er in Sibirien und baute dort eine Birkenrindenwerkstatt für Behinderte auf. „Dort habe ich verstanden, wie wertvoll das Material ist“, sagt er. Birkenrindengefäße werden seit Ewigkeiten zur Aufbewahrung von Lebensmitteln genutzt, weil die Rinde antimikrobiell und konservierend ist. „In Skandinavien und Sibirien hat sich das gehalten“, sagt der fünffache Vater, der in Sibirien bei alten Meistern gelernt hat.

Parallel zum Studium angefangen

Nach seiner Rückkehr beschloss er, die Gefäße nach Deutschland zu exportieren und hier zu verkaufen, damit die Produzenten Einnahmen haben. Dafür gründete er seine erste Firma Sagaan – eine reine Vertriebsfirma für die Gefäße, die nichts selbst produziert. Sagaan entstand zuerst parallel zu seinem Studium in Passau. Später zog er nach Berlin und ging die Sache ernster an. Doch schon bald wurde ihm und seiner Familie klar, dass sie nicht auf Dauer in der Großstadt bleiben wollen, wo Wohnraum begrenzt und teuer ist. Auf der Suche nach Alternativen stießen sie auf die Görlitzer Ecke, wo sie ein paar Leute kannten, wo es auf einem Hof genug Platz zum Leben gab und wo die Waldorfschule problemlos neue Schüler aufnimmt. All das waren Argumente, 2017, kurz nach der Geburt des vierten Kindes, nach Görlitz zu ziehen.

Große Mengen getrocknete Birkenrinden für verschiedene Einsatzbereiche lagern bei der Firma Nevi auf dem Gelände des Kühlhauses.
Große Mengen getrocknete Birkenrinden für verschiedene Einsatzbereiche lagern bei der Firma Nevi auf dem Gelände des Kühlhauses. © Martin Schneider

„Und dann hatten wir Riesenglück, das Kühlhaus zu finden“, schwärmt er. Hier gibt es schon mehrere Betriebe – und ein solidarisches Miteinander: „Die Firmen helfen sich untereinander aus.“ Das Sagaan-Lager zog in eine bisher leere Halle ein. Seine zweite Firma Nevi gründete Tim Mergelsberg 2019 im Kühlhaus. Auch sie befasst sich mit Birkenrinde und nutzt die gleiche Halle. Doch während Sagaan eine reine Vertriebsfirma für die Produkte aus Sibirien geblieben ist, produziert Nevi selbst.

Furniermaterial ist vielseitig einsetzbar

Nevi stellt Furniermaterial aus Birkenrinde her. Das ist vielseitig einsetzbar, unter anderem für Griffe für Fahrradlenker, Werkzeug, Türklinken und Rasierpinsel, zudem für Wand- und Bodenbeläge in Duschen, Bädern, Saunen, Spas und Yogastudios, aber auch als Verkleidung im Innenbereich, etwa im Yachtbau oder Automobil. Das Griffmaterial wird aus etwa 70 Lagen Birkenrinde gestanzt, sortiert und gefügt. Nach der maschinellen Formgebung wird die Oberfläche finalisiert und geölt.

„Die volle Stärke der Birkenrinde zeigt sich im Direktkontakt mit Haut, zum Beispiel in Barfußbereichen wie Bädern“, sagt er. Der pH-Wert sei ähnlich der menschlichen Haut, darum fühlt es sich so vertraut an. Es ist griffig, man rutscht nicht aus. Zudem ist es natürlich wasser- und schmutzabweisend und langlebig: „Eine gute Alternative zu künstlichen Bodenbelägen, die für ein gutes Raumklima sorgen kann – ohne versiegelnde Lacke und chemische Oberflächenbehandlungen.“ Nicht zuletzt lässt es die Bäume im Wald – die Rindenernte erfolgt waldfreundlich: Viele Birken erholen sich und wachsen einfach weiter.

Auch Nevi wächst: Anfang des Jahres arbeiteten erst drei Menschen in der Firma. Heute sind es acht, bald neun. Tendenz weiter steigend. Viele sind wegen der Firma nach Görlitz gezogen, andere stammen von hier. „Um Nevi aufzubauen, hat uns das Land Sachsen enorm gut gefördert“, schwärmt der Gründer. Dann sei noch der Corona-Start-up-Hilfsfonds dazugekommen: „Das alles hilft uns für vier Jahre über den Berg“, sagt Tim Mergelsberg, der seinen Mitarbeitern dadurch halbwegs faire Löhne zahlen kann. Allerdings keine, mit denen er werben kann. Das sagt auch Anne Döring, die sich bei Nevi seit Anfang des Jahres um Marketing und Vertrieb kümmert und dafür nach Görlitz gezogen ist.

Anne Döring kümmert sich bei Nevi um Marketing und Vertrieb. Hier zeigt sie getrocknete Birkenrinden.
Anne Döring kümmert sich bei Nevi um Marketing und Vertrieb. Hier zeigt sie getrocknete Birkenrinden. © Martin Schneider

Sie hat zuvor in Berlin als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Charité gearbeitet und dort klinische Studien gemacht. „Da habe ich deutlich mehr verdient“, sagt die 41-Jährige: „Aber ich wollte aus meinem Bereich raus, noch einmal etwas völlig Neues machen.“ Bei Nevi habe sie die Chance gesehen, ohne das nötige Studium einzusteigen. Sie habe zwar keinen Marketinghintergrund, aber ansonsten eine super Bewerbung abgegeben, sodass Tim Mergelsberg gleich das Gefühl hatte, dass es die richtige Bewerberin für die Position ist. Bereut hat er es bis heute nicht: „Generell habe ich hier bisher genau die richtigen Leute gefunden.“ Anne Döring hat sogar einen Bezug zur Region: Ihre Oma lebte in einem alten Haus in Leuba. Jetzt hat sie das Haus übernommen. Ihr Chef lebt mit seiner Familie auf dem Pfaffendorfer Lindenhof. Sie alle wollen jetzt hier Wurzeln schlagen – und mit Nevi Fuß fassen. Auch Anne Döring ist optimistisch, dass das gelingt: „Die Nachfrage nach sinnvollen, neuen, natürlichen Materialien ist da.“