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Görlitzer Alterspyramide steht auf dem Kopf

Die Rentner-Jahrgänge sind aktuell die Stärksten. Das ist nicht normal. Und es wird Folgen haben.

Einer von 931 in Görlitz: Bodo Voigt gehört dem Jahrgang 1941 an. Kein anderer Jahrgang ist in Görlitz stärker vertreten als dieser.
Einer von 931 in Görlitz: Bodo Voigt gehört dem Jahrgang 1941 an. Kein anderer Jahrgang ist in Görlitz stärker vertreten als dieser. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Hartmut Dolgner ist erstaunt: „Dass wir so viele sind, war mir nicht bewusst“, sagt der Kunnerwitzer, der im März 80 Jahre alt wird. „Wir“, das sind die 1941 geborenen. 931 Menschen aus diesem Jahrgang leben momentan in Görlitz – so viele wie aus keinem anderen Jahrgang. Zum Vergleich: Görlitz hat nur 407 Einwohner mit dem Geburtsjahr 2020, 465 Jahrgang 2019 und 462 Jahrgang 2018. Der Lebensbaum kränkelt immer mehr: Der Stamm ist schmal, die Krone breit, wie bei einer Eiche.

Auch Hartmut Dolgner aus Kunnerwitz ist Jahrgang 1941. Die meisten seiner Klassenkameraden leben noch.
Auch Hartmut Dolgner aus Kunnerwitz ist Jahrgang 1941. Die meisten seiner Klassenkameraden leben noch. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Von der Fichte, die unten breit ist und nach oben immer schmaler wird, ist Görlitz hingegen weit entfernt. Sie war über Jahrhunderte maßgeblich für den Lebensbaum der Bevölkerung. Anderenorts ist sie bis heute relevant, wenngleich nicht mehr so stark wie früher. In Leipzig ist die Altersgruppe der Null- bis Fünfjährigen stärker vertreten als die der 75- bis 80-Jährigen.

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Das sind die Lebensbäume für Görlitz: Links im Dezember 2019, rechts im Dezember 2011.
Das sind die Lebensbäume für Görlitz: Links im Dezember 2019, rechts im Dezember 2011. © Statistisches Landesamt des Freistaates Sachsen, K

Doch warum ausgerechnet 1941? Das waren harte Zeiten, der Zweite Weltkrieg war ausgebrochen, viele Männer an der Front. „Mein Vater war mal auf Heimaturlaub“, sagt Dolgner. Einen solchen Urlaub haben damals offenbar viele Männer genutzt. Doch Dolgner hat noch eine andere Erklärung: „Ich denke, das Durchhaltevermögen spielt eine große Rolle, darin sind wir offenbar gut.“ Er wuchs in Görlitz auf, machte hier Abitur. „Aus den beiden Klassen meines Jahrgangs leben von 56 Schülern nachweislich noch 38“, sagt er. Hinzu kämen welche, zu denen kein Kontakt mehr besteht, sodass sich Dolgner sicher ist, dass noch mehr als 40 am Leben sind.

Zusätzlich leben in Görlitz auch Zugezogene aus dem gleichen Jahrgang. Genau wie Dolgner wurde auch Professor Bodo Voigt im März 1941 geboren. Er stammt aus Bremen, pendelte ab 1992 beruflich nach Görlitz, lernte 1994 hier seine Frau kennen, heiratete 1995, arbeitete aber noch bis 2006 an der Uni Bremen, wohin er immer für eine halbe Woche pendelte. Erst seit 2006 lebt er dauerhaft in Görlitz. „Dass wir in Görlitz eine hohe Dichte an älteren Jahrgängen haben, ist schon klar“, sagt Bodo Voigt. Aber ausgerechnet 1941? Nein, dafür hat er keine Erklärung. Auch er hat noch zu vielen Kontakt, mit denen er aufgewachsen ist. „In Görlitz habe ich aber vor allem mit Leuten zu tun, die zehn bis 15 Jahre jünger sind“, sagt er. Im Theater und im Konzert fällt ihm die Überalterung am meisten auf, berichtet Voigt.

Das sind die Lebensbäume für Niesky: Links im Februar 2021, rechts im Februar 2011 - jeweils die Spitzen der Bäume, also die älteren Jahrgänge.
Das sind die Lebensbäume für Niesky: Links im Februar 2021, rechts im Februar 2011 - jeweils die Spitzen der Bäume, also die älteren Jahrgänge. © Stadtverwaltung Niesky
Das sind die Lebensbäume für Niesky: Rechts im Februar 2021, links im Februar 2011 - jeweils die Stämme der Bäume, also die jüngeren Jahrgänge.
Das sind die Lebensbäume für Niesky: Rechts im Februar 2021, links im Februar 2011 - jeweils die Stämme der Bäume, also die jüngeren Jahrgänge. © Stadtverwaltung Niesky

Um die Entwicklungen zu verstehen, muss man sich die Zahlen ansehen, die das Statistische Landesamt in Kamenz sowie die Stadtverwaltungen Görlitz und Niesky der SZ zur Verfügung gestellt haben.

Wie hat sich der Lebensbaum in Görlitz entwickelt?

Im Jahr 2000 war der Jahrgang 1941 nur Zweitplatzierter: Der Jahrgang 1940 lag damals davor. Auf den Plätzen drei und vier folgten die Jahrgänge 1939 und 1938. Anders gesagt: Die Jahrgänge 1938 bis 1941 waren schon damals die breiteste Stelle in der Krone des Baumes. Diese Menschen, damals um die 60 Jahre alt, sind jetzt um die 80. Die stärksten Jahrgänge sind also alt geworden. Gleichzeitig hat sich am Fuß des Baumes kaum etwas verändert: Silvester 2000 lebten 454 Babys aus dem Jahrgang 2000 in Görlitz, also etwa genauso viele wie jetzt aus den Jahrgängen 2018 und 2019.

Sieht es beispielsweise in Niesky ganz genauso aus?

Nein. Dort ist aktuell der Jahrgang 1960 mit 215 Menschen am stärksten vertreten, gefolgt von 1963 mit 212 Einwohnern. Allgemein sind die Jahrgänge 1950 bis 1965 dort am stärksten vertreten, sodass der Lebensbaum an dieser Stelle am breitesten ist. Zum Vergleich: Nur 150 Nieskyer gehören dem Jahrgang 1941 an. Das sind aber immer noch deutlich mehr als die 59 Nieskyer des Jahrgangs 2020 oder die 61 Nieskyer von 2019. Das heißt: Der Stamm des Baumes ist in Niesky extrem dünn.

Wie steht es um das Durchschnittsalter der Bevölkerung?

Wenig überraschend ist es in beiden Städten seit 1990 deutlich angestiegen. Allerdings, und das ist auffällig, verlief der Anstieg in Görlitz bei Weitem nicht so steil wie in Niesky. Der Durchschnittsgörlitzer war 1990 gerade mal 39 Jahre jung, bis 2010 stieg das Durchschnittsalter auf 47,4 Jahre. Seither hat es sich bei diesem Wert eingepegelt, 2019 lag es bei 47,7 Jahren. Ganz anders in Niesky, wo die Leute 1990 noch jünger waren: Im Durchschnitt 37 Jahre. Doch dort endete der Anstieg nicht 2010, sondern er hält bis heute an, sodass der Durchschnittsnieskyer mit mittlerweile 51,1 Jahren den Görlitzer überholt hat.

Welchen Einfluss haben Geburten und Sterbefälle?

Hier verläuft die Görlitzer Entwicklung seit 20 Jahren ziemlich kontinuierlich – wenngleich mit einigen kleineren Ausschlägen. Die Geburtenzahl erreichte nie auch nur annähernd die Werte von 1941. Stattdessen schwankt sie seit dem Jahr 2000 zwischen 400 und 500 Babys pro Jahr. Nur 2009 lag knapp darüber, 2006 und 2007 knapp darunter. Die Zahl der Gestorbenen schwankte bis zum Jahr 2017 zwischen 717 und 841 pro Jahr, nur 2007 (637 Tote) liegt darunter. Ab 2018 geht die Zahl schlagartig nach oben: 2018 starben 905 Görlitzer, 2019 waren es 893 und im Corona-Jahr 2020 dann exakt 1.000. In der Folge waren das auch die drei Jahre mit dem größten Geburtendefizit: Vorher lag es immer unter 400, seit 2018 immer darüber, 2020 sogar bei 586.

Machen sich Zu- und Wegzug in der Statistik bemerkbar?

Definitiv. Der Saldo von Zu- und Wegzügen für Görlitz lag noch bis 1996 bei mehr als minus 1.000 pro Jahr. Das heißt, damals verlor die Stadt durch Wegzug jedes Jahr über 1.000 Menschen mehr, als der Zuzug hätte ausgleichen können. Oftmals gingen junge, berufstätige Menschen weg. Sie fehlen im Lebensbaum bis heute, zumal sie später eben keine Kinder in Görlitz bekommen haben. Das dürfte ein maßgeblicher Grund für die heutige Form des Lebensbaums sein. Später ließ der Negativsaldo immer mehr nach. Wann die Trendwende kam, ist nicht ganz klar. Nach den Zahlen der Stadt gab es ab 2004 jedes Jahr ein Plus, nach den Zahlen des Statistischen Landesamtes erstmals 2008. Der beste Wert wurde in beiden Fällen im Jahr 2015 erreicht, ein Plus von rund 1.400 Einwohnern binnen eines Jahres. Später schrumpfte diese Zahl wieder, doch es blieb stets bei einem Plus.

Was schlussfolgert die Stadt aus den Daten?

„Mit den vorliegenden und künftigen Konzepten zur Stadtentwicklung schaffen wir Grundlagen und Rahmenbedingungen, um einerseits Anreize für Zuzüge zu schaffen und andererseits solche Rahmenbedingungen, dass sich Menschen aller Altersgruppen in Görlitz wohlfühlen“, erklärt Hartmut Wilke vom Amt für Stadtentwicklung. Die Stadt Görlitz habe nicht den Schwerpunkt auf bestimmte Altersgruppen gelegt. Vielmehr wolle sie lebenswert für alle Altersgruppen sein.

Hartmut Dolgner und Bodo Voigt sagen übereinstimmend, dass es für sie keine Vorteile hat, zur größten Bevölkerungsgruppe zu gehören. Allerdings sind beide auch nicht auf altersgerechte Wohnformen oder abgesenkte Bordsteine angewiesen. Beide leben im eigenen Haus. Voigt wohnt mitten in der Stadt. „Altersgerechte Baumaßnahmen fallen mir da natürlich auf“, sagt er. Letztlich scheitere ein solcher Umbau aber oft am Denkmalschutz. Und ein guter ÖPNV für die größte Bevölkerungsgruppe? Dolgner schüttelt den Kopf: „Ich denke mit Grauen an die Zeit, wenn ich irgendwann nicht mehr selbst Auto fahren kann.“

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