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Hagenwerder: Zwischen Traum und Realität

Der Frischemarkt schließt, die Ladenstraße ist jetzt fast komplett leer. Viele hoffen trotzdem, dass es mit dem Ortsteil endlich aufwärts geht. Und es gibt den See-Joker.

Die Ladenzeile in Hagenwerder auf der Karl-Marx-Straße. Nahezu jeder Laden ist verlassen.
Die Ladenzeile in Hagenwerder auf der Karl-Marx-Straße. Nahezu jeder Laden ist verlassen. © Nikolai Schmidt

Am Ende war es dann wohl doch zu schwer, den kleinen Laden zu halten. Jana Mathieu hat ihren Frischemarkt auf der Ladenstraße in Hagenwerder Ende September schließen müssen - schweren Herzens. Nach fast 20 Jahren. Viel sagen möchte und kann Jana Mathieu nicht dazu, es geht ihr einfach zu nahe, sagt sie. Allein, die emotionalen Dankesschreiben, die einige Senioren in den letzten Tagen brachten, rühren an.

Da wird vom tollen Quartett gesprochen, das fehlen wird, von stets freundlichen Gesichtern, wenn man den Laden betrat. Für nette Gespräche und viele Späße wird gedankt, für freundliches Lächeln. "Ihr Laden war mehr als Geschäft und Ihre Mitarbeiter mehr als nur Personal", schreibt eine Seniorin. "Hier hat man bekommen, was man zum Leben braucht." Und eine weitere: "Danke, dass Ihr für viele Leute die einzige Verkaufsstelle hier so lange am Leben erhalten habt." Nicht zuletzt wird auch Frau Mathieus Mann Udo-Walter lobend genannt, der immer mit im Laden geholfen hat. 

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Immer einen Schritt voraus
Immer einen Schritt voraus

SKAN beginnt mit weiterem Ausbau des Standortes in Hagenwerder

Jana Mathieu vergangenen Sommer vor ihrem Markt auf der Karl-Marx-Straße: Damals war noch durchhalten die Devise. Nun ist der Markt doch zu.
Jana Mathieu vergangenen Sommer vor ihrem Markt auf der Karl-Marx-Straße: Damals war noch durchhalten die Devise. Nun ist der Markt doch zu. © André Schulze

Mancher sei allerdings auch sauer gewesen, dass den Senioren in Hagenwerder jetzt auch noch diese Anlaufstelle weggenommen wird, heißt es. Erst im vergangenen Jahr hatte die Sparkasse ihre Außenstelle geschlossen. Doch allem Anschein nach ging es mit dem Frischemarkt nicht mehr. Jana Mathieu sprach schon im vergangenen Jahr gegenüber der SZ  von "durchhalten". Zumindest noch so lange, bis zwei der drei Kolleginnen das Rentenalter erreicht haben. Nun ist es soweit: Beide gehen in Rente, die dritte Mitarbeiterin hat ab November eine Festeinstellung. Auch Frau Mathieu selbst hat ab Mitte Oktober eine feste Anstellung. 

Gerade den Älteren werden die Vier fehlen. Thomas Zimmermann, Vorsitzender der ISG Hagenwerder erzählt, dass seine 77-jährige Mutter jeden Tag um 7 Uhr im Laden stand, sie sei sehr traurig, dass das nun nicht mehr geht. "Das war ein sozialer Treffpunkt, ein Ort des Austausches, wo jeder jeden kannte", sagt Zimmermann. Und natürlich falle damit wieder etwas in Hagenwerder weg, die stete Bergab-Entwicklung seit 1990 setze sich fort. Arzt, Jugendklub, Sparkasse, Freibad, Schule, Apotheke - alles weg.  Die Jugend wird weniger, die Alten auch. Einer der letzten größeren sozialen Treffpunkte ist der Sportkomplex der ISG. Aber selbst hier merkt man den Schwund deutlich. Viele kommen aus Görlitz. Diejenigen, die aus Hagenwerder sind, lassen sich an fünf Fingern abzählen. 

Thomas Zimmermann von der ISG: Er hofft, dass Hagenwerder die Talsohle nun langsam mal erreicht hat und es nun wieder aufwärts geht.
Thomas Zimmermann von der ISG: Er hofft, dass Hagenwerder die Talsohle nun langsam mal erreicht hat und es nun wieder aufwärts geht. © nikolaischmidt.de

Auf der Ladenstraße gibt es indes noch zwei Vereine als letzte verbliebene Treffpunkte: Den esta e.V., der hier donnerstags mit dem Kindertreff Angebote für Kinder macht und nebenan der Wohnpark e.V. - einem Verein, der mal gegründet wurde, um die Interessen der Wohnungseigentümer in den Wohnblocks rund um die Karl-Marx-Straße zu vertreten. Hier sind vorwiegend ältere Mitglieder. Beide Vereine arbeiten normalerweise zusammen, nur aktuell sind die Kontakte zwischen Kindern und Älteren wegen Corona erst mal auf Eis gelegt. 

Dietmar Kollei leitet den Kindertreff, erzählt, dass er gut angenommen werde. Erst am letzten Donnerstag waren 16 Kinder da. Fünf ist der Jüngste, 13 der Älteste, "eine gute Mischung", sagt Kollei. Es wird gespielt, gekocht, gebacken und vor Corona kamen hier alle Generationen gern zusammen. Die Hoffnung ist groß, dass es am 1. Advent wieder die "Hagenwerder-lebt"-Veranstaltung geben kann - ein gemeinsames weihnachtliches Singen und Backen.

Der Frischemarkt zwei Tage nach seiner Schließung. Ähnlich trostlos sieht es fast in der gesamten Ladenzeile auf der Karl-Marx-Straße aus.
Der Frischemarkt zwei Tage nach seiner Schließung. Ähnlich trostlos sieht es fast in der gesamten Ladenzeile auf der Karl-Marx-Straße aus. © Nikolai Schmidt

Und so kennt Dietmar Kollei die Befindlichkeiten der älteren Menschen von Hagenwerder gut. Ihre Sorgen, dass vom alten Hagenwerder irgendwann nicht mehr viel übrig sein wird. "Viele fragen sich, was aus Hagenwerder wird, jetzt, da sich so viel verändert und umstrukturiert wird", sagt Kollei. Das ist in der Tat der Fall und an zwei Entwicklungen festzumachen: Zum einen gab es einen Eigentümerwechsel. Ein neuer Großvermieter hat die Wohnungen in den Blocks gekauft, die keine Eigentumswohnungen sind. Zum anderen ziehen immer mehr polnische Familien nach Hagenwerder, genügend freie Wohnungen gibt es schließlich. Petra Lange, Leiterin des ASB-Kindergartens im Ortschaftszentrum bestätigt das. "Weniger Kinder haben wir nicht bei uns, denn es kommen immer mehr polnische Kinder. Auch der Kita wird der Frischemarkt fehlen, mit den Kindern sind sie immer wieder dort gewesen, erzählt Frau Lange.

Industriegebiet ist voll

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt - auch in Hagenwerder. Vielleicht ist von Hagenwerder vor der Wende nicht mehr viel da, immerhin war es dank des Kraftwerks einst ein florierender Ort mit vielen jungen Familien. Doch es entwickelt sich offenbar ein neues Hagenwerder, mit einem Industriegebiet, das große Unternehmen anzieht. In den vergangenen Jahren gab es hier einige Neuansiedlungen. Und da ist der sich entwickelnde Berzdorfer See vor der Haustür, dem Hagenwerder und vor allem Tauchritz so nah wie kaum eine andere Ortschaft sind. Das ist der große Joker, damit sollen wieder Menschen in den Ort gezogen werden. Ein großes Plakat an der B 99 wirbt für die Seegärten als Wohnstandort. 

Die Zukunft Hagenwerders? Ein Werbeschild an der B 99 wirbt für Wohnungen und 1-A-Seelage. Damit kann es Hagenwerder schaffen, immer mehr junge Leute anzuziehen.
Die Zukunft Hagenwerders? Ein Werbeschild an der B 99 wirbt für Wohnungen und 1-A-Seelage. Damit kann es Hagenwerder schaffen, immer mehr junge Leute anzuziehen. © Nikolai Schmidt

"Wir hoffen auf den neuen Eigentümer", sagt Thomas Zimmermann. "Vielleicht hat er ein paar gute Ideen. Und vielleicht ist die Talsohle in der Entwickung von Hagenwerder jetzt erreicht? Es muss endlich wieder mal bergauf gehen."

Manuel Kretschmar, ein junger Hagenwerderer Unternehmer, Familienvater und Ortschaftsratsmitglied, findet: Es geht längst wieder bergauf. Ja, es stimme, viele polnische Familien seien in den Ort gezogen. Darüber hinaus kenne er aber auch mindestens sieben echte Hagenwerder-Rückkehrer. Familien, die sich im vergangenen Jahr bewusst dazu entschieden haben, sich in ihrer Heimat etwas aufzubauen. Dafür würden unter anderem leer stehende Wohnungen schon so umgebaut, dass sie für größere Familien geeignet sind. Frisch sanierte Wohnungen, günstige Mieten, die Seelage - optimale Bedingungen für Zuzüge. Und so weiß Manuel Kretschmar, dass Hagenwerder im vergangenen Jahr erstmals wieder Einwohnerzuwachs hatte.

Lebt gern in Hagenwerder und sieht einen Aufwärtstrend: Manuel Kretschmar, der eine Internetfirma hat.
Lebt gern in Hagenwerder und sieht einen Aufwärtstrend: Manuel Kretschmar, der eine Internetfirma hat. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

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Dass nun der Frischemarkt geschlossen hat - ja, für die älteren Leute sei das schade. "Aber das ist in anderen Regionen genauso, die kleinen Läden auf dem Land brechen zusammen, weil es sich nicht rentiert", sagt Kretschmar. Die Jüngeren nutzen solche Anlaufstellen höchstens, wenn sie beim Großeinkauf mal was vergessen haben. "Man muss auch sagen, dass wir eine super Verkehrsanbindung an Görlitz haben, Bahn und Bus stehen zur Verfügung, auch für Ältere." Auch der Kiosk und zwei Gaststätten sind noch da. Klar, ein paar neue Firmen für die Ladenzeile würde man sich schon wünschen.

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