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Ex-Drogenschmuggler wird Neugörlitzer

Hubertus Becker führte ein schillerndes Kriminellenleben, saß jahrelang im Knast. Heute schreibt und gärtnert er in Görlitz, wenn er nicht gerade im Fernsehen ist.

Hubertus Becker, Buchautor und ehemaliger Drogenschmuggler: Hier steht er vorm Bücherregal in seiner Wohnung in Görlitz.
Hubertus Becker, Buchautor und ehemaliger Drogenschmuggler: Hier steht er vorm Bücherregal in seiner Wohnung in Görlitz. © Martin Schneider

Es ist warm an diesem Vormittag im Mai. Ein Fenster der Altbauwohnung in Görlitz, 50 Quadratmeter, dritte Etage, steht weit offen. Ein großer Computerbildschirm flimmert. "Kaffee?", fragt Hubertus Becker höflich.

Dann legt er auch schon los, erzählt von seinem aktuellen Buchprojekt, vier zusammengehörende Bände sollen es werden, die ersten drei sind fertig. Irgendwann stoppt Hubertus Becker: "Was möchtest Du wissen? Ich habe viel zu erzählen." Daran besteht kein Zweifel.

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Deutschlands Top-Drogenschmuggler der 1970er Jahre

Hubertus Becker (West)-Deutschlands Top-Drogenschmuggler der 1970er Jahre, heute Neugörlitzer. Alle Stationen seines Lebens detailliert zu beleuchten, dafür braucht man wohl die vier Bände. Hubertus Becker lacht und steckt sich ein Zigarillo an. "Stört es, wenn ich rauche?"

Hubertus Becker, Jahrgang 1951, stammt aus sogenanntem gutem Hause, der Vater ist Forstbeamter. Nach dem Abitur und familiären Problemen studiert er nicht, sondern schließt sich in den 1970ern einer Münchner Drogenschmugglerbande an. Er zeigt offenbar Organisationstalent. International steigt er von Ibiza aus ins Geschäft ein. Dort lebt Hubertus Becker von 1975 bis 1980. Er schmuggelt Haschisch von Marokko nach München.

Hubertus Becker reist nach Amerika und Asien, ist 1977 an einem großen Haschisch-Schmuggel beteiligt, der als "Opel-Affäre" durch die Medien ging, weil Opel-Erbin Marie Christine von Opel mitwirkte. 1978 erreicht ihn auf Ibiza das Angebot, ins "Big Business" einzusteigen. Hubertus Becker arbeitet mit der chinesischen Mafia und kolumbianischen Cocabauern zusammen, importiert Heroin. Er lebt auf Bali, in China.

Von den Millionen blieb nichts

"Ich habe Millionen gemacht", sinniert Hubertus Becker heute in Görlitz. Geblieben sei davon nichts, "zumindest nichts Materielles". Der Knick kommt, als Hubertus Becker sein bester Kunde wird und Heroin nimmt. Er wird leichtsinnig, wird 1982 in München verhaftet. Als erster Drogenschmuggler bekommt er in Deutschland die Höchststrafe: 15 Jahre. Das Betäubungsmittelgesetz war gerade am 1. Januar 1982 verschärft worden. Die Boulevardmedien haben ihr Thema.

Hubertus Becker wird vorzeitig entlassen, geht 1992 nach China. In Macau gründet er die Mira Far East Handelsgesellschaft, exportiert ganz legal Möbel und Haushaltswaren nach Deutschland. Aber seine Vergangenheit holt ihn ein. Während eines Deutschlandaufenthaltes trifft er einen früheren Mithäftling, Dieter Zlof. Der hatte 20 Jahre zuvor den Industriellensohn Richard Oetker entführt. Hubertus Becker will ihm helfen, die als Lösegeld erpresste Summe von 21 Millionen D-Mark zu waschen. Das Ganze geht schief und Hubertus Becker wieder ins Gefängnis. Urteil: sechs Jahre.

Karriere als Autor beginnt im Gefängnis

Noch im Gefängnis beginnt er zu schreiben, bekommt sogar Preise. Nach Görlitz habe es ihn eigentlich der Liebe wegen verschlagen. "2015 habe ich auf dem Bau am Rhein gearbeitet", erzählt Hubertus Becker. Dort trifft er eine Frau, sie stammt aus der Oberlausitz. Sie werden ein Paar, die Frau macht das Angebot, ihn in ihre Heimat mitzunehmen. "Ich habe schon auf Bali und in China gelebt, warum nicht Oberlausitz?", schmunzelt Hubertus Becker. Zuvor sei er nie im Osten der Republik gewesen, aber das Leben hier, die Denke der Leute, das interessiert ihn. Die Beiden sanieren ein Haus in Berthelsdorf, aber die Beziehung hält nicht.

"Ich bin zu dieser Zeit mehrmals im Jahr nach Spanien geflogen, habe dort für Deutsche gearbeitet, ich spreche Spanisch", so Hubertus Becker. Gutes Geld habe er gemacht, aber seine Partnerin wollte seine Reisetätigkeit nicht länger akzeptieren. "Vielleicht dachte sie, ich habe eine Freundin in Spanien", überlegt Hubertus Becker.

Der Liebe wegen in die Oberlausitz

"Jenke.Crime.": Jenke von Wilmsdorff (Mitte) mit den Protagonisten seiner neuen Reihe auf Pro Sieben, links Hubertus Becker.
"Jenke.Crime.": Jenke von Wilmsdorff (Mitte) mit den Protagonisten seiner neuen Reihe auf Pro Sieben, links Hubertus Becker. © ProSieben

Gedreht wurde an Originalschauplätzen, auch in Hubertus Beckers Wohnung in Görlitz. "Die waren mit sieben Mann hier. Da wurde es ganz schön eng", erinnert er sich. Eigentlich sollte wohl auch auf Ibiza gedreht werden, aber Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. "Es war jedenfalls eine interessante Erfahrung", sagt Hubertus Becker. Es ärgert ihn allerdings ein bisschen, wenn er in Medien als "Ex-Drogenbaron" bezeichnet wird. "Das klingt ja so, als ob ich eine Privatarmee in Kolumbien gehabt hätte. Das ist Quatsch. Mit Waffen hatte ich nie was am Hut", sagt er.

In Görlitz hat sich Hubertus Becker inzwischen eingelebt. "Ich wurde gut aufgenommen, bin gerade dabei Kontakte zu knüpfen, auch über die evangelische Gemeinde", sagt er. Und der Ex-Drogenschmuggler hat seine Liebe zum Garten entdeckt. "Ich wollte unbedingt einen Garten. Denn ich habe an Gewicht zugelegt vom Herumsitzen, von 82 Kilo auf 92. Ich brauche etwas zum Ausarbeiten", sagt er.

Stolz auf seinen Garten in Görlitz

Als auf einem Aushang in Görlitz ein Garten angeboten wird, ruft er an. Ein älteres Ehepaar hat das Land abzugeben. "Als ich mir es angesehen habe, war ich völlig verblüfft. Das war ein Urwald mit topp erhaltener Laube", so Hubertus Becker. Er bekommt den Garten, legt sich ein Stück Rasen zwischen all den blühenden Büschen und Bäumen an. Bilder zeigt er stolz auf seinem Computerbildschirm. "Sieht das nicht einfach toll aus?"

Wird Hubertus Becker denn in Görlitz bleiben oder zieht es ihn wieder in die weite Welt hinaus? Er zuckt mit den Schultern. "Wie gesagt: Ich finde es hier schön", sagt er. Außerdem habe er nun seinen Garten: "Das bindet schon."

Dann muss sich Hubertus Becker ein bisschen beeilen. Er hat einen Impftermin bei seiner Hausärztin und muss nachschauen, wann der nächste Bus fährt. Außerdem kommt heute Abend noch sein Kumpel Steeven Fabian "Bone" Bonig vorbei. Gemeinsam wollen sie ein bisschen fernsehen: den nächsten Teil von "Jenke.Crime.". Der neue Alltag eines früheren Top-Drogenschmugglers in Görlitz.

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