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Zweitälteste Görlitzerin will sich impfen lassen

Ingeborg Puschmann wird diesen Donnerstag 104 Jahre alt. Sie ist geistig topfit. Und vermisst ihren Friseur.

Ingeborg Puschmann begeht am 7. Januar ihren 104. Geburtstag in der Pflegeresidenz Villa Marie Curie an der Joliot-Curie-Straße in Görlitz.
Ingeborg Puschmann begeht am 7. Januar ihren 104. Geburtstag in der Pflegeresidenz Villa Marie Curie an der Joliot-Curie-Straße in Görlitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

An die Spanische Grippe kann sich Ingeborg Puschmann nicht erinnern. Die Krankheit grassierte von 1918 bis 1920. Da war sie noch ein kleines Mädchen. „Aber meine Mutter hat mir später davon berichtet“, sagt sie. Die Corona-Pandemie hingegen erlebt sie jetzt ganz bewusst mit. „Selbstverständlich möchte ich mich impfen lassen“, sagt sie. Schließlich wolle sie ja 105 Jahre alt werden.

Älteste Görlitzerin wird 106

Bis dahin dauert es nur noch ein Jahr: An diesem Donnerstag begeht Ingeborg Puschmann ihren 104. Geburtstag. Damit ist sie mittlerweile die zweitälteste Görlitzerin. Die älteste wird in zwei Wochen 106, möchte aber nicht namentlich genannt werden. Doch, so viel ist sicher: Ihr geht es noch immer gut. Das kann man auch von Ingeborg Puschmann sagen. Sie läuft zwar am Rollator, aber geistig ist sie topfit. Auch die Augen spielen noch gut mit: Sie kann ohne Brille lesen und Kreuzworträtsel machen. Nur für die Ferne, zum Fernsehen etwa, braucht sie ihre Sehhilfe. Am meisten ärgert sie, dass sie manchmal schlecht Luft bekommt. Aber viele Tabletten braucht sie trotzdem nicht.

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Bisher ist sie von einer Corona-Infektion verschont geblieben. Aber die Kontakte vermisst sie sehr. Ihre gute Freundin, die für sie einkauft und auch den Schriftverkehr erledigt, konnte wochenlang nicht zu ihr in die Pflegeresidenz Villa Marie Curie kommen. Hintergrund war, dass es im Heim Corona-Fälle gab. „Meine Freundin ist oft aufs Grundstück gekommen und hat mir von unten zugewunken“, sagt Ingeborg Puschmann. Ansonsten blieb nur das Telefonieren. Aber mittlerweile ist das Heim aus der Quarantäne entlassen, sodass die Seniorin auch wieder Besuch empfangen darf. Sie ist sehr froh, dass sie die Freundin hat und dass diese sich so fürsorglich um sie kümmert. Es ist eigentlich die Tochter einer guten alten Freundin.

Der Fernseher als Tor zur Welt

Die beiden Kinder von Ingeborg Puschmann leben leider weit entfernt, im Westerwald und in Bayern. Auch die drei Enkel und vier Urenkel sind nicht in Görlitz. Mit ihren Kindern telefoniert sie immer sonntags. Ansonsten setzt sie im Moment verstärkt auf den Fernseher: „Der ist mein Tor zur Welt und zugleich die beste Ablenkung“, sagt die Jubilarin.

Ingeborg Puschmann hofft, dass sich die Lage entspannt, wenn sie geimpft ist. Allein: Ein Impftermin für die Villa Marie Curie steht bisher noch nicht fest, Ingeborg Puschmann muss sich noch gedulden. Im Frühling will sie mit ihrer Freundin gern zum Wochenmarkt fahren, der gleich um die Ecke ist. Und sie will im Sommer mal wieder zu ihrem 3.000 Quadratmeter großen Garten am Flugplatz gefahren werden. Den hat sie selbst gepflegt, bis sie 95 Jahre alt war: „Er gehört mir immer noch, aber inzwischen habe ich ihn verpachtet.“ Nun will sie mal sehen, wie er jetzt aussieht. Ihre Freundin habe ihr versprochen, sie dieses Jahr im Sommer hinzufahren.

Jetzt ist Geduld gefragt

Geduld braucht sie auch bei einer anderen Sache, die ihr sehr wichtig ist: Sie vermisst ihren Friseur. Doch solange die Salons wegen Corona geschlossen sind, kommen auch keine Friseure in die Heime. „Ich lege immer Wert auf eine gepflegte Frisur“, sagt die 104-Jährige. Für sie sei es mit das Schlimmste, dass das derzeit nicht geht.

Ingeborg Puschmann wurde am 7. Januar 1917 in Görlitz geboren, hat hier das Lyzeum (Gymnasium) besucht und später ihr ganzes Leben in der Neißestadt verbracht. „Bei der Dentistin Fiebiger habe ich Zahntechnikerin gelernt“, erinnert sie sich. Später heiratete sie dann den Zahnarzt Wolfgang Puschmann. Über viele Jahre betrieben sie gemeinsam eine Praxis in der Jakobstraße und wohnten im gleichen Haus.

Mit 68 in Rente gegangen

„Ich hatte das Labor und habe mich um die Technik gekümmert“, sagt sie. Ihr Mann arbeitete, bis er mit 72 Jahren starb. Da war Ingeborg Puschmann auch schon 68 – und beendete ihr Arbeitsleben, indem sie die Praxis schloss. Die Instrumente verkaufte sie an die Poliklinik, dann setzte sie sich zur Ruhe und zog in eine kleinere Wohnung in der Brautwiesenstraße um.

Seither sind 36 Jahre vergangen. Ingeborg Puschmann hat vor allem die Zeit nach der Wende genossen: „Nun konnte ich reisen und alles nachholen, was vorher nicht möglich war.“ Jedes Jahr hat sie zwei Reisen gemacht, am liebsten Kreuzfahrten. „Einmal sind wir die ganze Westküste Amerikas abgefahren, bis zum Panama-Kanal“, berichtet sie. Auch New Orleans ist ihr bis heute in Erinnerung geblieben: „Die ganze Stadt ist voller Musik.“

Autofahrerin bis vor acht Jahren

Auto gefahren ist sie noch mit 96 Jahren – und zwar unfallfrei: „Nur einmal bin ich an einer roten Ampel geblitzt worden.“ Aber gerade für die Einkäufe habe sie ihren kleinen Twingo sehr geschätzt. Für ihr hohes Alter macht sie gute Gene verantwortlich: „Meine Mutter ist 92 geworden, damals war das ein sehr hohes Alter.“

Für ihren 104. Geburtstag hat sie bisher nichts geplant. „Ich denke nicht, dass meine Kinder kommen werden“, sagt sie. Eigentlich will sie es auch gar nicht – der Ansteckungsgefahr wegen. Auch wenn Ingeborg Puschmann mit ihrem Rollator inzwischen wieder in die Gemeinschaftsräume auf ihrer Etage gehen könnte, bleibt sie derzeit lieber noch in ihrem Zimmer – aus Vorsicht. Sie will doch 105 werden.

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