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"Den ersten Umzugskarton trage ich"

Willi Xylander wollte zu Dienstzeiten den Senckenberg-Campus erleben. Das wird wohl nichts. SZ sprach mit ihm über sein Buch, den Neubau und einen Nachfolger.

Willi Xylander (65), Direktor des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz: Er spricht mit der SZ über Gegenwart und Zukunft von Senckenberg in Görlitz.
Willi Xylander (65), Direktor des Senckenberg Museums für Naturkunde in Görlitz: Er spricht mit der SZ über Gegenwart und Zukunft von Senckenberg in Görlitz. © Nikolai Schmidt

Professor Willi Xylander (65) ist Direktor des Senckenberg-Naturkundemuseums in Görlitz. Das Haus am Marienplatz ist für Besucher coronabedingt geschlossen, an der Bahnhofstraße wird inzwischen am neuen Campus gearbeitet - wenn auch mit Verspätung. Frühestens 2023 soll die Einrichtung öffnen. Willi Xylander wollte eigentlich den ersten Umzugskoffer selbst tragen. Wie sieht er die Situation Senckenbergs in Görlitz heute, in Zukunft? Was hat er vor? Die SZ sprach mit ihm - im Home-Office.

Herr Xylander, ein Museumsdirektor im Home-Office, wie geht das?

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Eigentlich mache ich das gar nicht so oft, nur an Tagen, in denen es im Museum nicht so viele Termine gibt. Ich nehme mir dann Dinge vor, die liegengeblieben sind. Und ich schreibe an meinem Buch weiter. Das habe ich vor fünf Jahren angefangen.

Worum geht es denn in dem Buch?

Es wird eine Art Handlungsanleitung wie man ein Naturkundemuseum führt, es auf- und ausbaut. Es geht um Architektur, Sicherheit beispielsweise. Derzeit schreibe ich gerade über Besucherforschung.

Wie wollen Sie denn die Besucher erforschen?

Es gibt unterschiedliche Methoden, zum Beispiel den klassischen Fragebogen. Kommen die Gäste aus der Region? Sind sie in der Familie oder allein unterwegs? Wie viel wissen sie mehr, wenn sie das Haus wieder verlassen? Es gibt natürlich auch moderne Methoden, etwa das Eye-Tracking. Dabei wird gemessen, wie lange sich Besucher ein bestimmtes Objekt anschauen.

Fünf Jahre sind aber eine lange Zeit für ein Buch.

Na ja, wenn man in Klausur geht, sich etwa in eine Hütte in Brandenburg zurückzieht, wie ich es schon angedroht habe, wird man natürlich eher fertig. Aber ich schreibe, wenn es zeitlich gerade passt.

Das Museum am Marienplatz ist für Besucher geschlossen, wie geht es denn den Tieren dort? Werden sie im Vivarium trotzdem gut versorgt?

Natürlich. Es ist immer jemand da, der sich um sie kümmert. Die Mitarbeiter im Vivarium übernehmen auch noch andere Aufgaben, bereiten beispielsweise eine Ausstellung vor, die schon hätte eröffnet werden sollen. In der Forschung wirkt sich Corona eher aus.

Inwiefern?

Nun, gerade in der ökologischen Forschung ist die derzeitige Situation schwierig. Unsere Mitarbeiter können nicht reisen. Zudem sind sie meist in Teams unterwegs - ebenfalls schwierig in diesen Zeiten. Zudem haben wir Projekte mit anderen Partnern, die auch nicht reisen können.

Die Bauarbeiten am Senckenberg-Campus auf der Bahnhofstraße haben begonnen. Sind Sie erleichtert darüber, dass es endlich losgeht?

Ja! Wenn so ein großes Projekt startet, entwickelt sich immer eine gewisse Dynamik. Wir erwarten etwa 80 Studenten, 120 Mitarbeiter, die 200 Tage im Jahr oder länger hier sind. Man muss vernünftig planen. Wir haben beispielsweise lange über das Energiekonzept nachgedacht. Es soll emissionsarm und nachhaltig sein. Jetzt gerade haben wir noch einmal über die Sicherheit und das Foyer gesprochen. Da haben viele Stellen etwas zu sagen, Polizei, Feuerwehr, Denkmalschutz etwa.

Sie planen schon solche Details wie das Foyer?

Ja, es wird ja schließlich jetzt am Campus gebaut. Da muss klar sein, wie das Foyer aussieht, wie es einmal ausgestattet sein wird.

Wie sieht denn das Energiekonzept aus?

Das ist noch in der Entwicklung. Es geht um einen großen Gebäudekomplex, der sowohl geheizt als auch gekühlt werden muss. Wahrscheinlich wird es einen Ansatz geben, der unterschiedliche Energiesysteme beinhaltet und lokale Anbieter einbezieht.

Der Bau hat mit Verspätung begonnen. Eigentlich sollte der Museums- und Forschungskomplex 2021 fertig sein. Wie kam es zu der Verzögerung?

Einerseits war es der schwierige Baugrund, an denkmalgeschützten Gebäuden mussten Sicherungsarbeiten ausgeführt werden. Andererseits gab es natürlich Diskussionen ums Geld. Der Bund ist jetzt mit einer zweistelligen Millionensumme dabei. Und man muss bedenken: Die ersten Planungen für das Vorhaben sind schon zehn Jahre alt.

Ende 2022, so hieß es bisher, gehen Sie in den Ruhestand. Bleibt es dabei?

Ja. Ich plane nichts anderes.

Dann wird es wohl nichts mit dem ersten Umzugskarton? Der Campus soll ja erst 2023 fertig werden.

Ich hoffe, ich bin bei der Eröffnung dabei und trinke denen ein Glas Sekt weg. Und wenn sich ein symbolischer erster Umzugskarton findet, der nicht zu schwer ist, dann trage ich ihn auch.

Haben Sie schon einen Nachfolger als Museumsdirektor im Auge?

Auf jeden Fall wird es wieder einen Direktor geben. Senckenberg in Görlitz hat eine sehr flache Leitungshierarchie. Wir haben fünf Abteilungsleiter, einer wird davon als neuer Direktor vorgeschlagen, alle Meinungen gehört. Eine Ausschreibung wird es eher nicht geben. Andere Einrichtungen handhaben das anders. Hinzu kommt: Zwei Abteilungsleiter, inklusive mir, gehen. Ob sich von den Neuen dann schon jemand in der Lage sieht, die Funktion des Direktors zu übernehmen, muss man sehen. Senckenberg wird in Görlitz ja vor allem durch das Museum am Marienplatz, durch Ausstellungen wahrgenommen. Da steht ein Direktor dann auch schon in der Öffentlichkeit.

Wird Senckenberg in Görlitz an sich reduziert auf das Museum und ansonsten zu wenig wahrgenommen?

Ja. Tiere, Ausstellungen machen nur zehn bis 15 Prozent unserer Arbeit aus. Der "Rest" ist Lehre, Forschung. Wir haben ein 4,2-Millionen-Euro-Budget von Bund und Land. Zudem haben wir im vergangenen Jahr zwei Millionen Euro an Forschungsmitteln eingeworben. Geld, das unseren Mitarbeitern und damit auch der Stadt zugute kommt. Unsere Mitarbeiter sind in Vereinen, in der Lokalpolitik engagiert. Sie spielen eine wichtige Rolle in der Stadt.

Wie sieht es denn da mit der Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen aus?

Wir haben zwei Studiengänge mit dem Internationalen Hochschulinstitut in Zittau auf die Beine gestellt. Studenten aus 30 Nationen leben für zwei Jahre hier, aus Afrika, Asien, Amerika. Solche Sachen, die Impulse für eine internationale Gesellschaft in der Stadt, gehen meiner Meinung nach an den Bürgern vorbei.

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