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"Wer lokale Medien haben will, muss auch bezahlen"

Sebastian Beutler, SZ-Redaktionsleiter Görlitz/Niesky: Zum SZ-Geburtstag interviewte ihn Volksbank-Vorstand Sven Fiedler. Über Erfolge, Flops und Zukunft.

Redaktionsleiter Sebastian Beutler interviewte zum 75-jährigen Bestehen der SZ nicht - sondern wurde interviewt.
Redaktionsleiter Sebastian Beutler interviewte zum 75-jährigen Bestehen der SZ nicht - sondern wurde interviewt. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Von Sven Fiedler,
Vorstand der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG

Wollen Sie mal die Rollen tauschen und einen Tag Reporter sein? So fragte mich die Sächsische Zeitung anlässlich ihres bevorstehenden 75. Geburtstages an, verbunden mit einem Angebot: Ich könne den Görlitzer Redaktionsleiter Sebastian Beutler nach Herzenslust ausfragen. Bislang war es immer umgekehrt: Er fragte mich, wenn ich als Vorstand die Bilanz der Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien eG bekanntgab oder Personalveränderungen bei der Diakonie-Stiftung Libera, dessen Stiftungsrat ich leite. Kurzum, ich hatte Lust darauf. Zwei Stunden nahmen wir uns Zeit für das Interview. Und erst als ich den geschriebenen Beitrag sah, bemerkte ich, wie wenig doch auf eine Zeitungsseite passt. Hier kommt es also, das Jubiläumsinterview.

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Volksbank-Vorstand Sven Fiedler informierte sich vor dem Interview noch, wie die Zeitung entsteht. Vor dem Computer sitzt SZ-Redakteur Peter Chemnitz.
Volksbank-Vorstand Sven Fiedler informierte sich vor dem Interview noch, wie die Zeitung entsteht. Vor dem Computer sitzt SZ-Redakteur Peter Chemnitz. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Seit wann sind Sie bei der SZ?

Ich bin seit 1996 angestellt bei der SZ, anfangs waren es zwei Schwangerschaftsvertretungen. Vor meinem Journalismus-Studium in Leipzig von 1990 bis 1995 absolvierte ich ein redaktionelles Jahr in der Görlitzer Lokalredaktion der Tageszeitung „Die Union“. Nach einer Fusion sind das heute die „Dresdner Neueste Nachrichten“. „Die Union“ hat es bis 1991 in Görlitz gegeben, sie hatte ihre Räume auf der Schützenstraße. Heute ist da ein Versicherungsbüro. Von Stress war da keine Rede, Redaktionsschluss war beispielsweise für die Donnerstag-Ausgabe bereits am Dienstagabend.

Das waren andere Zeiten.

Ja, aber das war damals schon nicht mehr zeitgemäß.

Wollten Sie schon immer Journalist werden?

Mein Vater war freier Journalist, wollte aber zu DDR-Zeiten in keine Partei, deswegen war er auch nicht angestellt. Zu Hause hielt er sich aber fünf oder sechs Tageszeitungen, damit er wusste, wo was abgedruckt worden war.

Das war aber auch damals schon unüblich, dass man so viele Zeitungen zu Hause hat?

Ja. Neben den Regionalzeitungen war da auch der „Morgen“, die zentrale LDPD-Zeitung aus Berlin, die nach meiner Erinnerung immer etwas anders berichtete. Nur die SED-Zeitung „Neues Deutschland“ kam nicht ins Haus.

Der Beruf war Ihnen also in die Wiege gelegt?

Wiege würde ich nicht sagen. Aber ich hatte zumindest einen Eindruck vom Berufsbild, auch wenn es heute ganz anders ist.

Warum sind Sie in Görlitz geblieben und nicht zu FAZ oder Süddeutscher gegangen?

Bei der FAZ war ich mal, aber bin in der letzten Runde ihrer Volontariatsauswahl an einer Sport-Frage zum Dresdner SC gescheitert. Ich hatte dann nach dem Studium ein Volontariatsangebot der Märkischen Oderzeitung aus Frankfurt/Oder. Aber dann kam das Angebot, für eine schwangere Kollegin in Görlitz einzusteigen. Und das habe ich dann auch gemacht und bis heute nicht bereut.

Wie viele Klassenkameraden sind wie Sie in Görlitz geblieben?

Etwa eine Handvoll von sehr kleinen Klassen mit maximal 20 Schülern sowohl auf der POS als auch auf der EOS.

Deutlich über die Hälfte sind nicht mehr da?

Ja, aber das ist für diese Jahrgänge rund um die Friedliche Revolution nicht ungewöhnlich, sondern eher die Regel.

Hatten Sie nie den Drang noch mal etwas anderes zu machen? Sie sind ja jetzt über ein Vierteljahrhundert bei der SZ.

Ich war ja nicht die ganze Zeit in Görlitz, und auch nicht immer Chef. Nach meinem Einstieg ging ich 2000 nach Bautzen als Stadtreporter, 2001 als Lokalchef nach Löbau, 2003 nach Zittau als Lokalchef und 2008 kehrte ich nach Görlitz zurück, anfangs in der Lausitz-Redaktion, seit November 2008 dann als Leiter der Görlitzer und seit einigen Jahren der gemeinsamen Redaktion Görlitz/Niesky. Da wurde es eigentlich nie langweilig.

Da kennen Sie die schönen und weniger reizenden Ecken des Kreises?

Ja, und natürlich habe ich in den Jahren viele kennenlernen dürfen, die jetzt im Kreis etwas zu sagen haben.

Das ist sicher ein Vorteil, dass man nach so vielen Jahren auch weiß, wie sich Dinge entwickelt haben.

Es hat Vor- und Nachteile. Man muss aufpassen, dass man sich die journalistische Distanz und einen frischen Blick bewahrt.

Wie schaffen Sie es, diese Unabhängigkeit zu bewahren? Ich nehme Sie als sehr neutral wahr. Wie gelingt das in dieser langen Zeit?

Man muss sich bei aller Nähe zu den Akteuren auch eine Distanz bewahren. Unter den Politikern im Kreis duze ich mich mit einem einzigen, weil ich ihn seit 30 Jahren und aus einem ursprünglich ganz anderen Zusammenhang kenne. Vereinzelte Duz-Angebote habe ich auch abgelehnt, nicht weil ich die- oder denjenigen nicht mag. Aber es gibt nicht immer nur gute Zeiten in der Zusammenarbeit. Und gerade wenn sie belastet ist, halte ich ein „Du“ für schwierig. Mancher nimmt das als arrogant wahr, aber so ist es nicht von mir gemeint. Es dient eher zum gegenseitigen Schutz.

Seit es die sozialen Netzwerke gibt, hat das Thema Distanz eine ganz andere Bedeutung. Nähe ist da gewünscht und führt ja auch dazu, dass Kritik direkt adressiert werden kann. Sie müssen gerade auf Facebook immer wieder schwere Angriffe aushalten. Ich würde mir das wahnsinnig persönlich nehmen. Wie halten Sie das aus, trotz alledem weiter zu berichten?

Ich schaue mir die Reaktionen an, denke auch über die Argumente nach und dann muss man für sich entscheiden, ist da was dran oder nicht. Und manchmal muss man einfach, einen Tag nicht reinschauen, da ist die Aufregung auch abgeklungen. Vor allem darf man es eben nicht persönlich nehmen. Generell gilt: Das blaue Wohnzimmer von Facebook ist ein Teil der Realität, aber nicht allein die Wirklichkeit. Und man muss sich immer vor Augen führen: Viele Menschen verzichten bewusst oder unbewusst auf Facebook. Das Problem sind all jene, die glauben, Facebook ist ihre und die Wirklichkeit. Sie stecken in ihrer Blase fest und nehmen nicht mehr wahr, dass sich die Welt auch anders drehen kann.

Meine Tochter käme gar nicht auf die Idee, mich um ein Facebook-Profil zu fragen. Das ist auch eine Generationenfrage.

Klar, die Jüngeren sind schon bei Tik-Tok oder Snapchat oder in einem anderen sozialen Netzwerk. Und man muss ja auch sagen: Wenn ich kommentiere, versuche ich auch, Klartext zu reden. Und der eine oder andere fühlt sich dadurch auch berufen, entsprechend zu antworten. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes.

Machen Sie das, um Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Nein, ich setze mich nicht hin und sage mir, jetzt musst Du es aber mal Herrn X wieder geben, sondern es geht mir um die Sache. Und natürlich ist es auch ein Lerneffekt, mit Facebook umzugehen. Anfangs habe ich mir das auch mehr zu Herzen genommen, bis ich gemerkt habe, hoppla, da gibt es auch noch eine Welt jenseits davon.

Das ist ja auch ein pfiffiges System, das Abhängigkeiten erzeugt: Menschen machen sich mit Informationen gegenseitig abhängig, und Herr Zuckerberg schiebt Werbung dazwischen und verdient unglaublich viel Geld damit. Darauf muss man als Geschäftsidee erst einmal kommen. Aber der Preis ist eben für den Einzelnen hoch: Man zahlt mit seinen eigenen Daten.

Als unternehmerische Idee ist das großartig. Nur finde ich, dass Medien mehr Geld für ihre Inhalte von Facebook erhalten sollten, und Facebook führt zu Zuspitzung, Radikalisierung und Spaltung der Gesellschaft. Aber ein paar solcher Start-ups für Görlitz, und mir wäre um die Region nicht bange.

Was waren denn für Sie die prägendsten Geschichten in 25 Jahren?

Ein Einschnitt war das Hochwasser 2010. Ich habe meinen Armeedienst beim Katastrophenschutz in Görlitz absolviert, und da hieß es immer, wenn es in Görlitz ein Hochwasser gibt, dann ist es in Hagenwerder zuerst, weil da mit der Witka, der Pließnitz und der Neiße drei Flüsse zusammentreffen. Und die Neiße natürlich aus den Bergen im Süden kommt. Und so fuhr ich an jenem Sonnabendabend mit unserem damaligen Fotografen Nikolai Schmidt nach Hagenwerder. Wir sahen, wie das Wasser kam, wie es in den Friedhof lief, wie die Kreuzung B99/Straße nach Tauchritz überschwemmt wurde. Ein Stadtrat, der sein Haus in den Neißewiesen hatte, wollte mich noch zur Schulanfangsfeier seines Sohnes einladen. Das habe ich mit Blick aufs Wasser dankend abgelehnt. Bloß gut, wir wären nicht mehr weggekommen. Irgendwann rief mich dann Nikolai Schmidt und zeigte auf unsere Autos, das Wasser stand bis zum Einstieg. Wie wateten zu den Wagen, öffneten vorsichtig die Tür und fuhren ganz langsam durch die Wassermassen. Wir waren sicher mit die Letzten an diesem Sonnabend, die Hagenwerder noch verlassen konnten. Dann war der Ort für fast 24 Stunden von der Außenwelt abgeschnitten.

Das war knapp: SZ-Redakteur Sebastian Beutler erreichte seinen Wagen in Hagenwerder beim Neiße-Hochwasser nur noch mit Müh und Not.
Das war knapp: SZ-Redakteur Sebastian Beutler erreichte seinen Wagen in Hagenwerder beim Neiße-Hochwasser nur noch mit Müh und Not. ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Das ist ja interessant. Ich wohnte damals noch in Weinhübel, und in der Nacht erhielt ich von einem Kollegen einen Anruf und bin aus dem Haus. Kurz danach war es überschwemmt.

Ja. Und ich bin die Nacht durch Weinhübel und durch die Dörfer rund um Görlitz gefahren, um zu schauen, was sich ereignet. Ich hatte Sonntagsdienst.

Im Rückblick: Was würden Sie vielleicht nicht wieder so machen?

Wenn Görlitzer sich erinnern, dann werden sie wissen, dass die Abwahl des damaligen Oberbürgermeisters Matthias Lechner das einschneidendste Ereignis in der jungen Demokratie nach 1990 war. Mit dem damaligen Lokalchef war ich bei der Berichterstattung in einer sehr exponierten Lage. Und manches würde ich sicherlich heute nicht mehr tun. Bei Matthias Lechner blieb da sicher lange Zeit eine große Bitterkeit über das Geschehen zurück, was er und mancher Görlitzer auch als Ungerechtigkeit empfunden hat. Allerdings war das eine außergewöhnliche Situation. Im Marxismus gibt es die Lehre von der revolutionären Situation. Sie zeichne sich dadurch aus, dass die einen nicht mehr so regieren können und die anderen sich nicht mehr so regieren lassen wollen. Ich halte vom Marxismus wenig, aber das, glaube ich, traf die Stimmung damals. Was wir alle unterschätzt haben seinerzeit, welche tiefen Gräben eine solche Abwahl in die Stadtgesellschaft zieht und wie mühsam es ist, sie zu schließen. Ich dachte, die Abwahl findet statt und dann geht alles wieder seinen normalen Gang. Doch so ist es nicht. Manches, was wir in den Jahren danach erlebten in Görlitz, rührt daher.

Zwei Stunden nahmen sich Volksbank-Vorstand Sven Fiedler und SZ-Redaktionsleiter Sebastian Beutler für das Interview Zeit.
Zwei Stunden nahmen sich Volksbank-Vorstand Sven Fiedler und SZ-Redaktionsleiter Sebastian Beutler für das Interview Zeit. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Glauben Sie, dass die Gräben überwunden sind?

Nein. Nachdem 1990 zu Recht Kontinuitäten unterbrochen wurden, geschah es 1998 erneut. Die nachfolgenden OB- und Stadtratsauseinandersetzungen haben alle ihre Ursachen in dieser Phase. Da tragen wir alle unser Päckchen der Verantwortung. Bis heute.

Ich bin vor 17 Jahren nach Görlitz gekommen. Da fühle ich mich zwar schon heimisch, aber manches erschließt sich mir immer noch nicht. Dieses Zerwürfnis zählt dazu. Wenn man sich überlegt, mancher ist vor 22 Jahren noch nicht geboren gewesen.

Das ist einerseits schön, dass die Zeit dahinrast. Aber ab und an schadet es nicht, sich auch immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, dass beispielsweise die Wende 32 Jahre her ist. Wer heute 40 ist, hat von der DDR aus eigenem Erleben keine Ahnung. In zehn, 20 Jahren wird man daher noch mehr schauen müssen, wie man die Erinnerung an diese Zeit aufrecht erhält. Wir erleben dasselbe Phänomen gerade mit dem Abtreten der Erlebnisgeneration beim Zweiten Weltkrieg. Der Erste Weltkrieg ist schon fast ins Vergessen versunken.

Schauen wir in die Gegenwart und Zukunft. Die Medienbranche wandelt sich, auch die SZ baut ihre Online-Angebote aus. Für mich ist das E-Paper perfekt, mein Kollege ist dagegen ein Anhänger der Printausgabe, und meine Tochter würde über beide schmunzeln. Wie werden Sie dem gerecht?

Weil es genauso ist, wie Sie es beschrieben haben, müssen wir auf allen diesen Märkten vertreten sein. Es gibt nicht mehr das große Lagerfeuer, um das sich alle versammeln. Die Tageszeitung lesen Ältere, aber auch bewusst Jüngere, die das Erlebnis haben wollen, eine Zeitung in der Hand zu halten, das Rascheln der Seiten, auch der Geruch des Papiers. Das E-Paper ist beliebt bei den um die 50-Jährigen: Sie können sich noch nicht lösen von der Ordnung einer Zeitung, wollen aber nicht die gedruckte Ausgabe. Und schließlich die Jüngeren, die mit dem Smartphone an der Haltestelle die Nachrichten durchscrollen, die einen schnellen Überblick haben wollen und sich dafür nicht viel mehr als 90 Sekunden Zeit nehmen. Das Problem ist nur: Die langvertrauten Erlösmodelle aus Print funktionieren so nicht online. Das ist die spannende Frage, die ganze Branche sucht nach dem Königsweg. Der ist aber noch nicht gefunden, und so müssen wir viel ausprobieren.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

In unserer kleinen DDV Neiße GmbH sind wir sicherlich rund 15 Reporter, freie Autoren und Fotografen kommen noch hinzu. Dazu unser Vermarktungsteam sowie die Mitarbeiter in den DDV-Geschäften in Görlitz und Zittau. Wir tragen in einer Dichte und Häufigkeit Berichte und Nachrichten zusammen, die keiner sonst so leisten kann.

Das ist auch die Begründung dafür, dass Sie auch online Geld für Beiträge verlangen?

Auch für die Angebote im Internet recherchieren Reporter, prüfen die Quellen und Aussagen, geben Fotos in Auftrag. Die Mitarbeiter haben dafür eine spezielle Ausbildung erhalten. Und genauso wie der Pflege-Mitarbeiter sollten auch diese Mitarbeiter angemessen entlohnt werden. Deswegen verlangen wir für unsere Leistung einen Preis, der nicht über den gängigen Marktpreisen beispielsweise bei Netflix liegt. Wir sind damit nicht allein. In den letzten Jahren haben viele Medienunternehmen Preismodelle im Internet eingeführt, und sie alle leiden darunter, dass zu lange im Netz alles kostenlos war – und manche Nutzer glauben, das müsse auch heute noch so sein. Nach jüngsten Erhebungen haben bislang nur ein Viertel aller Nutzer im Internet für journalistische Leistungen gezahlt.

Liegt das womöglich daran, dass Sie zu lange am kostenlosen Modell festgehalten haben?

Nicht nur wir, im Prinzip alle. Aber wenn man lokale Medien haben will, dann muss man sie auch bezahlen. Und sie haben auch eine darüber hinausgehende Wirkung für die Demokratie. Schauen Sie nach Amerika, da gibt es stellenweise überhaupt keine lokalen Medien mehr. In diese Lücke sind Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat oder Tik Tok gerückt und haben der Polarisierung, Zuspitzung und Aufgeregtheit Vorschub geleistet. Und es gibt gewichtige Stimmen in den USA selbst, die jetzt sagen, wenn wir noch lokale Medien hätten, dann wäre es nicht zum Sturm aufs Kapitol gekommen. Das sollte uns zu denken geben.

Ich habe mir mal überlegt, wie würde mir die SZ gefallen. Ich könnte auf die Wirtschaftsberichterstattung verzichten, die Informationen hole ich mir in einer größeren Tiefe woanders. Dafür würde ich aber gern mehr aus Weißwasser, Niesky, Löbau und Zittau erfahren. Warum geht das online nicht, dass ich mir mein E-Paper so zusammenstellen kann? Diese individuelle Prägung eines Produktes ist ja gerade sehr in Mode, vielleicht würde dafür auch jemand einen Euro mehr bezahlen.

Es gibt immer wieder diese Überlegungen. Im E-Paper ist das technisch auch möglich, Print ist das eher schwierig. Aber auf sächsische.de haben Sie ja diese Vielfalt. Andererseits, der Vorteil von Zeitung war ja über lange Zeit, dass sie wie eine Wundertüte alle Bereiche des Lebens verband. Das würden wir damit verlieren. Ich lese viele Zeitungen und manche Zeitschrift und finde mich immer wieder überrascht und bereichert von Beiträgen, die ich nicht erwartet hätte. Wenn ich mir eine Zeitung nur nach meiner Fasson zusammengestellt hätte, würde ich das verpassen. Lassen wir uns doch überraschen.

Ich lese die SZ als E-Paper, und damit meist so um 19.30 Uhr am Abend die Zeitung vom nächsten Tag. Reicht das aber noch aus in einer immer schneller werdenden Welt? Sind wir heute vielleicht in einer Phase, wo es keine Tageszeitungen, sondern Stundenzeitungen geben müsste?

Zeitungen sind früher durchaus mal dreimal am Tag erschienen. Die Neue Zürcher Zeitung ist so ein Beispiel, sie ist erst 1974 zu einer täglichen Erscheinung übergegangen. Bis dahin gab es ein Morgen- und ein Mittagsblatt, und bis 1969 sogar noch ein Abendblatt. Das ist kein Phänomen der heutigen Zeit. Heute passiert das halt im Internet, auf www.sächsische.de, wo wir fortlaufend berichten. Eine jüngere Generation will schnell wissen, was los ist, will mit Push-Nachrichten aufs Handy auf dem Laufenden gehalten werden. Aber: Nachrichten-Junkeys, die jeder neuen Nachricht entgegenfiebern, gibt es nicht so viele, wie man glaubt. Die Masse geht morgens, mittags und verstärkt abends auf die Seite der SZ. Auf der anderen Seite darf man auch nicht das Bedürfnis von Lesern unterschätzen, zu erfahren, was der Tag gebracht hat, die sich nach professionell aufbereiteter Orientierung sehnen. Und für sie gilt das Prinzip Tageszeitung auch heute noch – egal, ob gedruckt oder als E-Paper. Wenn es aber heute wieder ein Hochwasser wie vor elf Jahren gäbe, würden wir den ganzen Tag über in einem Newsticker berichten. Wir machen das bei Wahltagen – mit großem Erfolg.

Ich hatte mal ein Erlebnis zum Thema Schnelligkeit und Interview: Die Mitteldeutsche Zeitung veröffentlichte ein Gespräch mit mir, bevor sie es überhaupt mit mir geführt hatte.

Das hat aber nichts mit Schnelligkeit, sondern eher mit einem Fehler zu tun.

Ist Ihnen das auch schon passiert, dass Sie ein Interview freigegeben haben, weil sie dachten, so wird es laufen?

Nein. Natürlich hat man eine Vorstellung, wie ein Interview laufen kann. Aber als Journalist braucht man die Neugier und Offenheit, dass es auch in eine ganz andere Richtung geht. Das macht ein gutes Gespräch doch aus. Sonst ist es langweilig für die Beteiligten, wenn man nur bestätigt, was man schon zuvor wusste. Ich ermutige auch meine Kollegen, wenn ein Thema bei der Recherche anders läuft als im Vorhinein gedacht, noch mal alles umzuwerfen und den Mut zu haben, die Geschichte ganz anders aufzuschreiben.

Unter dem täglichen Druck, den Beitrag fertig zu bekommen, hat man dann noch die Möglichkeit, über das Thema neu zu sprechen?

Es gibt Zeiten am Tage, da ist das schwierig, weil der Redaktionsschluss naht, weil man selbst schreibt, weil man andere Beiträge abnimmt. Aber im Laufe des Tages gibt es immer Gelegenheit, noch mal zu reden, und manchmal verschieben wir auch ein Thema. Aber richtig ist auch: Der Druck nimmt zu, weil auch der ökonomische Druck groß ist – wie können wir unsere Leute bezahlen, wie viele können wir uns leisten, wie groß muss die Zahl der Berichte und Themen am Tag sein, um Wirkung zu erzielen. Was gibt die Region her?

Wurzeln auch in der Schweiz

Wenn Sie alles neu machen könnten, was würden Sie am liebsten tun?

Ich würde vielleicht in die Schweiz gehen.

Um Kühe zu melken?

Eher nicht.

Warum Schweiz?

Ich habe nicht nur die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern auch die schweizerische. Mein Vater war Schweizer, und nach Schweizer Recht ist man es als Kind dann auch. Deswegen gibt es auch eine zahlenmäßig ziemlich große, so genannte „fünfte Schweiz“. Damit sind die Auslandschweizer gemeint neben der deutschen, französischen, italienischen und rätoromanischen Schweiz.

Ihre Kinder sind auch Schweizer?

Ja. Sie sind Schweizer Bürger von Geburt wie ich auch. Deshalb stimme ich auch jedes Vierteljahr als Auslandsschweizer über die Dinge ab, zuletzt beispielsweise über die Verschleierung der muslimischen Frauen.

Wie informieren Sie sich darüber?

Ich bekomme rechtzeitig Abstimmungsunterlagen zugeschickt. Sie bestehen aus einem Wahlzettel und einer dicken Broschüre, in dem die Vorschläge und Alternativen abgehandelt werden. Wer sich nicht viel Arbeit machen will, der findet auf der letzten Seite die Empfehlungen der Regierung. Aber ansonsten kann man sich sein eigenes Bild machen, abstimmen und den Brief zurückschicken.

Wie war das zu DDR-Zeiten?

Zu DDR-Zeiten galten wir als DDR-Bürger ohne Sonderrechte. Ich hatte zwar einen Schweizer Pass, aber keine Vorteile. Auch Abstimmen war nicht möglich. Da stand der Eiserne Vorhang dazwischen. Erst nach der Wende konnte ich auch in meine Schweizer Heimatgemeinde reisen, aus der meine Vorfahren vor 140 Jahren auswanderten. Ein kleines Bergdorf hoch überm Thuner See im Berner Oberland. Von dort ist mein Urahn über ein anderes Schweizer Tal und das Erzgebirge nach Görlitz gekommen. Denn damals war die Schweiz ein armes Land – man glaubt es heutzutage gar nicht. Preußen und das Deutsche Reich galten damals als sehr fortschrittlich und boten vielen eine Chance.

Wie häufig sind Sie in der Schweiz?

Viel zu selten.

Mich beeindrucken die Volksabstimmungen in der Schweiz sehr, weil die Schweizer bereit sind, Themen in die Bevölkerung zu geben, die große Relevanz haben.

Ich finde das auch gut. Es gibt ja viele in Deutschland, die dieses Abstimmungssystem am liebsten hier einführen wollen. Aber da muss man eben sagen: Man kann sich die Rosinen nicht herauspicken. Die Schweizer haben ein anderes politisches System, es ist halbdirekt, sie haben eine schwache Kollektivregierung, schwache Parlamente, und sie ist kleinteilig. Es funktioniert in der Schweiz, weil ihre Einwohner seit Jahrhunderten diese Kultur gepflegt haben und ihrem Eigenen entspricht. Selbst da gibt es Übertreibungen oder schwierige Entscheidungen, beispielsweise zu Europa oder zum Moscheebau, wo man teilweise auch ein zweites Mal abstimmt. Und es gibt auch in der Schweiz Spannungen zwischen den ländlichen Regionen und den Städten, zwischen der deutschen und der französischen Schweiz. Die Wahlbeteiligung liegt bei den meisten Abstimmungen weit unter 50 Prozent. Und es ist jedes Vierteljahr Wahlkampf.

Ich finde es trotzdem ein spannendes Modell, weil es Beteiligung der Bürger gewährt und dadurch auch Integration erzeugt.

Ich will auch gar nicht ausschließen, dass auch in Deutschland Abstimmungen auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene die Demokratie beleben könnten. Aber es ist kein Allheilmittel.

Was motiviert Sie?

Jeden Tag vom Leben wieder überrascht zu werden. Wir kommen an Orte, die anderen verschlossen bleiben. Wir begegnen Menschen, von denen andere sich wieder inspirieren lassen. Wir haben eine unglaublich privilegierte Stellung und andererseits viel Arbeit, Stress, Zeitdruck. Das muss täglich aufs Neue austariert werden, um am Abend zufrieden sein zu können.

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