merken
PLUS Görlitz

Der Teufel, der Gutes tut

Die Deutsch-Paulsdorfer Krippenspieler helfen mit ihren Aufführungen Müttern in Not. Da kam Corona besonders ungelegen.

Simone Cording im vergangenen Jahr als Teufel beim Krippenspiel der Deutsch-Paulsdorfer in Markersdorf.
Simone Cording im vergangenen Jahr als Teufel beim Krippenspiel der Deutsch-Paulsdorfer in Markersdorf. © Raphael Schmidt

Von Raphael Schmidt

Blitze werfen grelles Licht in die Kulturscheune von Markersdorf, Donner grollt über große Lautsprecherboxen, Nebelschwaden wabern über den Fußboden und eine gespenstisch anmutende Gestalt steht mittendrin, bewegt sich auf die Zuschauer zu. Der Fünfjährige, der in der ersten Reihe sitzt, klammert sich vor Angst an seinen Großvater, der ihn zu trösten versucht.

TOP Immobilien
TOP Immobilien
TOP Immobilien

Finden Sie Ihre neue Traumimmobilie bei unseren TOP Immobilien von Sächsische.de – ganz egal ob Grundstück, Wohnung oder Haus!

Geholfen hat es nicht, zu echt wirkt der Teufel in Szenen des Krippenspiels „Das Buntglasfenster“, das die Deutsch-Paulsdorfer Krippenspieler im vorigen Jahr in Markersdorf aufgeführt haben. „Ich hatte sie doch schon so weit, diese verdammte Menschheit! Kein Gebot, das sie nicht täglich brechen würden! Diebstahl und Mord sind an der Tagesordnung, Hass und Neid schon fast Kulturformen! Ich habe echt ganze Arbeit geleistet seit der Proll da oben mich aus dem Himmel verstoßen hat“, sagt der Teufel in einer Szene.

Beatrix Rudolph (li.) ist die Initiatorin der Krippenspiele Deutsch-Paulsdorf.
Beatrix Rudolph (li.) ist die Initiatorin der Krippenspiele Deutsch-Paulsdorf. © Archivfoto. SZ/Steffen Gerhardt

Seit 2003 gibt es die Krippenspiele

Seit 2003 führen die Deutsch-Paulsdorfer Krippenspiele auf, um Menschen, die Kirchen meiden, die Botschaft von der Erlösung der Menschheit zu bringen. Zum ersten Mal haben Beatrix Rudolph und ihre Mit-Autoren den Teufel, der in Süddeutschland in Krippenspielen durchaus üblich ist, in das Stück geschrieben. Auslöser dafür war Simone Cording: „Nach mehreren Engel-Rollen habe ich dann unvorsichtig geäußert: ,Einen Engel spiele ich das nächste Mal aber nicht wieder. Ich würde lieber mal einen Bösen spielen.‘ Und da hat mich Beatrix Rudolph, die eine Frau der Tat ist, prompt daran erinnert, als sie das aktuelle Stück schrieb“, sagt Simone Cording.

Sie stammt aus Dresden, wo sie 1969 geboren wurde. Jetzt lebt sie in Bautzen, arbeitet als ehrenamtliche Richterin. Sie selbst ist nicht getauft, bezeichnet sich aber nicht als Atheist. "Ich kann mir vorstellen, dass es da noch etwas gibt, das wir uns nicht erklären können. Ich bin ein Mensch, der alles bewiesen und logisch erklärt haben möchte", erzählt sie. Bei den Kirchen findet sie das nicht, eher im Wirken von Persönlichkeiten wie dem Dalai Lama oder Mutter Teresa.

Als bei der „Stückvorstellung einige der Meinung waren, der Teufel und ich, das würde nicht passen, war mein Ehrgeiz mehr als geweckt“, sagt sie. Sie wusste in dieser Rolle zu überzeugen, mit dem Ergebnis: Der Fünfjährige sagte nach der Vorstellung, obwohl die Frau, die den Teufel spielte, mit ihm geredet hatte, er die Requisiten für Nebel, Blitz und Donner nach Ende des Stückes ansehen und sich von der Ungefährlichkeit überzeugen konnte: „Ich will nie wieder dorthin, wo Blitz und Donner und der Teufel wohnen.“

Mitglieder des Krippenspielvereins aus Deutsch Paulsdorf mussten dieses Jahr coronabedingt pausieren.
Mitglieder des Krippenspielvereins aus Deutsch Paulsdorf mussten dieses Jahr coronabedingt pausieren. © Archivfoto: Jens Trenkler

Simone Cording hat sich innerhalb der Probenzeit oft mit dem Thema „Gut und Böse“‚ auseinandergesetzt. „Durch die Entwicklung der Menschheit sind in uns allen positive wie negative Eigenschaften. Es liegt in der Hand jedes Einzelnen, seine Erfahrungen, sein Handeln zu reflektieren, daraus entsprechende Schlüsse zu ziehen und sich zu entwickeln“, sagt sie. Als Teufelin im Stück fährt sie fort: „Jetzt, wo die Menschen unglücklich in ihrem eigenen Sündensumpf sitzen, da kommt der Alte mit dem nächsten Coup um die Ecke, mit seiner Scheiß-Liebe und Barmherzigkeit! Und um auf Nummer sicher zu gehen, soll sein eigener Sohn den Job machen? Nicht mit mir!“

Die Idee, durch „meine teuflische Rolle etwas in Anderen bewirken zu können, hat mir deshalb sehr gefallen. Wenn zusätzlich durch unsere erzielten Spenden noch Müttern in Notsituationen geholfen werden kann, freut mich das doppelt, da ich selber seit zwölf Jahren alleinerziehende Mutter von zwei Kindern (22/13) bin und dadurch sehr gut einschätzen kann, was das bedeutet. Und wenn diesen Frauen dann noch der Rückhalt einer Familie und Freunde fehlen, welche ich glücklicherweise hatte, ist dieses Geld vielleicht ein kleiner Lichtblick.“

In diesem Jahr wurde daraus nichts. Die Deutsch Paulsdorfer Krippenspieler mussten Corona bedingt die Aufführungen absagen. Das hat auch für die Caritas Görlitz mit ihrer Familienhilfe Folgen. Denn jährlich ging ein Obolus aus den Spenden in Höhe von 1.000 Euro an die Hilfsorganisation. Nun hoffen die Organisatoren, "dass wir im Jahr 2021 wieder in alter Manier auftreten können, und dass wir wieder Euch alle im Publikum begrüßen dürfen“.

Mit den Spenden konnten viele Wünsche erfüllt werden

Über viele Jahre hat Rosel Grund als Diplomsozialarbeiterin bei der Caritas in Görlitz die Spenden entgegengenommen und gemeinsam mit ihren Kolleginnen überlegt, wem das Geld zugute kommen soll. „Rückblickend auf mein Arbeitsleben, gehört die Übergabe der von den Deutsch-Paulsdorfer Krippenspielern eingesammelten Spendengelder an bedürftige Familien, zu meinen schönsten Arbeitserlebnissen. Ich durfte die Freude der Beschenkten erleben, in glückliche Augen sehen“, sagt Rosel Grund und ergänzt: „Jeder Berufstätige, der Weihnachtsgeld erhält, weiß um die Freude, jährlich für Geschenke zusätzlich Geld zur Verfügung zu haben. Für die von uns Beschenkten ein schöner Traum. Mein Erleben war, dass gerade in der Weihnachtszeit und wenn ein Kind erwartet wird, sich materielle Notstände verschärfen und offensichtlicher werden. Mit wenig Geld haushalten, so dass für Weihnachten oder für Neuanschaffungen etwas angespart wird, erfordert eine große Portion Klugheit und Verzicht“.

Und was bewegten die Spenden nicht alles in den Jahren: Eine große Familie konnte sich einen ausreichend großen Weihnachtsbraten kaufen, andere Winterbekleidung und Winterschuhe für die heranwachsenden Jugendlichen. Oder eine neue Waschmaschine, nachdem bei einer Familie in einem Jahr bereits die zweite gebraucht gekaufte ihren Geist aufgab. Und ein spezielles Sportgerät für ein behindertes Kind, das von den Aktivitäten seiner Geschwister immer ausgeschlossen war.

Noch wisse niemand, „wie viele Familien in diesem Jahr durch Covid-19 in Not geraten. Nicht immer wird die staatliche Unterstützung ausreichend sein. So hinterlässt das Ausbleiben des diesjährigen Krippenspieles eine doppelte Lücke“, sagt Rosel Grund und appelliert, die sozial Schwachen auch jetzt im Blick zu behalten.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier

Mehr zum Thema Görlitz