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Diebe landen zufällig 130.000-Euro-Treffer

Inge S. bewahrte im Keller in Kodersdorf Grimms "Kinder- und Hausmärchen" auf. Eine Erstausgabe, vermutlich von 1812. Nun ist das kostbare Buch weg.

Geblieben ist nur die Erinnerung und ein anderes, nicht ganz so altes Exemplar von Grimms Märchen. Inge S. und ihr Sohn Detlef aus Kodersdorf sind traurig über den Verlust.
Geblieben ist nur die Erinnerung und ein anderes, nicht ganz so altes Exemplar von Grimms Märchen. Inge S. und ihr Sohn Detlef aus Kodersdorf sind traurig über den Verlust. © André Schulze

Ein Glück, dass Inge S. (Name der Redaktion bekannt) derzeit ihren 80. Geburtstag vorbereitet. Sonst wäre der Verlust des wertvollen historischen Buches wahrscheinlich noch lange nicht entdeckt worden. So aber ist klar: Dreiste Diebe haben sich im Keller ihres Kodersdorfer Wohnhauses bedient und die Erstausgabe von Jacob und Wilhelm Grimms "Kinder- und Hausmärchen" mitgehen lassen.

Tatsächlich - was die 79-Jährige bisher inmitten von allerlei nicht mehr benötigtem Haushaltskram in ihrem Keller lagerte, war - und ist immer noch - ein kleiner Schatz. Der in der Familie der rüstigen Seniorin von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ein Erbstück, das vor allem immer dann zum Einsatz kam, wenn Kindern Märchen vorgelesen werden sollten. "In den letzten Jahren hatte ich das Buch zwar nicht mehr in der Hand, kann mich aber noch genau an viele schöne Stunden erinnern", erzählt die Kodersdorferin. Für sie sei der Diebstahl deshalb vor allem ein herber ideeller Verlust. "Es tut schon weh. Denn damit ist ein Stück unserer Familientradition verschwunden."

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Dass der Verlust überhaupt entdeckt wurde, ist eher einem Zufall zu verdanken. "Im November werde ich 80 Jahre alt. Dafür habe ich in den vergangenen Wochen schon ein bisschen vorgesorgt und ein paar Flaschen Wein und Sekt in den Keller gestellt", erzählt Inge S. Als sie nun vor ein paar Tagen nachschauen wollte, was noch einzukaufen ist, fiel ihr die Unordnung im Keller auf. Und die Leere. Denn die Ganoven hatten sich am Alkoholvorrat bedient - und auch das wertvolle historische Märchenbuch mitgenommen.

Aus welchem Jahr genau es stammt, kann sich die Seniorin nicht mehr erinnern. "Ein bisschen nach 1800" sei es gewesen, sagt sie. Soviel weiß auch ihr Sohn Detlef noch. "Das Buch hat zwei Weltkriege überlebt. Und auf jeden Fall mehr als 5.000 Seiten." Dann erzählt er, wie in der Familie vorgelesen wurde, als er noch ein kleiner Junge war: "Ganz vorsichtig. Und unter Aufsicht. Uns war schon bewusst, dass dies etwas Wertvolles ist." Mit 1.500 Euro haben die Kodersdorfer den materiellen Schaden bei der Polizei beziffert.

Wenn es sich tatsächlich um eine Erstausgabe von Grimms Hausmärchen handelt, liegt der Wert allerdings bei Weitem höher. Wie die zur Stiftung preußischer Kulturbesitz gehörende Staatsbibliothek zu Berlin schreibt, hatten Jacob und Wilhelm Grimm 1806 mit dem Sammeln von Märchen begonnen und den ersten Band im Dezember 1812 herausgebracht. Der zweite Band erschien drei Jahre später. Im Internet-Antiquariat AbeBooks.de wird ein Exemplar aus dem Ursprungsjahr von einem japanischen Inserenten für knapp 130.000 Euro angeboten.

Schon in der Vergangenheit wurden in der Region immer wieder historische Gegenstände gestohlen. So verschwand vor einigen Monaten aus der Kapelle in Lodenau ein Gemälde im Wert von rund 2.500 Euro. Bereits im September 2019 musste Pfarrer Daniel Schmidt feststellen, dass Diebe im Rothenburger Pfarramt eingebrochen waren und eine Sammlung von 62 - zum Teil sehr wertvoller - Taschenuhren mitgenommen hatten. Die Polizei bezeichnete dies damals als Beschaffungskriminalität, wahrscheinlich polnischer Täter. Süchtige würden nach leicht erreichbaren Dingen suchen, um sie zu Geld zu machen.

Detlef S. hofft nun, dass die Polizei das kostbare Buch doch noch aufspürt. "Die Beamten haben Fingerabdrücke und DNA-Spuren genommen - wie sie uns sagten, von sehr guter Qualität." Vielleicht kommen die Kriminalisten dann auch den beiden historischen Angeln auf die Spur, die ebenfalls aus dem Keller verschwunden sind. "Mein Vater war Angler, ich bin es auch. Wir hatten eine alte Bambusangel und eine Pfefferrohrrute." Auch diese beiden Geräte seien nicht billig gewesen. Doch das Wichtigste wäre das Märchenbuch.

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Die Groschenromane sind noch da, das wertvolle historische Märchenbuch der Gebrüder Grimm haben die Diebe aus dem Keller von Inge S. mitgehen lassen.
Die Groschenromane sind noch da, das wertvolle historische Märchenbuch der Gebrüder Grimm haben die Diebe aus dem Keller von Inge S. mitgehen lassen. © André Schulze

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