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Wie ein Eckhaus in der DDR saniert wurde

Der Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit zeigt auf dem Titel Görlitz. Doch das Foto ist nicht glücklich gewählt.

Marco Wanderwitz (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung, zeigt den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2020. Auf dem Titel ist die Peterstraße 7 in Görlitz zu sehen.
Marco Wanderwitz (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung, zeigt den Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2020. Auf dem Titel ist die Peterstraße 7 in Görlitz zu sehen. © dpa

Es sollte so ein ideales Titelbild sein: das zu DDR-Zeiten verfallene Eckhaus Peterstraße 7/Nikolaistraße oben links, der heutige Zustand nach der Sanierung unten rechts. So ist es auf dem Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit 2020 zu sehen. Marco Wanderwitz (CDU), Ostbeauftragter der Bundesregierung, hatte die Fotomontage persönlich für den Titel ausgewählt. Sie ist zusammengesetzt aus zwei Fotos, die der Dresdner Fotograf Jörg Schöner im Abstand von mehreren Jahrzehnten von dem Gebäude gemacht hat.

Das Eckhaus Peterstraße 7/Nikolaistraße hat es auf die Titelseite des Jahresberichtes zum Stand der Deutschen Einheit 2020 geschafft.
Das Eckhaus Peterstraße 7/Nikolaistraße hat es auf die Titelseite des Jahresberichtes zum Stand der Deutschen Einheit 2020 geschafft. © Bildstelle

Und doch ist das Bild nicht glücklich gewählt. Als die SZ nämlich einen Artikel über Wanderwitz und den Jahresbericht veröffentlichte, meldeten sich gleich vier Leser, um zu erklären, dass ausgerechnet dieses Gebäude nicht erst nach der Wende saniert wurde, sondern schon 1985, also vier Jahre vor dem Mauerfall. Dietmar Gerstmann aus Görlitz zum Beispiel war damals beim VEB Hochbausanierung beschäftigt. „Ich habe an der Sanierung mitgearbeitet“, berichtet er am Telefon. Auch Wolfgang Herrmann aus Görlitz weiß es genau: „Das Haus Peterstraße 7 wurde bereits ab 1985 vom Görlitzer Malerbetrieb Heuer – einem Schulfreund von mir – restauriert und vor der Wende fertiggestellt“, schreibt er in seinem Leserbrief.

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Gerstmann und Herrmann haben Recht. Das bestätigt Michael Vogel, der damals zunächst als Investbauleiter an der Sanierung beteiligt war, ab Oktober 1986 dann als Denkmalschützer. Das Sachgebiet Denkmalschutz bei der Stadt leitete er bis zum Eintritt in den Vorruhestand im Januar 2008. Auch Vogel hatte den Text zum Einheitsbericht gelesen, sich aber nicht an die SZ gewandt. „Ich fand es eher lustig, dass das Foto auf dem Bericht auftaucht“, sagt er. Es sei zweifelsohne ein beeindruckendes Bild. „Und entscheidend ist tatsächlich, was nach der Wende alles passiert ist“, sagt der heute 71-Jährige. Da sei dieses Foto vielleicht nicht das geeignetste, aber die Botschaft an sich findet Vogel wichtig.

Fokus auf wichtige Eckhäuser gelegt

Seit den 1960er-Jahren, berichtet er, wurden im Rahmen eines Programms der Stadt Görlitz jedes Jahr zwei Häuser in der Altstadt saniert. Vogel will das nicht überbewerten: „Natürlich war das viel zu wenig, nach heutigem Maßstab ist es gar nichts.“ Immerhin aber sei ein Fokus auf die besonders wichtigen Eckhäuser gelegt worden. Die Peterstraße 3 sei eines davon gewesen. Ab 1985 folgte die Peterstraße 7 – mit archäologischen Befunduntersuchungen, Denkmalschutz und allem drum und dran. Vogel als Investbauleiter betreute die Sanierung im Auftrag der KWV (heute Kommwohnen). Die war zwar nicht die Eigentümerin, aber sie verwaltete das Gebäude. Hauptauftraggeberin der Sanierung war die Stadt, sie hat die Arbeiten auch bezahlt. Ausgeführt wurde der Bau vom VEB Hochbausanierung und weiteren Firmen.

Es habe schon damals engagierte Menschen gegeben, die sich – gegen den staatlichen Kurs – für den Erhalt der Altstadt einsetzten, berichtet Vogel – und nennt Namen wie Horst Kranich, Peter Mitsching, Lutz Penske und Frank Heppert. Einfach seien Sanierungen nicht gewesen: „Die Baubetriebe haben Materialzuweisungen bekommen und versucht, untereinander zu tauschen.“ Größere Vorhaben, etwa die Sanierung der Peterskirche, hätten zudem viele Kapazitäten in Anspruch genommen.

Weitere Bauarbeiten nach der Wende

Die Peterstraße 7 sei vor der Wende sowohl außen als auch innen saniert worden, wenngleich nicht alles gleich 1985. „Etwa 1987 wurde versucht, mit Kaseinfarben das Portal zu machen, aber das ging nicht so richtig“, sagt Vogel. Mitte der 1990er-Jahre sei das Portal deshalb noch einmal gemacht worden. Auch die Außenfassade auf der Nikolaistraßenseite sei erneut aufgefrischt worden. „Der neue Besitzer hat nach der Wende auch innen noch einmal einiges gemacht und auf der Peterstraßenseite einen Laden eingebaut“, sagt Vogel. Alles in allem hat das Gebäude sowohl vor als auch nach der Wende zahlreiche Bauarbeiter gesehen – und präsentiert sich heute in einem entsprechend fotogenen Zustand.

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