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Radler-Crash endet vor Gericht

Zwei Rentner, ein Radweg. Kein Problem? Auf der Görlitzer Promenadenstraße doch. Die Folge: Anklage wegen "fahrlässiger Körperverletzung".

Nicht jede Radfahrt verläuft so harmonisch wie hier auf dem Neißeradweg nahe der Görlitzer Obermühle, wobei diese beiden Radler nichts mit den Herren im Artikel zu tun haben.
Nicht jede Radfahrt verläuft so harmonisch wie hier auf dem Neißeradweg nahe der Görlitzer Obermühle, wobei diese beiden Radler nichts mit den Herren im Artikel zu tun haben. © Archivfoto: Florian Gärtner

Silberhochzeit, da müssen Blumen sein, selbstverständlich. Und so setzt sich Rentner Heinz, 75, aufs Rad und macht sich auf den Weg, auf den Radweg an der Promenadenstraße, bergabwärts Richtung Stadt. "Ich fahre die Strecke schon seit 20 Jahren", sagt Heinz, der nicht wirklich Heinz heißt.

Ungefähr zur selben Zeit setzt sich Rentner Franz, 67, der auch nicht Franz heißt, aufs Rad und fährt ebenfalls auf den Radweg Promenadenstraße, bergaufwärts. Er will in seinen Garten. Er kennt die Strecke ebenfalls, nutzt sie seit fünf Jahren. Es ist der 2. Januar vergangenen Jahres, das Unheil auf zwei Rädern nimmt seinen Lauf und endet in dieser Woche mit einer Verhandlung vor dem Görlitzer Amtsgericht.

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Heinz ist zwar zunächst wohl relativ zügig unterwegs, bremst dann aber an einer Kreuzung ab. Inzwischen sind ihm schon zwei andere Radler entgegengekommen, er hat sie problemlos passiert. "Der Radweg ist breit, da passen auch drei Radfahrer nebeneinander. Außerdem bin ich ganz rechts gefahren", schildert Heinz. Aber was dann passiert sei, er verstehe es bis heute nicht. Heinz schüttelt den Kopf.

Keine Zeugen weit und breit

Heinz und Franz stoßen mit ihren Fahrädern zusammen, auf dem breiten Radweg, weit und breit kein Hindernis, keine Zeugen." Er ist auf die eine Seite gekippt, ich auf die andere", schildert Heinz. Ein Autofahrer habe dann angehalten und die beiden notversorgt, sie auf Decken gelegt, den Rettungsdienst gerufen, aber nicht die Polizei. "Im Nachhinein war das ein schwerer Fehler", sagt Heinz. Denn er soll an dem ganzen Schlamassel schuld sein. Franz hat ihn verklagt, deshalb sitzt Heinz neben seinem Anwalt auf dem Stuhl des Angeklagten. "Fahrlässige Körperverletzung", lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft.

Franz ist als Zeuge da und hat natürlich eine etwas andere Sicht der Dinge als Heinz. Auch er sei ganz rechts gefahren, schildert er. Ja, er habe Heinz schon von Weitem gesehen. Aber plötzlich sei der fünf Meter vor ihm in seine Richtung geschwenkt. "Er ist mir voll reingefahren", behauptet Franz. "Warum sollte ich so etwas tun? Ich wollte doch nur Blumen bestellen!", fragt Heinz.

Franz jedenfalls erwischt es bei dem Unfall heftig. Platzwunde am Kopf, gebrochenes Handgelenk, gebrochene Finger. Er wird operiert, bekommt Drähte in die Finger und eine Platte ins Gelenk. Zehn Tage muss er zunächst in der Klinik bleiben, später noch einmal fünf, als alle Metallhilfen wieder herausgeholt werden. Insgesamt 300 Euro an Kosten für Aufenthalt im Krankenhaus, Therapien habe er aus eigener Tasche bezahlt, sagt Franz. Plus 24 Euro, damit sein Rad wieder auf Vordermann kommt.

Radler muss ins Krankenhaus

Auch Heinz kämpft lange mit den Unfallfolgen. Ein Jahr lang hat er Probleme mit der Schulter. An seinem Rad entsteht ein Schaden von 130 Euro. Aber war er denn nun auch wirklich an dem Zusammenstoß schuld?

Ein kniffliger Fall für Richter Jürgen Zobel. Oder eigentlich auch nicht. "Es steht Aussage gegen Aussage. Es gibt bis auf den Autofahrer, der später dazukam, keine Zeugen", sagt er. Jürgen Zobel versucht sich sogar an einer technischen Erklärung, wie es zu dem Zusammenstoß gekommen sein könnte. "Die Fahrräder haben sich wahrscheinlich an den Lenkern berührt, die wurden dann jeweils herumgerissen", so der Amtsrichter.

Heinz berät sich mit seinem Anwalt. Der bietet an: Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von 200 Euro an Franz, weil der offenbar finanziell nicht ganz so gut gestellt ist. Der Staatsanwalt denkt eher an 350 Euro. Der Richter schaltet sich ein. "Wir machen hier keinen Kuhhandel", stellt er klar und nimmt das Angebot des Verteidigers an. Auch der Staatsanwalt stimmt schließlich zu.

"Mit 75 Jahren bin ich nun zum ersten Mal vor Gericht", sinniert Heinz. Auf weitere Premieren dieser Art könne er verzichten.

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