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Sehnsucht nach den Traumzielen

Sachsens Corona-Verordnung bremst die Reisebüros in Görlitz und Niesky aus. Viele Menschen warten, bis die Zeiten wieder sicherer sind. Doch das hat nicht immer Sinn.

Von Frank-Uwe Michel
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Mario Kosubek ist momentan Alleinunterhalter in seinem Reisebüro. Mindestens bis 9. Januar darf es in Sachsen keinen Kundenverkehr geben. Das erschwert die Beratung ganz erheblich.
Mario Kosubek ist momentan Alleinunterhalter in seinem Reisebüro. Mindestens bis 9. Januar darf es in Sachsen keinen Kundenverkehr geben. Das erschwert die Beratung ganz erheblich. © Martin Schneider

Mario Kosubek vom Reisebüro Richter in Görlitz hat sein größtes Problem gleich auf die Startseite seiner Homepage gesetzt: "Die aktuelle sächsische Corona-Notfall-Verordnung verbietet die Öffnung unseres Reisebüros für den Kundenverkehr bis vorerst 9. Januar." Dass er danach wieder Kunden empfangen darf, glaubt er angesichts der prognostizierten Entwicklung mit der Omikron-Variante des Coronavirus nicht.

So beschränkt sich die Vermittlung von Reisen für die Winterferien und den diesjährigen Sommer momentan auf die Beratungskunst am Telefon. Nachfragen seien zwar durchaus da, erzählt auch Susanne Teich von Teich-Touristik in Niesky, deren selbst durchgeführte Busreisen in normalen Zeiten sehr gut nachgefragt sind. "Die Leute wollen wissen, wohin es 2022 geht. Doch mit Sicherheit weiß das ja noch keiner." Deshalb bietet das Unternehmen vorerst nur ein paar Winterfahrten an. Ziel im Februar und März sind die Dolomiten in Italien. "Aber, ob das tatsächlich über die Bühne gehen kann - wir können es nur hoffen", sagt die Firmenchefin. Sonst sehr beliebte Fahrten wie die zur Grünen Woche nach Berlin wurden bereits gecancelt. Der Grund: Die weltgrößte Ernährungs- und Lebensmittelmesse findet wegen Corona gar nicht statt.

Nachfrage ist noch sehr verhalten

Die Sehnsucht der Görlitzer nach Urlaub ist für Mario Kosubek auch am Telefon spürbar. "Anfragen für den Sommer gibt es schon." Ein paar Reisewillige haben ihr Traumziel auch bereits gebucht. Insgesamt aber, schränkt der Experte ein, sei die Nachfrage doch sehr verhalten. Da würden klassische Ziele wie Spanien und Griechenland noch am besten funktionieren. "Schwieriger ist es mit Fernreisen. Weil die Bedingungen dafür einfach unklar sind."

Beim Winterurlaub herrscht im Reisebüro Richter nahezu totale Flaute. "Damit mussten wir rechnen, weil sich viele Skitouristen ihre Quartiere in den Schneegebieten selber suchen", begründet Kosubek. Aber auch wer sonst das Reisebüro nutzte, hält sich jetzt zurück. Das sei verständlich. Denn: "Wir wissen ja noch gar nicht, ob wir im Februar überhaupt nach Österreich fahren dürfen oder wie aufwendig die Bedingungen dafür sind. Ganz zu schweigen von den Zielen in den sächsischen Wintersportorten. Denn die Hotels müssen ja zumindest öffnen dürfen."

Urlaubsziele suchen sich viele Menschen derzeit nur auf der Karte aus. Gebucht wird aufgrund der aktuellen Corona-Lage nur sehr verhalten.
Urlaubsziele suchen sich viele Menschen derzeit nur auf der Karte aus. Gebucht wird aufgrund der aktuellen Corona-Lage nur sehr verhalten. © Archiv/Rafael Sampedro

Trend geht zum kurzfristigen Buchen

Trotzdem gibt der Görlitzer Reisefachmann die neue Saison noch längst nicht verloren. "Die Hauptbuchungszeit hat sich - unabhängig von Corona - in den vergangenen Jahren in den Januar hineingeschoben." Der fange jetzt an, deshalb bleibe er optimistisch. Allerdings habe sich der Trend zum kurzfristigen Buchen zuletzt immer mehr durchgesetzt.

Aber auch für alle, die sich jetzt schon entscheiden, besteht laut Kosubek keine Gefahr. Viele Veranstalter hätten Pakete geschnürt, bei denen - gegen einen Zuschlag - die Stornierung bis 14 Tage vor Reiseantritt möglich sei. Generell müssten Urlauber heute sehr flexibel sein: Einreisebedingungen, der geforderte Impfstatus, Flugzeiten - all das könne sich kurzfristig ändern. "Natürlich wollen die Menschen möglichst viel Verlässlichkeit. Auch das ist ein Grund für die Zurückhaltung im Moment." Die Zusammenhänge zu erklären sei sehr beratungsintensiv. "Das ist schon problematisch, wenn man nur Telefon und E-Mail zur Verfügung hat."

Minus beim Winterurlaub bei 50 Prozent

Ilona Pochanke hat sich mit ihrem gleichnamigen Görlitzer Reisebüro vor allem auf Ausflugsfahrten zu Zielen in Sachsen und Brandenburg spezialisiert. Auch sie berät Reisewillige momentan im Homeoffice. "Dadurch sind mir die Hände gebunden, die Kataloge der Veranstalter unters Volk zu bringen", beschreibt sie eine daraus resultierende Schwierigkeit. Mitte November habe sie die ersten Ausflugspläne noch verteilen können, sie danach auf Wunsch nur noch per Post zugesandt. "Deshalb gibt es ein paar Anmeldungen. Und die nehme ich entgegen." Allerdings vorerst, ohne dass Geld dabei fließt. "Der Aufwand und die Kosten sind einfach geringer." Wie Mario Kosubek hofft sie, dass die Nachfrage im Sommer und Herbst spürbar steigt. Diese Erfahrung haben die beiden bereits im vergangenen Jahr gemacht. Die Verluste ausgleichen konnten die dann vermehrten Buchungen aber nicht.

Der Deutsche Reiseverband bezeichnet dieses Phänomen als "Lichtblick-Sommer". Die Kunden hätten ihren Urlaub 2021 "extrem kurzfristig" gebucht. Trotzdem habe es zum Buchungsstand Ende September 2021 in den deutschen Reisebüros und bei Online-Reiseportalen einen Umsatzrückgang von 69 Prozent gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 gegeben.

Und auch für die anstehende Wintersaison gebe es einen Rückstand von minus 50 Prozent im Vergleich zum Winter 2019/20. Besonders beliebt seien aktuell Ziele in südlichen Gefilden - wie die Kanaren, Malediven, Ägypten, die Dominikanische Republik, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei. Generell gibt der Deutsche Reiseverband für das Touristikjahr 2022 einen "verhalten optimistischen Ausblick". Das Umsatzniveau wie vor der Pandemie werde sich aber wohl frühestens 2023 einstellen.