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Rübezahl-Museum verlässt Görlitz gen Osten

Die Ausstellung in der Altstadt war nur kurz geöffnet. Nun sind alle Stücke in Polen. Und erhalten einen würdigen Platz.

Das Bild zeigt Museumsgründerin Ingrid Vettin-Zahn bei der Eröffnung des Rübezahl-Museums in der Görlitzer Nonnenstraße im Mai 2005.
Das Bild zeigt Museumsgründerin Ingrid Vettin-Zahn bei der Eröffnung des Rübezahl-Museums in der Görlitzer Nonnenstraße im Mai 2005. © Rolf Ullmann (Archiv)

Die Geschichte des Rübezahl-Museums ist eine traurige: 60 Jahre lang sammelte die 1938 im damaligen Lauban (heute Luban) geborene Ingrid Vettin-Zahn alles zu dem sagenhaften Berggeist aus dem Riesengebirge. Ende Mai 2005 eröffnete sie mit ihrer Sammlung das Museum in den Häusern Nonnenstraße 1 und 2 in Görlitz, doch schon bald darauf wurde sie schwer krank – und starb bereits am 10. April 2006 im Alter von gerade einmal 67 Jahren.

Das Rübezahl-Museum war in den Häusern Nonnenstraße 1 und 2 in der Görlitzer Altstadt zu finden.
Das Rübezahl-Museum war in den Häusern Nonnenstraße 1 und 2 in der Görlitzer Altstadt zu finden. © Foto: Doris Baumert

Das ist fast auf den Tag genau 15 Jahre her. Seither war das Museum nur noch selten geöffnet – ausschließlich für jene, die sich bei ihrem Witwer Udo Vettin anmeldeten und von ihm ins Museum gelassen wurden. Allerdings war er oft gar nicht in Görlitz. Er starb am 9. April 2018 mit 82 Jahren – fast auf den Tag genau vor drei Jahren.

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„Es ist tragisch, dass die Gründerin so viel Zeit und Geld und Liebe investiert hat, und das Museum dann nicht einmal ein Jahr betreiben konnte“, sagt Doris Baumert. Sie ist die Vorsitzende des Geschichtsvereins Kreis Löwenberg (Schlesien) und wohnt im niedersächsischen Stadtoldendorf, südlich von Hannover. Die rund 30 Mitglieder leben verteilt über ganz Deutschland. Zwei Dinge aber verbinden sie: Die Liebe zur Heimat ihrer Vorfahren und das Rübezahlmuseum. „Nach langem Hin und Her ist unser Verein nämlich seit Kurzem Eigentümer aller Exponate des Museums“, berichtet Doris Baumert.

Kontakt über alte Freundin

Der Kontakt kam über eine alte Freundin der Museumsgründerin zustande – eine Vertriebene aus dem Kreis Löwenberg, die heute Schatzmeisterin des Geschichtsvereins ist. Dem vorangegangen war ein fast 15 Jahre dauerndes Wirrwarr, mit dem sich ganze Zeitungsseiten füllen ließen. Das Ende vom Lied war schließlich: Weil das Ehepaar Vettin-Zahn kinderlos war, wurde Heidi Gittermann, die Schwester von Udo Vettin, zur Alleinerbin. Sie schenkte dem Verein alle Inventare per Schenkungsvertrag, behielt aber die Häuser Nonnenstraße 1 und 2. „Sie lebt in Bayern, aber eventuell will sie die Häuser für ihre Familie erhalten“, sagt Doris Baumert.

Ingrid Vettin-Zahn trug Rübezahl-Figuren in jeder denkbaren Größe und Machart zusammen.
Ingrid Vettin-Zahn trug Rübezahl-Figuren in jeder denkbaren Größe und Machart zusammen. © Foto: Doris Baumert

Die Vereinschefin ist sehr oft in Görlitz gewesen, hat fast alle Exponate – Figuren, Karten, Bücher und vieles mehr – fotografiert und dokumentiert: „Das war extrem viel, ich habe großen Respekt vor dieser Sammlung.“ Nachdem ihre polnischen Partner bereits Ende Februar 2020 den größten Teil der Exponate abgeholt hatten, konnten die restlichen Gegenstände Mitte September ihre Reise gen Osten antreten.

Dafür, dass die Sammlung nicht in Deutschland geblieben ist, gibt es viele Gründe. Der naheliegendste: Rübezahl ist der Berggeist des Riesengebirges – und das befindet sich heute in Polen und Tschechien. Die Sammlung rückt also näher an seine Heimat heran. Und zum Zweiten: Doris Baumert ist Jahrgang 1966 und als Tochter von Vertriebenen mit den Geschichten von Rübezahl aufgewachsen. Spätere Generationen in Deutschland aber sind das nicht mehr. „Die Polen und Tschechen hingegen pflegen die Tradition weiter, deshalb ist die Sammlung bei ihnen besser aufgehoben als bei uns.“ Den Kindern dort sei Rübezahl bis heute ein Begriff: „Die Geschichten werden weitererzählt.“

Die neun Kegel zeigen Riesengebirgsbauden. Die Kegel waren sinnbildlich für „Rübezahls Kegelbahn“.
Die neun Kegel zeigen Riesengebirgsbauden. Die Kegel waren sinnbildlich für „Rübezahls Kegelbahn“. © Foto: Doris Baumert

Am liebsten hätte der Verein das Museum im einstigen Kreis Hirschberg (heute Jelenia Góra) angesiedelt, denn dort ist Rübezahl zuhause. „Aber dort haben wir niemanden gefunden, der die gesamte Sammlung hätte zeigen wollen“, bedauert Doris Baumert. Also nutzte der Verein stattdessen seine engen Kontakte in den Nachbarkreis Löwenberg – und dort wiederum in die Kleinstadt Liebenthal (heute Lubomierz) etwa 40 km südöstlich von Görlitz und 18 km nordwestlich von Jelenia Góra. In Lubomierz gibt es einen sehr engagierten polnischen Verein und auch einen Bürgermeister, zu dem der deutsche Verein sehr gute Beziehungen hat. „Von dort ist es nur eine halbe Autostunde bis zum Riesengebirge“, sagt die Vereinschefin.

Ein Zweck des im Februar 2014 gegründeten Vereins ist die deutsch-polnische Zusammenarbeit. Mitglieder sind ein paar alte Vertriebene, aber auch deren Kindergeneration – und mittlerweile fünf junge Polen. „Vom Alter her sind wir bunt gemischt, von Anfang 30 bis über 80“, sagt die Chefin. Der Verein bleibt Eigentümer der Sammlung – und übergibt sie mit einem Dauerleihvertrag an den polnischen Verein, der das Museum betreiben wird.

Fünf Museen zu einem Preis

In Lubomierz gibt es bereits das Kult-Museum für Film und Kino, die Klosterkirche, das Klostermuseum und ein Museum mit Altertümlichkeiten aus dem deutschen Haushaltsgebrauch. Alle befinden sich am Kloster oder in dessen Umgebung. Mit dem Rübezahl-Museum werden es künftig also fünf Museen beziehungsweise Attraktionen sein, die alle mit einer gemeinsamen Eintrittskarte besichtigt werden können.

Allerdings ist noch nicht klar, ab wann genau. Das hängt einerseits an Corona, andererseits aber auch an der Fertigstellung der Sanierung des Gebäudes, in das Rübezahl einziehen soll. Mit etwas Glück könnte die Wiedereröffnung noch dieses Jahr stattfinden. „Aber eigentlich rechne ich mehr mit nächstem Jahr“, sagt Doris Baumert. Sie freut sich, dass die gesamte Sammlung zu sehen sein wird. Und das größtenteils auf Deutsch, denn die meisten Exponate sind nun mal deutsch. „Es werden aber auch polnische Bezeichnungen angebracht“, sagt die Vereinschefin.

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