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Zwischen Tunke und Nazis

Was macht die schlesische Identität aus? Gibt es sie überhaupt? Eine Debatte im Schlesischen Museum sollte Antworten bringen, warf aber Fragen auf.

Weiß-gelb im Hintergrund: Aber interessiert sich der Nachwuchs für das Thema Schlesien?
Weiß-gelb im Hintergrund: Aber interessiert sich der Nachwuchs für das Thema Schlesien? © Pawel Sosnowski/80studio.net

Vielleicht ist es ja die Tunke. Pfefferkuchentunke, um genau zu sein. Die wurde in der Vergangenheit in der Familie von Margrit Kempgen serviert. "Wenn es Tunke gab, wusste ich, es wird Weihnachten", erinnert sich die Geschäftsführerin und Vorstandsmitglied der Kirchlichen Stiftung Evangelisches Schlesien. 1950 wurde sie in Marburg geboren, wuchs in Bielefeld auf. Seit 25 Jahren lebt sie in Görlitz. Familiären Hintergrund hat sie in Breslau. Wie steht es aus ihrer Sicht um die schlesische Identität? 

Tunke, also die Soße, auf der einen Seite, die sprachliche auf der anderen: Muttel und Vatel - so erinnert sich Margrit Kempgen. Die Endung "el", die gern mal an Worte gehangen wurde. Ist das alles? Was macht Schlesien heute aus? Wie sieht sich die Region? Gibt es "den Schlesier"? Und wenn ja: Wie steht es um die Identität der jungen Generation?

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Interesse an der Veranstaltung ist groß

Es sind viele Fragen, die sich während einer Diskussion zum Thema unter dem sperrigen Namen "Görlitz in Schlesien - Schlesien in Görlitz: Das Erbe der Wende 1989/90" im, klar, Schlesischen Museum, auftun. Die Zuschauerzahl ist wegen Corona begrenzt, das Interesse an der Veranstaltung hingegen groß. "Wir hätten den Saal mehrfach füllen können", sagt Museumsdirektor Markus Bauer. 

Der Görlitzer Volker Bandmann war 1989 mit auf die Straße gegangen. Für die CDU saß er später im Sächsischen Landtag. Das "Wiedersichtbarmachen" der schlesischen Identität liegt ihm am Herzen. "Schlesien und Niederschlesien", sagt er, "sind eine Brücke in Europa."  Und Volker Bandmann erinnert an DDR-Zeiten. "Neben dem Begriff Deutschland war der Begriff Schlesien von der SED verboten", sagt er. "Alte Genossen" hörten Schlesien bis heute nicht gern.  "In Polen gibt es damit kein Problem", sagt Volker Bandmann. Auch wenn viele Bewohner des Grenzgebietes Vertriebene sind. Der Begriff Schlesien, so Margit Kempgen, sei bundesweit eher verankert, als die Begriffe Oberlausitz und Neiße.

Schlesische Jugend hatte sich gewandelt

Harald Twupack sitzt heute für die Bürger von Görlitz im Stadtrat. Er war Mitbegründer der Schlesischen Jugend in der Stadt. 1974, erinnert er sich, durfte er zum ersten Mal nach Zgorzelec. Mit dem Kinderausweis. "Ich habe nach meinen Wurzeln gesucht", sagt er. Und sich für die Region, für die Stadt stark gemacht. "Ich fühle mich von jeher als Schlesier", sagt Harald Twupack. Die Schlesische Jugend, ja, sagt er, sie wurde irgendwann unterwandert. Rechtsextreme hielten Einzug, keinesfalls in seinem Sinne. 

Harald Twupack erinnert sich an die Gründungszeiten der Schlesischen Jugend. "Wir haben damals ordentliche Jugendarbeit gemacht", sagt er. Medien kamen - und hätten wenig objektiv berichtet. "Wir sind einfach unverfänglich mit dem Begriff Schlesien umgegangen", sagt er. 

Robert Lorenz hat ein Buch geschrieben. "Schlesische Metarmophosen" heißt es. Robert Lorenz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sorbischen Institut Bautzen, in der Region aufgewachsen. "Ich habe eine gewisse Fremdheit empfunden", sagt er zum Thema Schlesien.  Robert Lorenz forschte nach, in den 1990ern, sprach mit den Leuten vor Ort. "Die Schlesische Jugend, das war damals ein Nazitreff", sagt er. Während der Arbeit an seinem Buch habe er Klischees vor Augen gehabt. Die hätten sich in der Zwischenzeit relativiert. "Ich habe gemerkt, dass mein bisheriges Oberlausitzverständnis zu eng war", sagt Robert Lorenz. Eine Facette, die schlesische, habe gefehlt. 

"Görlitz ist eine Stadt, die kaum wie eine andere viele Brüche erleben musste", so Robert Lorenz. Die Bevölkerung habe sich verändert. "Es ist klar, dass sich die Stadt auf die Suche macht. Görlitz hat inzwischen ein neues Selbstverständnis", sagt er zum Thema Identität.  

Interessiert die Jugend Schlesien?

Die Diskussionsrunde im Schlesischen Museum, sie bringt vor allem auch eines zutage: Es ist vor allem die ältere Generation, die sich für das Thema überhaupt interessiert. Unter den Gästen ist Stephan Rauhut, geboren 1974, Bundesvorsitzender  der Landsmannschaft Schlesien. "Eine schlesische Identität", sagt er, "gibt es nur grenzübergreifend." Damit ist er sich mit anderen Teilnehmern der Veranstaltung einig.

Museumsdirektor Markus Bauer wiederum macht sich keine Sorgen um das Interesse der jüngeren Generation am Thema Schlesien. In den Anfangsjahren der Einrichtung habe es die Befürchtung gegeben, das mit der Zeit weniger Besucher kommen, sagt er. "Damals waren es eher noch die Heimwehtouristen auf der Suche nach der alten Heimat", sagt Markus Bauer. Inzwischen sei die Besucherzahl stabil. Und es kommen Gäste, die zwar vielleicht in der weitläufigen Verwandtschaft schlesische Wurzeln entdeckt haben, aber dennoch generell interessiert sind. Vielleicht auch an einer Erklärung zu Tunke und Muttel und Vatel.

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