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„Es hat zu sehr an den Kräften gezehrt“

Sebastian Kubasch war im Rathaus ein wichtiger Mitstreiter von OB Siegfried Deinege. Er ging kurz nach seinem Chef.

Sebastian Kubasch war bis November 2019 Sachgebietsleiter Familie & Soziales bei der Stadt Görlitz. Heute arbeitet er im Fachdienst Prävention bei der Polizeidirektion Görlitz.
Sebastian Kubasch war bis November 2019 Sachgebietsleiter Familie & Soziales bei der Stadt Görlitz. Heute arbeitet er im Fachdienst Prävention bei der Polizeidirektion Görlitz. © Martin Schneider

Als das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur im September offiziell eröffnet wurde, da stand Sebastian Kubasch irgendwo im Hintergrund und freute sich. „Ich hab gegrinst und konnte gut damit leben, nicht mehr vorn zu stehen“, sagt er.

Christian Thomas und Theresa Zymek vom Second-Attempt-Verein, Ex-OB Siegfried Deinege und OB Octavian Ursu (v.l.) eröffneten im September vor vielen Gästen das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur „Werk I“ in Görlitz.
Christian Thomas und Theresa Zymek vom Second-Attempt-Verein, Ex-OB Siegfried Deinege und OB Octavian Ursu (v.l.) eröffneten im September vor vielen Gästen das neue Zentrum für Jugend und Soziokultur „Werk I“ in Görlitz. © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Dabei war das neue Zentrum im alten Waggonbau-Werk I lange Zeit auch sein Baby: Bis November 2019 war Kubasch Sachgebietsleiter Familie & Soziales bei der Stadt Görlitz und in dieser Funktion auch für das Zentrum zuständig. „Als ich voriges Jahr bei der Stadt gekündigt habe, war es fast fertig gebaut“, sagt der heute 41-Jährige. An der Stelle konnte er gut aussteigen. Zumal er das Zentrum beim Betreiberverein Second Attempt in guten Händen weiß: „Das Ding wird laufen.“ Klar, eine Bilanz werde man erst in ein paar Jahren ziehen können und es werde im Verein auch immer mal neue Macher geben: „Aber dass es erstmal da ist, ist großartig.“

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Überforderung bei der Stadtverwaltung

In die andere Richtung ist die Zuversicht verhaltener: Second-Attempt-Geschäftsführer Christian Thomas hatte kürzlich im Gespräch mit der SZ gesagt, er sehe bei der Stadtverwaltung eine Überforderung. Viele wichtige Leute seien weggegangen oder würden das demnächst planen. Stellenneubesetzungen würden der Stadt sehr schwerfallen. Er spielte dabei unter anderem auf Kubasch an, aber auch auf die frühere Ordnungsamtsleiterin Silvia Queck-Hänel sowie Silke Baenisch, die für die Bürgerbeteiligung zuständig war.

Verlassen also mit dem Ausscheiden von OB Siegfried Deinege, der bei der Wahl 2019 nicht mehr angetreten war, nun auch dessen wichtigste Mitarbeiter das Rathaus? Kubasch will das nicht dramatisieren: „In die Verwaltung werden auch neue Leute kommen. Die entstehenden Lücken müssen ja gefüllt werden.“ Den Eindruck, dass sich die Stadt mit Stellenneubesetzungen schwertut, bestätigt er aber: „Meine Stelle war mehr als ein Jahr lang nicht besetzt, aber ich glaube, jetzt ist sie es.“

Jugendbereich zurück an Wieler

Und, ja, OB Octavian Ursu habe den Jugendbereich an Bürgermeister Michael Wieler abgegeben und damit einen Schritt seines Vorgängers rückgängig gemacht, der die Jugend extra zu sich geholt hatte. Das zeige natürlich, dass er seine Prioritäten anders setzt. „Aber ich habe überhaupt keine schlechten Erfahrungen mit Octavian Ursu gemacht“, sagt Kubasch: „Mir fällt kein Beispiel ein, wo die Jugend vernachlässigt wird.“

Seine eigene Kündigung im Rathaus habe nichts mit Ursu zu tun. Stattdessen sei es Deinege gewesen, zu dessen Zeit er die Kündigung einreichte. Warum? Das ist eine längere Geschichte. Sebastian Kubasch kam im Mai 2010 zur Stadtverwaltung, noch zu Zeiten von OB Joachim Paulick. Er bekam eine neu geschaffene Sachbearbeiterstelle im Jugendbereich. Paulick habe er in dessen bis 2012 dauernder Amtszeit kein einziges Mal getroffen: „Der hat sich nie für mich interessiert, Jugend war nicht sein Thema.“ Das habe aber immerhin den Vorteil gehabt, dass er relativ frei loslegen konnte. Und Kubasch sah nach eigenen Worten richtig viel Potenzial in der Stelle. So viel, dass er sich richtig reinkniete – besonders natürlich, als OB Deinege ab 2012 seinen Fokus auf das Thema Jugend lenkte.

Kubasch baute guten Ruf auf

Kubasch strukturierte die Jugendförderung neu, machte Veranstaltungen mit den Trägern und baute sich – und der Stadt – nach und nach einen guten Ruf bei den Vereinen auf, wo die Verwaltung zu Paulick-Zeiten eher als Gegner betrachtet wurde. Er habe es geschafft, gute Brücken zu bauen zwischen kleinen Trägern, großen Trägern und der Stadt, sagt Kubasch.

Im Laufe der Zeit wuchs sein Aufgabengebiet, er bekam den Kita-Bereich dazu, wurde irgendwann Sachgebietsleiter, studierte zwei Jahre lang nebenbei noch Wirtschaft, was ihm bei der Arbeit wahnsinnig geholfen habe. Er redete mit Deinege über Strukturen, legte Bereiche zusammen, konnte über eine EU-Förderung noch einmal jemanden einstellen. Eine arbeitsintensive Zeit. Zumal er 2015 und 2017 zweimal Vater wurde und sich mit seiner Familie eine Wohnung in Görlitz ausbaute – der Stadt, die der aus Kirschau stammende Kubasch so liebt, seit er 2003 zum Studium der Sozialen Arbeit hergekommen ist und die er seither nie mehr verlassen wollte.

Nicht noch 25 Jahre so weiter

„Aber der Job hat zu sehr an den Kräften gezehrt“, sagt er. Als er 2019 dann 40 wurde, habe er sich überlegt, dass er noch mindestens 25 Jahre arbeiten müsse – und sich gefragt, ob er diese Arbeit jetzt noch 25 Jahre weitermachen wolle. Das konnte er klar mit „nein“ beantworten. Zudem sei er bei der Arbeit auch in vielen Projekten emotional involviert gewesen: „Wenn mir eine Sache wichtig war, bin ich auch mal laut geworden, das war nicht immer gut“, sagt er. Als dann auch noch klar wurde, dass Deinege nicht wieder antritt, habe das seine Entscheidung bestärkt: „Er hatte jederzeit ein offenes Ohr für mich.“ Dafür, wie sich Görlitz unter Deinege entwickelte habe, könne er nur eine super Note ausstellen.

Doch Kubasch wollte nun ruhiger treten, schrieb Bewerbungen, hatte am Ende zwei Stellen in der engeren Auswahl und entschied sich für den Fachdienst Prävention bei der Polizeidirektion Görlitz. Dass das ein Statusverlust ist – vom Sachgebietsleiter zum Sachbearbeiter – ist ihm absolut recht: „Führung ist unheimlich anstrengend.“ Die neue Stelle gefällt ihm sehr gut. Und er hat jetzt mehr Zeit für Frau und Kinder.

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