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Wo Görlitz bei Großstädtern punktet – und wo nicht

Verkehr, Wohn- und Arbeitsräume: Zuzügler haben oft eigene Vorstellungen. Bei „Stadt auf Probe“ wird das deutlich.

Sven Wernicke, Anne-Kathrin Gericke und Tochter Wilma aus Dresden nahmen am Projekt Stadt auf Probe in Görlitz teil.
Sven Wernicke, Anne-Kathrin Gericke und Tochter Wilma aus Dresden nahmen am Projekt Stadt auf Probe in Görlitz teil. © Nikolai Schmidt

Großer Leerstand und folglich ein Überangebot an Wohnungen? Nein, so beschreiben die Teilnehmer des Projektes „Stadt auf Probe“ Görlitz nicht. Im Gegenteil: „Bei Sanierung und Ausstattung entsprachen die Angebote auf dem Wohnungsmarkt nicht immer den Ansprüchen und Wohnwünschen“, berichtet Constanze Zöllter, die das Projekt bearbeitet hat. Einige vermissten höherwertig sanierten, individuell gestalteten Wohnraum, anderen fehlten unsanierte Wohnungen, die sie kaufen und individuell gestalten können.

Gedacht für Selbstständige und Freischaffende

„Stadt auf Probe“, das ist ein Projekt des Interdisziplinären Zentrums für ökologischen und revitalisierenden Stadtumbau (IZS) in Görlitz. Es lockte von Januar 2019 bis März 2020 mehr als 60 Teilnehmer für je vier Wochen nach Görlitz. Die Stadt stand erstmals nicht nur als Wohn-, sondern auch als potenzieller Arbeitsort und Wirtschaftsstandort im Mittelpunkt der Untersuchungen. Gedacht war es vor allem für Menschen, die ortsungebunden arbeiten können, etwa Selbstständige und Freischaffende. Sie konnten kostenfrei Wohnungen und Arbeitsräume nutzen.

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Vor und während ihres Aufenthaltes wurden 47 Teilnehmer wissenschaftlich befragt – zu den Erwartungen an den Probeaufenthalt ebenso wie zu den Erfahrungen vor Ort. Die Ergebnisse sollen dabei helfen, die Faktoren zu identifizieren, die kleinere Städte und Städte in peripherer Lage für erwerbstätige Menschen attraktiv machen und die die Anziehungskraft dieser Orte positiv beeinflussen.

Mehr als 70 Prozent kommen aus der Großstadt

Am Dienstag nun hat das IZS die Ergebnisse erstmals öffentlich vorgestellt. Auffällig: Viele Teilnehmer haben andere Vorstellungen vom Leben als manch alteingesessene Görlitzer. Das zeigt sich nicht nur darin, dass ihnen in Görlitz teilweise die richtigen Wohnungen fehlen. Mehr als 70 Prozent kommen aus der Großstadt, haben oft kein eigenes Auto. Die Anbindung der Stadt per Bahn ist ihnen deshalb besonders wichtig. Zu viele fahrende und parkende Autos in der Innenstadt schrecken sie hingegen ab. „Für Mittelstädte ist die Mobilitätswende wichtig“, schlussfolgert Constanze Zöllter. Bei Gewerbe-, Arbeits- und Kreativräumen nutze Görlitz das vorhandene Potenzial noch nicht optimal. So sei das Angebot zwar groß und vielfältig, der Zugang zu den Räumen aber schwierig: „Die Befragten vermissten Informationen, etwa einen Überblick über freie Objekte sowie Auskünfte zu Preisen, Ausstattung, Mietbedingungen und Ansprechpartnern.“

Teilnehmer loben die Familienfreundlichkeit

Erfreulich hingegen: Die Teilnehmer sind voll des Lobes über das große Angebot an Wohn- und Arbeitsräumen, vergleichsweise günstigen Mieten, das attraktive Stadtbild, die kurzen Wege, die Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs, das Angebot an Parks und Grünanlagen, die Familienfreundlichkeit der Stadt, die vielen Kultur-, Freizeit- und Sporteinrichtungen und das landschaftlich reizvolle Umland.

Neben solchen Erkenntnissen hat das Projekt ganz konkrete Erfolge gebracht: Mindestens fünf Haushalte sind nach ihrem Probeaufenthalt nach Görlitz gezogen, ein sechster hat das vor. „Möglicherweise sind es auch noch mehr, sie müssen das ja nicht bei uns melden“, sagt Constanze Zöllter. Nicht zuletzt habe das Projekt der Stadt große mediale Aufmerksamkeit gebracht.

Fortsetzung soll im Oktober starten

Ab Oktober soll es eine Fortsetzung mit dem Titel „Stadt der Zukunft auf Probe“ geben. Innerhalb von anderthalb Jahren – also bis März 2023 – sollen 18 Haushalte für je drei Monate nach Görlitz kommen, also deutlich länger als bisher. Die städtische Tochter Kommwohnen stellt, wie schon in den bisherigen Durchgängen, drei Wohnungen kostenfrei zur Verfügung, sodass immer drei Haushalte gleichzeitig in Görlitz leben können. Bei der Arbeit der Teilnehmer liegt der Fokus auf Klimaneutralität und nachhaltiger Stadtentwicklung. Dazu werden sie in Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen wie den Stadtwerken, im Siemens-Innovationscampus, bei Casus oder an der Hochschule arbeiten können. Das IZS hat drei Zielgruppen im Auge, sagt Leiter Robert Knippschild: Freiberufler, Start Ups und Leute, die Arbeit haben, sich aber freistellen oder nach Görlitz entsenden lassen können.

Mit diesem Ansatz will das IZS Aufmerksamkeit auf den Wohn- und Arbeitsort Görlitz lenken und zugleich die Chancen eines gezielten Zuzugs für die Umsetzung einer nachhaltigen Stadtentwicklung ermitteln. „Wir arbeiten derzeit an einem neuen Aufruf, damit es im Oktober losgehen kann“, sagt Knippschild.

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