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In Görlitz reifen Öko-Äpfel gut

Das Stadtgut als einer der größten Apfelbauer im Kreis fährt eine gute Ernte ein und stellt sich auf eine trockenere Zukunft ein.

Mike Schwarzbach, Leiter Obstbau im Görlitzer Stadtgut, zeigt fünf Gala-Äpfel. Die Ernte läuft seit 2. September.
Mike Schwarzbach, Leiter Obstbau im Görlitzer Stadtgut, zeigt fünf Gala-Äpfel. Die Ernte läuft seit 2. September. © Nikolai Schmidt

Die Zeiten des Schleppens schwerer Obstkörbe sind vorbei – jedenfalls für die vier polnischen Erntehelfer, die derzeit an der Kastanienallee zwischen Biesnitz und Weinhübel auf den Flächen des Görlitzer Stadtgutes Äpfel ernten.

Vier polnische Erntehelfer arbeiten an einer Maschine des italienischen Herstellers Frumaco. Geerntet wird nach wie vor per Hand, aber die Helfer müssen keine Körbe mehr schleppen.
Vier polnische Erntehelfer arbeiten an einer Maschine des italienischen Herstellers Frumaco. Geerntet wird nach wie vor per Hand, aber die Helfer müssen keine Körbe mehr schleppen. © Nikolai Schmidt

Das tun sie nach wie vor per Hand. Doch die selbstfahrende Maschine des italienischen Herstellers Frumaco nimmt ihnen viel Arbeit ab. Vier Erntehelfer können an einer Maschine arbeiten, während diese sich wie von Geisterhand gesteuert ganz langsam durch die Plantage bewegt. Zwei von ihnen pflücken die Äpfel, die sie vom Boden aus erreichen können, die anderen zwei stehen auf erhöhten Plattformen. Jeder hat sein eigenes kleines Förderband, das die Äpfel ins Innere der Maschine und von dort in eine große Kiste für bis zu 350 Kilo Äpfel befördert. Und das ganz sanft. An keiner Stelle des Transportprozesses fallen die Früchte oder können gedrückt werden.

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Qualität ist 25 Prozent höher

„Dadurch ist die Qualität der Äpfel um 25 Prozent höher als früher“, sagt Mike Schwarzbach, Leiter Obstbau im Görlitzer Stadtgut. Der zweite Vorteil: Auch die Helfer werden geschont. Sie müssen keine Kisten oder Beutel mit Äpfeln schleppen, sondern nur noch pflücken und die einwandfreien Äpfel aufs Förderband legen. Früchte, die zu klein sind, Flecken oder Schorf haben, werfen sie in Boxen, die ebenfalls auf der Maschine angebracht sind. „Daraus machen wir Most“, erklärt Schwarzbach.

Auf den 37 Hektar Apfelplantagen des Stadtgutes – das entspricht fast 52 Fußballfeldern – rechnet er dieses Jahr mit einem Ertrag von 700 Tonnen Äpfeln, darunter 500 bis 600 Tonnen Qualitätsware und 100 bis 200 Tonnen Most. Im Vergleich zum Vorjahr ist das fast eine Verdopplung. „Da hatten wir 400 Tonnen, davon 150 Most“, sagt Schwarzbach. Er ist dieses Jahr mit der Ernte recht zufrieden. Es ist kein Rekordjahr, aber zumindest eine normale Ernte. „Im Vergleich zu anderen Gegenden sind wir mit einem blauen Auge durchgekommen“, sagt Schwarzbach. Im Leipziger Raum, aber auch rund um Frankfurt/Oder gab es gleich zwei Probleme: genau zur Blütezeit Temperaturen bis minus acht Grad und später anhaltende Trockenheit. „Wir hatten in der Blütezeit nur ganz leichten Frost“, sagt Schwarzbach. Und die Niederschlagsmengen waren hier normal.

Apfelwickler verursacht Schäden

Doch auch 2019 war die Dürre nicht das Hauptproblem. „Damals haben wir 60 Prozent der Äpfel durch den Apfelwickler verloren“, sagt der 56-Jährige, der seit den 1980er-Jahren im Stadtgut tätig ist und den Obstbau schon seit 1995 leitet. Apfelwicklerbefall heißt: Die Früchte sind madig. Dann fangen sie schnell an zu faulen und sind nicht einmal mehr für Most zu gebrauchen. Dieses Jahr liegt der Befall nur bei neun bis zehn Prozent.

Als Öko-Betrieb kann das Stadtgut dem Apfelwickler nicht mit der chemischen Keule begegnen. Stattdessen hat Schwarzbach auf verschiedene biologische Verfahren gesetzt, um das Problem in den Griff zu bekommen: Spritzen mit dem Granulosevirus und konsequentes Vernichten der befallenen Äpfel im Vorjahr. Hinzu kamen auch noch Mittel, die die Apfelwickler verwirrt haben. Mit dem Ergebnis ist Schwarzbach zufrieden – wenngleich zehn Prozent Verlust immer noch schmerzen.

Ernte dauert bis Oktober

Die Ernte begann dieses Jahr am 2. September, sie dauert bis Mitte/Ende Oktober. Für die zwölf Mitarbeiter aus dem Obstbau ist sie nicht zu schaffen – zumal sie sich beispielsweise auch um die Vermarktung kümmern müssen. Also kommen 30 Erntehelfer zum Einsatz, die meisten aus Polen. „Es sind aber auch Deutsche darunter, die jedes Jahr kommen“, berichtet Schwarzbach. Ausfälle durch Corona gibt es nicht – weder bei Erntehelfern noch zuvor. Auf 37 Hektar Plantagen pflücken sie insgesamt 22 Sorten Äpfel, hinzu kommen noch die Birnensorten Xenia und Conference auf 1,2 Hektar Fläche. „Mit Birnen haben wir erst angefangen, da bin ich noch am Probieren, was funktioniert“, sagt Schwarzbach.

Bei den Äpfeln hingegen weiß er ganz genau Bescheid. Topaz, Gala und Jonagold sind hier der Schwerpunkt, dazu die heute eigentlich nicht mehr übliche Sorte Gloster und die neue Sorte Natyra. „Pinova hingegen ist weniger gut lagerfähig, deshalb bauen wir davon weniger an“, sagt er. Haltbarkeit ist für das Stadtgut extrem wichtig, denn jetzt zur Erntezeit lassen sich nur knapp 100 Tonnen absetzen, der Rest wird für den späteren Verkauf in der mit modernster Kühltechnik ausgestatteten Halle zwischen Biesnitz und Kunnerwitz eingelagert. „Unser Ziel ist es, ganzjährig Äpfel anbieten zu können“, sagt der Obstbau-Leiter. Alle 22 Sorten gleichzeitig wird es aber nie geben, denn jede hat ihre Saison.

Stadtgut verkauft deutschlandweit

Hauptabnehmer ist der deutschlandweite Naturkosthandel. Auf Supermärkte und Discounter setzt das Stadtgut weniger, nur Konsum und Marktfrisch Rothenburg werden beliefert. Ein Problem an den Discountern sind die vertraglich vereinbarten Abnahmemengen, sagt Schwarzbach: „Wenn wir wegen einer schlechten Ernte nicht genug liefern könnten, kämen Strafzahlungen auf uns zu.“ Dieses Risiko will er nicht eingehen. Hinzu komme, dass der Handel bei der Optik der Äpfel immer anspruchsvoller werde, auch bei Bio-Obst. Was einen Fleck hat, wird nicht abgenommen. Schwarzbach glaubt nicht, dass die Ansprüche der Kunden so extrem sind: „Es sind die Ansprüche des Handels.“

Einen Teil verkauft er auch direkt vor Ort, etwa bei Bio im Bahnhof in Görlitz und auf dem Stadtgut zwischen Biesnitz und Kunnerwitz, wo der Verkauf ebenfalls ganzjährig läuft: Immer Montag bis Freitag, von 7 bis 16 Uhr. Die diesjährige Ernte gibt Schwarzbach Hoffnung, dass am Ende ein Gewinn hängenbleibt. Voriges Jahr war das kaum der Fall: „Deshalb konnten wir auch nicht investieren“, bedauert er.

Maschinen kosten viel Geld

Die beiden Frumaco-Maschinen sind zwei beziehungsweise drei Jahre alt. Voriges Jahr ist keine dazugekommen. Zwei weitere will Schwarzbach aber noch anschaffen, sobald Geld da ist. Eine Maschine kostet rund 60.000 Euro. Doch das Stadtgut muss auch dem Klimawandel begegnen: „Wir wollen dieses Jahr beginnen, eine Tropfenberegnungsanlage zu bauen.“ Die soll für einen gleichmäßig feuchten Boden sorgen. Denn auch, wenn 2020 in Görlitz nicht zu trocken war: Früher oder später kommen sicherlich weitere Dürrejahre.

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