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Görlitzer Zoo bietet Kühlschrank-Patenschaften

Dem Tierpark fehlen Besucher und damit Einnahmen. Deshalb gibt es jetzt Patenschaften, die man nirgendwo sonst abschließen kann.

Tierparkdirektor Sven Hammer und die Schildkröten im Kühlschrank: Für den Stromverbrauch kann eine Patenschaft übernommen werden.
Tierparkdirektor Sven Hammer und die Schildkröten im Kühlschrank: Für den Stromverbrauch kann eine Patenschaft übernommen werden. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Ganz vorsichtig holt Sven Hammer eine Plastikbox aus dem Kühlschrank. Bloß keine heftigen Erschütterungen, mahnt sich der Direktor des Görlitzer Tierparks. Denn in der Box lebt es. Oder besser: schläft es. Zwei große Kühlschränke im Zoo sind zu Winterschlafquartieren umfunktioniert worden. In einem Kokossubstrat schlummern in separaten Quartieren 18 Griechische Landschildkröten und Vier-Zehen-Schildkröten dem Frühling entgegen, verschlafen Corona und wachen vielleicht in einer besseren Zeit auf.

Spezielle Schlafquartiere für die Panzertiere

Um die acht Grad kühl ist es in den elektrisch betriebenen Winterquartieren. In regelmäßigen Abständen muss gelüftet, also die Türen geöffnet werden. "Die Kühlschränke sind besondere. Vibrationsarm, damit die Schläfer nicht etwa im Winter aus Versehen geweckt werden. Klar, der Kühlschrankbetrieb kostet. Und Geld ist in Zeiten knapp, in denen der Tierpark keine Einnahmen von Besuchern hat.

Stars im Strampler aus Görlitz
Stars im Strampler aus Görlitz

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Deshalb hat sich die Einrichtung etwas einfallen lassen - Patenschaften für die ungewöhnlichsten Zwecke. Im Fall der Schildkröten beispielsweise eine Kühlschrank-Patenschaft. Damit wird der Strom bezahlt. Vier Wochen Patenschaft kosten 8,88 Euro.

Nach dem Lockdown im Frühjahr trifft es nun den Tierpark wieder. Keine Besucher, wenig Geld. Deshalb hat sich das Tierpark-Team zusammengesetzt und überlegt, wie zusätzliche Gelder in die Kasse kommen könnten. Die Idee: Patenschaften, wie es sie wohl kaum in einem anderen Zoo gibt. Tierpatenschaften, ja, die gibt es schon seit Längerem. Aber eine Patenschaft für einen Tierpfleger? Das ist neu.

Tierparkpädagogin Isa Plath beim Füttern der Kängurus im Tierpark: Die Tiere haben ein beheiztes Zuhause, der Strom kostet.
Tierparkpädagogin Isa Plath beim Füttern der Kängurus im Tierpark: Die Tiere haben ein beheiztes Zuhause, der Strom kostet. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Tierpfleger brauchen Schaufel, Besen - und Kaffee

Mit einer Schaufel, einem Besen und einem Pfund Kaffee kann man einen Tierpfleger unterstützen, das ist die Maximalvariante und kostet 37,50 Euro. Wenn man ihm nur eine neue Aluschaufel gönnen will macht das 17,50 Euro. Welche Patenschaften es gibt, wie viel sie kosten, wie man bezahlen kann, findet sich auf der Webseite des Tierparks.

Um die 50 Patenschaften sind schon vergeben, sagt Sven Hammer. Auch kleine Summen helfen, betont er. Fünf Euro kostet die günstigste Unterhaltspatenschaft. Damit hilft man, die Wärmeplatten für die Zebramangusten am Laufen zu halten. Die wärmeliebenden Tiere aus Afrika kuscheln darauf sehr gern. Für zwei Euro mehr wird der Stromverbrauch für einen Tag im beheizten Stall der Riesenkängurus gesichert.

Sven Hammer sieht die Situation des Görlitzer Tierparks heute ähnlich schwierig wie im Frühjahr. Rund 4.400 Euro sind pro Tag nötig, um den Laden am Laufen zu halten. Mit Sorge schaut der Zoochef auf das kommende Jahr. "Wir kommen in existenzielle Nöte, wenn wir Ostern immer noch schließen müssen", warnt er. Möglicherweise drohe dann das Aus für die Einrichtung.

Tierparkchef kritisiert Landesregierung

Der Görlitzer Tierpark ist der viertgrößte der 15 sächsischen. "Die drei großen, wie etwa Leipzig und Dresden, hängen direkt am städtischen Haushalt. Wir haben eine Vereinsstruktur. Das macht es schwieriger", sagt Sven Hammer. Und er kritisiert die Landesregierung. "Jedes Bundesland mit einem Herz für Zoos hat inzwischen einen Hilfsfonds aufgelegt, Sachsen nicht", so Sven Hammer. Und: "Bis jetzt haben wir für die Verluste von 290.000 Euro aus der ersten Schließung im Frühjahr keinerlei staatliche Kompensation bekommen."

Sorgt sich um die Zukunft der Tiere: Sven Hammer bei den Kamelen.
Sorgt sich um die Zukunft der Tiere: Sven Hammer bei den Kamelen. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

Die Ausgaben für die Versorgung der Tiere und die Mitarbeitergehälter könnten aber nicht einfach heruntergefahren werden. Gerade in der Wintersaison habe der Tierpark höhere Kosten für Heizung und Strom. "Da brauchen wir jeden Euro an Einnahmen", so Sven Hammer. Deshalb bleibe nur die Eigeninitiative und die Hoffnung auf die Unterstützung der Görlitzer Tierparkfreunde. Die gibt es in der Stadt.

Auch die Rhesusaffen wollen gefüttert werden. Deshalb hat der Tierpark die Unterhaltspatenschaften ins Leben gerufen.
Auch die Rhesusaffen wollen gefüttert werden. Deshalb hat der Tierpark die Unterhaltspatenschaften ins Leben gerufen. © Paul Glaser / glaserfotografie.d

3.000 Euro hat die Görlitzer Firma msg systems ag am Donnerstag dem Tierpark übergeben. Die Idee, für die Einrichtung zu sammeln und zu spenden, hatte Manuela Tiepolt-May vom Qualitätsmanagement. "Unsere Abteilung macht jedes Jahr eine Abstimmung, an wen unsere Weihnachtsspenden gehen sollen", sagt sie. "Wir wollten gern, dass es in der Region bleibt und so fiel die Wahl auf den Tierpark." In die Spende fließt auch das Budget ein, was normalerweise für die Weihnachtsfeier gewesen wäre. Msg ist ein Software-Entwickler. Hauptsitz ist Ismaning bei München. Seit 2018 hat das Unternehmen eine Geschäftsstelle in Görlitz.

Rentner Ronny braucht Hilfe wegen seiner Zähne

Und dann ist da noch Ronny. Auch er soll in den Genuss einer Patenschaft kommen. Ronny ist ein Shetlandpony. Mit über 30 Jahren ist er einer der ältesten Görlitzer Tierparkbewohner. Das Alter, klar, setzt ihm zu. Wegen seiner Zahnprobleme bekommt er regelmäßige Zahnkontrollen, mal verliert er einen Zahn. Täglich wird aufgeweichtes Heu zugefüttert. Der Fellwechsel macht Probleme, und auch die Hufen wachsen nicht mehr wie bei einem Jungpferd. Hinzu kommt Arznei. Medikamente gegen sein Cushing-Syndrom, eine häufiger auftretende Hormonstörung bei älteren Pferden und das unter anderem zu einem erhöhten Blutzuckerspiegel führt, schlagen teuer zu Buche.

42 Euro kostet eine Patenschaft für Ronny für eine Woche. Passenderweise nennt sich das ganze dann auch Rentner-Patenschaft. (mit SZ/dan)

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