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Was die Trockenheit für den Kreis Görlitz bedeutet

2018 und 2019 waren extrem, 2020 normal. Das Niederschlagsdefizit bleibt groß. Zur Savanne aber werden wir nicht.

In trockenen Sommern wird die Neiße in Görlitz immer schmaler und flacher. Aber sie trocknet nicht aus.
In trockenen Sommern wird die Neiße in Görlitz immer schmaler und flacher. Aber sie trocknet nicht aus. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Nach einem sehr nassen Oktober hat sich das Jahr 2020 im Kreis Görlitz wieder mit zwei viel zu trockenen Monaten verabschiedet. Und die untenstehende Grafik zeigt eindrucksvoll: Noch nie seit 1952 war der Gesamtboden hier so trocken wie in den Jahren 2019 und 2020. Er reicht bis in eine Tiefe von 1,80 Meter.

Die Grafik zeigt die Trockenheit des Gesamtbodens bis 1,80 Meter Tiefe in Sachsen jeweils im Sommerhalbjahr der Jahre zwischen 1952 und 2020. Je dunkler ein Gebiet, desto trockener war der Gesamtboden. Gut erkennbar ist, dass der heutige Kreis Görlitz im
Die Grafik zeigt die Trockenheit des Gesamtbodens bis 1,80 Meter Tiefe in Sachsen jeweils im Sommerhalbjahr der Jahre zwischen 1952 und 2020. Je dunkler ein Gebiet, desto trockener war der Gesamtboden. Gut erkennbar ist, dass der heutige Kreis Görlitz im © Bild: UFZ-Dürremonitor / Helmholtz-Zentrum für Umw

„Man muss die Grafiken aber richtig lesen“, betont Dr. Andreas Marx. Er ist Leiter des Mitteldeutschen Klimabüros am UFZ, also am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, das die Grafik erstellt hat. Es gibt nämlich noch eine zweite Grafik. Sie zeigt den Oberboden, also die Tiefe bis 25 Zentimeter. Dort war 2018 das trockenste Jahr, weil es kaum geregnet hat. Vor allem 2020 kam im Kreis Görlitz mehr Regen an, sodass der Oberboden etwas feuchter war. Das ist gut für die Landwirtschaft, denn Getreide und Co. nutzen das Wasser aus dem Oberboden. „Für die Bäume aber ist der Gesamtboden wichtig“, sagt Marx. Hier ist die Lage jetzt so dramatisch wie noch nie seit 1952. Das liegt daran, dass der 2018 und 2019 fehlende Niederschlag durch ein relativ „normales“ Jahr wie 2020 nicht annähernd ausgeglichen werden konnte. Der Regen hat die oberen Bodenschichten erreicht, nicht aber die Tiefe.

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Es wird weiter Frost und Eis geben

Wird der Kreis Görlitz also zur Toskana des Ostens? Oder zur Savanne? „Weder noch“, stellt Marx klar: „In der Toskana spielen Frost und Eis eigentlich keine Rolle, bei uns aber wird es beides auch künftig geben.“ Die Durchschnittstemperatur dort liege bei etwa 20 Grad Celsius, hier sind es zehn Grad, mit der Prognose einer mittleren Erwärmung um drei Grad. „Und im Gegensatz zur Savanne ist es bei uns ganzjährig humid und bleibt es auch“, sagt Marx.

Dennoch: 2018 und 2019 waren extrem. Marx macht das an der Zahl der Sommertage (Spitzenwert mindestens 25 Grad) und Hitzetage (mindestens 30 Grad) fest. Normal sind etwa 50 Sommertage. 2018 aber waren es im Kreis Görlitz 79, 2019 noch einmal 66, 2020 dann 51. Ähnlich ist die Lage bei den Hitzetagen, von denen es normalerweise sechs bis sieben pro Jahr gibt. 2018 wurden 26 gezählt, 2019 dann 19 und 2020 neun. Parallel sinkt die Zahl der Frost- und Eistage. „Heute muss man zehn Prozent weniger Energie zum Heizen aufwenden als vor 40 Jahren“, sagt Marx.

An die 40 Grad werden Realität

Gotthard Strauß aus Diehsa misst seit 1967 die Niederschlagsmengen in seinem Heimatort und meldet sie dem Deutschen Wetterdienst. Im vergangenen Jahr hat sich wieder mehr Regenwasser in dem Messbehälter angesammelt als in den trockenen Jahren 2018 und 201
Gotthard Strauß aus Diehsa misst seit 1967 die Niederschlagsmengen in seinem Heimatort und meldet sie dem Deutschen Wetterdienst. Im vergangenen Jahr hat sich wieder mehr Regenwasser in dem Messbehälter angesammelt als in den trockenen Jahren 2018 und 201 ©  Archiv/André Schulze

Und was bedeutet das alles für die Zukunft? „Die Sommer werden verstärkt durch Hitzeperioden geprägt sein, Temperaturen an die 40 Grad werden Realität“, sagt Marx. Die gute Nachricht aber ist: Die Jahresniederschlagsmenge wird nicht sinken, sondern im Mittel recht konstant bleiben. „Allerdings werden die Sommer trockener“, sagt der Klimaforscher. Doch nicht jedes Jahr wird zum Dürrejahr. Für die Landwirtschaft heißt das, dass die gleichen Sorten wie bisher angebaut werden können, aber es bei der Ernte große Schwankungen geben kann. Dagegen werden sich die Landwirte versichern müssen.

„Für den Forst ist die Lage weniger komfortabel“, sagt Marx. Hier stellt sich die Frage, mit welcher Baumart aufgeforstet werden soll. Die bisher dominante Fichte kommt mit der Trockenheit nicht zurecht, sie wird aus dem Flachland verschwinden. Eichen seien sicher eine gute Alternative. Steffen Leder vom Görlitzer Sachgebiet Stadtgrün bringt neben der Eiche hauptsächlich die Hainbuche ins Gespräch, die im Gegensatz zur bisher dominanten Rotbuche weit besser mit Trockenheit klarkommt. Marx erklärt, dass genetische Variationen getestet werden, zum Beispiel Eichen aus Südfrankreich. Das Problem aber ist: Es dauert 15 Jahre, um aussagekräftige Ergebnisse zu bekommen. Aufgeforstet werden muss aber jetzt. Das stellt die Forstwirtschaft vor große Herausforderungen.

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Und wie sollte der Kleingärtner mit den neuen Bedingungen umgehen? „Ich empfehle, mit Büschen bestimmte Bereiche zu verschatten“, sagt Marx. So sei der Verdunstungsverlust geringer. Selbst Unkraut kann hilfreich sein: Es verhindert unbedeckten Boden und damit Verdunstung. Zudem sollten Kleingärtner Regenwasser in Tonnen sammeln und richtig gießen: Lieber einmal kräftig als fünfmal oberflächlich. Wichtig ist, dass das Wasser die tieferen Wurzeln erreicht, nicht nur die Oberfläche. Und morgens gießen ist besser als abends: Da ist es noch nicht so heiß, sodass weniger Wasser verdunstet.

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