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Was Görlitz mit New York verbindet

Statt bloßem Wohnen steht bei „Stadt auf Probe“ jetzt Arbeiten im Fokus. Eine Polin hat sich dabei klare Ziele gesetzt.

Jolanta Steciuk aus der Nähe von Warschau ist Teilnehmerin beim Projekt „Stadt der Zukunft auf Probe“. Hier steht sie vor dem Kolabor in der Hospitalstraße 29, wo sie arbeitet.
Jolanta Steciuk aus der Nähe von Warschau ist Teilnehmerin beim Projekt „Stadt der Zukunft auf Probe“. Hier steht sie vor dem Kolabor in der Hospitalstraße 29, wo sie arbeitet. © Paul Glaser/glaserfotografie.de

Auf der Straße ist Jolanta Steciuk schon angesprochen worden – mit der Frage, ob sie den Weg erklären könne. Nein, konnte sie nicht: „Ich bin ja erst seit einer Woche in Görlitz.“ Gefreut hat sie sich aber trotzdem: „Scheinbar wirke ich schon wie eine Görlitzerin.“ Die Stadt gefällt ihr sehr, erinnert sie teils sogar stark an New York, wo sie mal während eines Auslandsaufenthaltes studiert hat: „Hier wie dort gibt es eine sehr große Vielfalt – bei den kulturellen Angeboten, aber beispielsweise auch beim Essen.“ Sie mag die vegetarischen Angebote, die internationale Küche – und auf der anderen Flussseite in Zgorzelec auch die traditionellen polnischen Speisen.

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Letzteres ist kein Wunder: Die 48-Jährige kommt aus der Nähe von Warschau. Sie gehört zu den ersten drei Menschen, die im Projekt „Stadt der Zukunft auf Probe – Ein Wohn- und Arbeitsexperiment für ein klimaneutrales Görlitz“ für einen Probeaufenthalt in Görlitz sind. Bis Ende des Jahres können sie und die anderen beiden Görlitz als Wohn-, Arbeits- und Lebensort ausprobieren. Ziel ist es, dass sie während ihres dreimonatigen Aufenthaltes die Stadt mit ihren Ideen und ihrer Expertise auf dem Weg zu Klimaneutralität und mehr Nachhaltigkeit unterstützen.

„Bis März 2023 sind insgesamt 18 dieser Probeaufenthalte vorgesehen“, erklärt Heike Hensel vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), das zusammen mit vielen Partnern hinter dem Projekt steht. Rund 60 Bewerbungen waren eingegangen – von Ein- und Zwei-Personen-Haushalten, aber auch von Familien mit Kindern. Viele Großstädter – vor allem aus Berlin und Dresden – interessierten sich für die Teilnahme. Doch ausgewählt wurden nur die, deren Projektidee zum ambitionierten Ziel der Stadt beitragen kann, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden.

Theaterpädagogin plant Kunstprojekt

Die ersten drei Teilnehmer bringen sich mit sehr unterschiedlichen Ansätzen in die Stadt ein. Eine Theaterpädagogin aus Sachsen möchte in Zusammenarbeit mit dem Wildwuchs-Verein und gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aus Görlitz ein nachhaltiges Kunstprojekt umsetzen. Es wird darum gehen, wie eine klimaneutrale Stadtgestaltung aussehen, sich anfühlen und mit allen Sinnen erfahrbar gemacht werden kann. Der zweite Teilnehmer ist ein selbstständiger Datenwissenschaftler aus Berlin. Er beschäftigt sich mit Verkehrsoptimierung, Sharing-Konzepten und intelligenten Verkehrszählungen. Seine Kenntnisse möchte er in der Hochschule Zittau/Görlitz einbringen und sein Wissen darüber hinaus an interessierte Görlitzer sowie lokale Unternehmen weitergeben.

Und die Dritte ist Jolanta Steciuk, die in Warschau Internationales Recht studiert hat – und zwischendrin Historischen Dialog und Menschenrechte in New York. In Polen hat sie zwei Jobs: Sie arbeitet für einen Stipendiengeber in Warschau und in der Bildung in der Nähe von Breslau. Über die zweite Stelle hat sie Görlitz vor fünf Jahren erstmals kennengelernt: „Damals war ich mit einem deutsch-polnischen Projekt für junge Leute für eine Woche hier.“ Aus dieser Zeit hat sie bis heute einige Kontakte nach Görlitz. Über die ist sie jetzt auf das Projekt „Stadt der Zukunft auf Probe“ aufmerksam geworden. Sie entschied sich bewusst dafür: „Mit meiner Arbeit war das zum Glück vereinbar, meine Chefin ist ein großer Görlitz-Fan.“ Und während vor fünf Jahren die jugendlichen Teilnehmer und deren Wünsche im Mittelpunkt standen, kann sie Görlitz nun erstmals nach ihren eigenen Vorstellungen erkunden.

Was sie hier machen will? „Erst einmal Görlitz erkunden, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch kommen“. Das klappt schon sehr gut, obwohl sie vor allem Polnisch und Englisch spricht. Sie geht zu Veranstaltungen und an den Berzdorfer See, spricht einfach Leute an. Sogar in dem Haus, in dem sie lebt, hat sie schon Kontakte zu Nachbarn geknüpft. „Ich denke, es ist ein Privileg für neu angekommene Leute, überall hinzugehen und Fragen zu stellen.“

Schon ein Förderprogramm gefunden

Sie macht das aber nicht zum Selbstzweck. Ihr Hauptziel ist es, viele Menschen zu vernetzen, Deutsche und Polen. Und zwar passgenau. Sie fragt sich immer: Wer könnte mit wem kooperieren, sodass beiden Seiten geholfen ist? Und sie ist zuversichtlich, dass das gelingt, will am Ende vielleicht auch ein Dokument erstellen mit möglichen Partnerschaften und hat schon ein passendes Förderprogramm gefunden. Aber was hat das alles mit Klimaneutralität zu tun? „Ich denke, dass ich dazu indirekt beitragen kann“, sagt Jolanta Steciuk. Man könnte Görlitz ja nicht ausschneiden und ganz allein klimaneutral machen. Die Stadt sei in die Region eingebettet. An der Stelle will sie ansetzen, beiderseits der Neiße. Wenn es gelingt, überall neue Kontakte aufzubauen, könne viel erreicht werden.

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