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Wie Görlitz attraktiver werden kann

Forscher haben sich lange mit der Altstadt befasst. Jetzt raten sie zum Spagat zwischen Denkmalschutz und Neuzeit.

Das Neißeufer in der Altstadt wird in der Studie als attraktiv wahrgenommen – bis auf das alte Kondensatorenwerk (hinten links).
Das Neißeufer in der Altstadt wird in der Studie als attraktiv wahrgenommen – bis auf das alte Kondensatorenwerk (hinten links). © Martin Schneider

Ist die Görlitzer Altstadt ein Ort nur für Touristen? Oder einer, an dem sich auch Einheimische wohlfühlen? Eine neue Studie zeichnet da ein recht durchwachsenes Bild. „Die Altstadt hat sich von einem vernachlässigten, unattraktiven Gebiet zu DDR-Zeiten zu einem weitgehend sanierten Aushängeschild der Stadt Görlitz entwickelt, das zur Identifikation der Bewohner mit ihrer Stadt (...) beiträgt“, heißt es da. Aber auch: „Im Alltag vieler Bewohner spielt der mittelalterliche Stadtkern nur eine untergeordnete Rolle. Stattdessen dominieren dort touristische Nutzungen.“

Doch was hat es mit der Studie auf sich und welche Empfehlungen gibt sie? Die SZ hat sich näher damit befasst.

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Was ist das für eine Studie, wer ist daran beteiligt?

Von Oktober 2018 bis Dezember 2020 widmeten sich im Projekt „Revival! – Revitalisierung der historischen Städte in Niederschlesien und Sachsen“ drei wissenschaftliche Einrichtungen und zehn Städte in Südwestpolen und Ostsachsen der Frage, wie Klein- und Mittelstädte im ländlichen Raum ihr baukulturelles Erbe besser nutzen und so die Attraktivität ihrer Innenstädte steigern können.

Die wissenschaftlichen Partner waren das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR, Projektleitung), das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau der Technischen Universität Dresden und das Institut für Territoriale Entwicklung (IRT) der Woiwodschaft Niederschlesien in Polen. Als Praxispartner waren die Städte Görlitz, Reichenbach, Bautzen, Zittau, Bolesławiec, Gryfów Śląski, Kamienna Góra, Lubawka, Lubomierz und Żary beteiligt. Das Projekt kostete eine Million Euro, davon kamen 85 Prozent von der EU. Den Rest haben die Projektpartner aufgebracht.

Was bewertet die Studie in Görlitz als positiv?

Die Altstadt steht im Mittelpunkt der Betrachtungen. Sie kommt allgemein ganz gut weg, vor allem für ihre Bausubstanz. „Der ästhetisch-kulturelle Wert zusammenhängender historischer Straßenzüge sowie freistehender Altbauten befördert die Identifikation der Bevölkerung mit der Stadt“, heißt es in dem Papier. Zudem sei die Altstadt ein Anziehungspunkt für Feste und Veranstaltungen, auf denen Einheimische und Besucher zusammenkommen. Insbesondere Neuankömmlinge würden eine Vorliebe für das Wohnen und Leben in der Altstadt zeigen. Kulturelle Einrichtungen seien hier ebenso konzentriert wie ein vielfältiges gastronomisches Angebot. In einem Stadtplan sind positiv belegte Orte grün markiert: Das Neißeufer und sehr viele Altstadtstraßen, -plätze und -parks.

Und an welchen Stellen sieht die Studie Probleme?

„Das Angebot an sozialen Einrichtungen, Arbeitsplätzen und qualitativ hochwertigen öffentlichen Aufenthalts-Räumen in der Altstadt erscheint ausbaufähig“, schreiben die Autoren. Diese Funktionen seien ebenso wie Einzelhandel und Gewerbe in der gründerzeitlichen Innenstadt konzentriert. Das Gleiche gelte für Grünflächen.

Probleme seien die geringe Kaufkraft eines Teiles der Lokalbevölkerung, die durch das Kopfsteinpflaster eingeschränkte Erreichbarkeit von Anlaufpunkten in der Altstadt und teilweise ein Mangel an Möglichkeiten, moderne, mitunter gewandelte Raumnutzungskonzepte in historische Altstadthäuser einzubringen. In dem Stadtplan sind negativ belegte Orte rot markiert: Neubauten, etwa die DDR-Bauten im Hainwald und das Besucherzentrum am Heiligen Grab, unsanierte, heruntergekommene Altbauten wie das Kondensatorenwerk an der Neiße und die Verkehrssituation, beispielsweise auf dem Obermarkt.

Welche Strategieempfehlungen finden sich in dem Papier?

Hier stehen drei Punkte im Fokus. Erstens: Die Autoren raten zu Schutz, Erhalt, aber auch Entwicklung des baukulturellen Erbes. Eine teilweise Lockerung des Denkmalschutzes zugunsten von flexiblen Anpassungsmöglichkeiten an moderne Nutzungsanforderungen sei zu überdenken. Auch die Begrünung von Straßenzügen, Freiflächen und Gebäuden fällt in diese Kategorie: „Ein neues, ökologisches Flair würde eine attraktive Ergänzung zum historischen Ambiente darstellen.“

Zweitens: Von Vorteil wäre ein überarbeitetes Gesamtverkehrskonzept, das die begonnene Verkehrsberuhigung weiter forciert und das, wo immer möglich, auf Parkplätze verzichtet – zugunsten von Fußgängern, Fahrradfahrern, Grün- und Begegnungsflächen. Das sollte einhergehen mit einem ausgebauten ÖPNV-Angebot sowie erheblichen Verbesserungen der Fahrradinfrastruktur. Und drittens ist von einem „Mentalitätswandel in der lokalen Stadtgesellschaft“ die Rede. Hier geht es um eine positivere Selbstwahrnehmung, die unter anderem durch den weiteren Ausbau der Bürgerbeteiligung und eine gelebte Internationalisierung erreicht werden könnte. Gemeint ist vor allem der Fokus auf Polen.

Wer sollte jetzt aktiv werden, um all das umzusetzen?

Die Empfehlungen sollen in erster Linie eine Innenwirkung erzielen. Das heißt, die Stadtgesellschaft als zentraler Adressat soll ermutigt werden, aktiv an der Entwicklung ihrer Stadt teilzunehmen und sich einzubringen. Damit verbunden gibt es zwei weitere wichtige Adressaten: Stadtpolitik und -verwaltung.

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