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Marius Winzeler verlässt Prager Nationalgalerie

Seit 2016 arbeitete der Görlitzer Kunsthistoriker mit Gemälden von Rubens, Rembrandt, Cranach. Doch die politischen Verhältnisse bereiteten dem jetzt ein Ende.

Marius Winzeler hat fünf Jahre lang die Abteilung Alte Meister der Prager Nationalgalerie geleitet.
Marius Winzeler hat fünf Jahre lang die Abteilung Alte Meister der Prager Nationalgalerie geleitet. © privat

Eine Zeitlang in Prag zu leben, zwischen Alten Meistern wie Rubens, Rembrandt, Cranach und Dürer und vielen Werken böhmischer Künstler zu arbeiten – aus der Ferne klingt das fantastisch, wie ein Traum, den sich Marius Winzeler erfüllen konnte, als er Ende 2015 zur Prager Nationalgalerie abgeworben wurde.

Der in Görlitz und Prag lebende Kunsthistoriker war damals nach sieben Jahren in den Görlitzer Sammlungen seit 2008 Direktor der Städtischen Museen Zittau gewesen und verließ sie, um in Prag die Abteilung Alte Meister der bedeutendsten Kunstsammlung Tschechiens zu leiten.

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Nun hat er diese Aufgabe aufgegeben: nach gut fünf Jahren, in denen er erfolgreiche Ausstellungen wie "Böhmen – Sachsen. So nah, so fern" oder "Schöne Madonnen aus Salzburg" organisierte und vor allem die Meisterwerke aus der Nationalgalerie im Schwarzenberg-Palais auf der Prager Burg neu ins Licht setzte.

Werke wie Rembrandts "Gelehrter in seinem Studierzimmer" aus dem Jahr 1634 hängen in der Prager Nationalgalerie. Dazu gibt es einen Podcast von Marius Winzeler auf der Homepage von Radio Prag.
Werke wie Rembrandts "Gelehrter in seinem Studierzimmer" aus dem Jahr 1634 hängen in der Prager Nationalgalerie. Dazu gibt es einen Podcast von Marius Winzeler auf der Homepage von Radio Prag. © Montage: Nationalgalerie Prag

In dieser neuen Dauerausstellung treten die Gemälde und Skulpturen böhmischer Künstler der Renaissance und des Barock in den Dialog mit der Kunst aus ganz Europa. Immer wieder ging es Marius Winzeler darum, in Ausstellungen und Publikationen europäische Verbindungslinien aufzuzeigen und zu erzählen, wie fruchtbar der spannungsvolle Austausch über die Jahrhunderte war.

Weggang hat gute Gründe

Winzelers Entscheidung, das Prager Kunstmuseum zu verlassen, hat einigen Vorlauf. Wer den gebürtigen Schweizer damals nach Prag holte, war der tschechisch-deutsche Kunsthistoriker Jiří Fajt, der die Nationalgalerie als Generaldirektor mit viel Elan und Weitblick leitete. Er galt als Modernisierer, unter dem die Galerie mit ihren Schätzen nach jahrelanger Isolierung auf der ganzen Welt Anschluss finden konnte.

Er kannte Marius Winzeler seit den 1990er Jahren und vor allem von der Zusammenarbeit bei einer sehr erfolgreichen Ausstellung über Karl IV., die in New York und dann 2006 auf der Prager Burg über 200.000 Besucher anzog. Er holte ihn aus Zittau, weil er in ihm für die internationale Anbindung der Nationalgalerie einen idealen Partner sah.

2019 allerdings wurde Jiří Fajt vom damaligen Kulturminister wegen "Vertrauensverlusts" und angeblicher Misswirtschaft entlassen. Diese Vorwürfe wurden entkräftet, als der Minister nach kurzer Amtszeit bald zurücktrat, und man entschuldigte sich bei Fajt. Doch die Arbeit der Nationalgalerie und das interne Klima waren gestört, das Profil des Museums verlor ohne seinen inspirierenden Direktor an Klarheit.

Weiter pendeln nach Prag

Inzwischen gab es einige Wechsel in der Führung der Nationalgalerie, weitere Einmischungen der Politik und Sparmaßnahmen an Stellen, die für die Zukunft der Galerie wichtig gewesen wären. Auch von Inkompetenz und einem einschüchternden, repressiven Klima ist in tschechischen Medien die Rede. Dazu kam Corona, der Lockdown und alles, was dazugehört.

Den Blick auf die Goldene Stadt will sich Marius Winzeler nicht nehmen lassen, er bleibt weiter in Prag.
Den Blick auf die Goldene Stadt will sich Marius Winzeler nicht nehmen lassen, er bleibt weiter in Prag. © Ines Eifler

Seit wenigen Wochen gibt es zwar mit der Polin Alicja Knast eine neue Generaldirektorin, die den Weg zu einer international eingebundenen Prager Nationalgalerie wieder einschlagen könnte, aber für Marius Winzeler stand sein Entschluss fest. "Unter Bedingungen wie in den vergangenen zwei Jahren zu arbeiten entspricht mir nicht", sagt er. Ende Februar verließ er die Nationalgalerie – einerseits schweren Herzens, weil er sich der böhmischen Kunst, Kultur und Geschichte sehr verbunden fühlt. Andererseits war es ihm wichtig, Abstand von tschechischen Institutionen zu gewinnen.

In Prag will er aber bleiben und wie bisher zwischen der tschechischen Hauptstadt und Görlitz pendeln, wo er mit seinem Lebenspartner ein Renaissancehaus saniert hat. "Ich habe genug Projekte, an denen ich arbeiten möchte", sagt Marius Winzeler, "und freue mich auf neue Herausforderungen."

Podcast auf Radio Prag

Zu seinen Vorhaben gehören mehrere Ausstellungs- und Buchprojekte mit verschiedenen Partnern in Deutschland und Tschechien. Darunter ist ein Begleitband zu einer Ausstellung über Mitteleuropa im Dreißigjährigen Krieg, die im Mai in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden eröffnet wird. "Dazu plante ich für Prag eine große Schau über Beutekunst, für die wir eng mit Schweden, aber auch Italien, Polen und anderen Ländern kooperierten."

Was daraus wird, ist nun offen. Außerdem arbeitet er mit Agnieszka Gąsior, der zukünftigen Direktorin des Schlesischen Museums zu Görlitz, die am 1. Mai Markus Bauer nachfolgen wird und die Winzeler schon lange kennt, an einem Handbuch zur Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa.

Bei Radio Prag, das teilweise auf Deutsch sendet, hat Marius Winzeler schon vor einiger Zeit begonnen, Werke Alter Meister der Prager Nationalgalerie in einem Podcast vorzustellen. "Das ist eine Idee, die mit Beginn der Corona-Zeit entstand", sagt er, "als Führungen nicht mehr möglich waren." Inzwischen sind 15 Teile veröffentlicht, zehn weitere bereitet er vor, die in diesem Jahr erscheinen werden. Der Podcast ist nur auf Tschechisch zu hören, weitere Beiträge über Kunst in Prag findet man aber auf Deutsch.

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Und auch zu Jiří Fajt, seinem früheren Chef in der Nationalgalerie, hat Marius Winzeler Kontakt. Spruchreif sei zwar noch nichts, sagte er, "aber wir haben einige Ideen für gemeinsame Vorhaben."

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