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Markus Bauers letzter Tag im Museum

Der Gründungsdirektor des Schlesischen Museums geht nach 22 Jahren in den Ruhestand. Er will wieder mehr Historiker sein und Görlitzer Geschichte erforschen.

Markus Bauer war der erste Direktor des Schlesischen Museums. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand.
Markus Bauer war der erste Direktor des Schlesischen Museums. Nun geht der 65-Jährige in den Ruhestand. © Martin Schneider

Lange konnte sich Markus Bauer gar nicht vorstellen, wie es sein würde: Er ohne Museum, das Schlesische Museum ohne ihn. Ein Drittel seines Lebens war er hier Museumsdirektor, er hat das Museum zusammen mit einem kleinen Team an Mitarbeitern aufgebaut und zu einer in Polen und Deutschland angesehenen Einrichtung gemacht, die jährlich 30.000 Besucher anzieht.

"Aber ich weiß den Termin ja seit Langem und hatte genug Zeit, mich darauf einzustellen", sagt der 65-Jährige und lässt um seine Augen wie meistens ein verschmitztes Lächeln spielen. Dann sagt er ernster, er müsse zugeben: Der Rückblick ins vergangene Jahr mache ihm den Abschied leichter. Die Monate zwischen Schließung und Öffnung unter Pandemiebedingungen, ohne einen sicheren Plan für Veranstaltungen und Ausstellungen – das sei nichts für ihn. "In der letzten Zeit machte mir meine Arbeit überhaupt keinen Spaß mehr."

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Museum ohne Sammlung

Auch wenn diese Zeit des Frustes nur einen kleinen Anteil seiner 22 Jahre in Görlitz ausmacht – dieses Gefühl hatte Markus Bauer auch, als er am 3. Januar 1999 seine Stelle antrat, um das Museum aufzubauen. "Als Erstes wollte ich natürlich 'meine Schätze' sehen", erinnert er sich, "wollte wissen, woraus wir für künftige Ausstellungen schöpfen können."

Wie schön der Schönhof werden würde, ahnte Markus Bauer an seinem ersten Tag als Museumsdirektor noch nicht. Das Gebäude war noch Ruine, erst 2006 öffnete er als Museum.
Wie schön der Schönhof werden würde, ahnte Markus Bauer an seinem ersten Tag als Museumsdirektor noch nicht. Das Gebäude war noch Ruine, erst 2006 öffnete er als Museum. © Pawel Sosnowski/Archiv

Was er jedoch in einem kleinen kellerartigen Raum auf der Struvestraße vorfand, waren drei Gläser, ein paar historische Gefäße, ein Gemälde. "Mehr gab es nicht." Außer einem groben Konzept für das Museum gab es auch kein Stück Papier, keine Unterlagen. "Ich hatte nichts, um anfangen zu können, und dachte: Soll ich gleich wieder kündigen?"

Was aber feststand: 2001 sollte das Museum eröffnet werden. Doch damit war überhaupt nicht zu rechnen. 1996 hatten die Bundesrepublik Deutschland, der Freistaat Sachsen, die Stadt Görlitz und die Landsmannschaft Schlesien die Stiftung Schlesisches Museum gegründet, es hatte einige Vorarbeiten gegeben, doch der Schönhof war noch immer eine Ruine.

Wo war Schlesien im Geschichtsunterricht?

Markus Bauer entschied sich dennoch zu bleiben. Er hatte eine innere Beziehung zu Schlesien, zwar keine persönliche, doch schon früh war dem gebürtigen Frankfurter (Main) aufgefallen, dass die früheren deutschen "Ostgebiete" im Geschichtsunterricht, im Geschichtsstudium kaum vorkamen. "Das Zunftwesen etwa wurde an Beispielen aus Nürnberg oder Augsburg erklärt, warum nicht aus Breslau?" Das weckte sein Interesse. Allerdings sah er sich immer in Distanz zur Mehrheit der konservativen Historiker, die die Geschichte Schlesiens von einem traditionellen, deutsch-nationalen Standpunkt betrachteten.

Markus Bauer hatte am Sächsischen Landesamt für Archäologie gearbeitet und sich dort mit den Dörfern der Oberlausitz beschäftigt, die der Braunkohle zum Opfer gefallen waren, bereits das hatte mit Schlesien zu tun. 1998 erarbeitete er zusammen mit dem Kunsthistoriker Marius Winzeler die 1. Sächsische Landesausstellung im Kloster Marienstern und bewarb sich von dort aus auf die Stelle des Museumsdirektors in Görlitz, als einer von vielen.

Die Sammlung des Museums wuchs

Einmal angekommen, blieb Markus Bauer. Er war 43, brachte seine Frau mit nach Görlitz, sie erwarben ein Haus in der Nikolaivorstadt, bald kam ihre Tochter zur Welt. Und der Frust der ersten Tage verflüchtigte sich. Die Stiftung stellte genug Geld zur Verfügung, mit dem das Museum seine Sammlung aufbauen, Exponate ankaufen konnte. "Wir bekamen auch viele Leihgaben", sagt Bauer. "Bis heute ist der Anteil der Dauerleihgaben hoch, vor allem unter den wertvollen Objekten."

Ebenso wuchs sein Team. Mit den beiden Kunsthistorikern Martin Kügler und Johanna Brade hatte Markus Bauer fast von Beginn an zwei wissenschaftliche Mitarbeiter an seiner Seite, die sich nun seit über 20 Jahren wie er für den Erfolg des Museums engagieren, Martina Pietsch und der Museologe Norbert Faust kamen etwas später hinzu. Auch weitere Mitarbeiter sind schon sehr lange dabei.

Zuletzt waren Werke der Breslauer Akademie 2018 in der Sonderausstellung "Avantgarde in Breslau" zu sehen. Die Kunsthistorikerin Johanna Brade, seit 1999 am Schlesischen Museum, ist dafür Spezialistin.
Zuletzt waren Werke der Breslauer Akademie 2018 in der Sonderausstellung "Avantgarde in Breslau" zu sehen. Die Kunsthistorikerin Johanna Brade, seit 1999 am Schlesischen Museum, ist dafür Spezialistin. © Nikolai Schmidt/Archiv
Martina Pietsch, seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schlesischen Museum, gab 2011 einen Tagungsband begleitend zur Ausstellung "Lebenswege ins Ungewisse" heraus. Darin ging es um Gehen und Ankommen in Görlitz-Zgorzelec.
Martina Pietsch, seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schlesischen Museum, gab 2011 einen Tagungsband begleitend zur Ausstellung "Lebenswege ins Ungewisse" heraus. Darin ging es um Gehen und Ankommen in Görlitz-Zgorzelec. © Matthias Weber/Archiv
Der Kunsthistoriker Martin Kügler hat gemeinsam mit Markus Bauer Anfang 1999 im Schlesischen Museum begonnen. Er kennt sich mit Glas, Porzellan und anderem Kunstgewerbe aus.
Der Kunsthistoriker Martin Kügler hat gemeinsam mit Markus Bauer Anfang 1999 im Schlesischen Museum begonnen. Er kennt sich mit Glas, Porzellan und anderem Kunstgewerbe aus. © Nikolai Schmidt/Archiv
Zum Team des Schlesischen Museums gehört auch seit vielen Jahren der Museologe Norbert Faust.
Zum Team des Schlesischen Museums gehört auch seit vielen Jahren der Museologe Norbert Faust. © Nikolai Schmidt/Archiv

2001 wurden im Haus zum Goldenen Baum am Untermarkt 4, dem heutigen Verwaltungsgebäude des Museums, die ersten Ausstellungsräume eröffnet. Aus allem, was das Museum bis dahin zusammengetragen hatte, entstand die erste Ausstellung "Auf der Suche nach Schlesien". Bis auch die Verwaltung da einziehen konnte, hatte Markus Bauer sein Büro mal auf dem Untermarkt 20, wo heute Casus seinen Sitz hat, mal auf der Otto-Müller-Straße.

Im Jahr 2002 kaufte das Museum die Sammlung von Peter Reisse mit über 2.000 Kunstwerken von 65 Malern, Grafikern, Bildhauern und Architekten der Breslauer Akademie und tätigte damit seine bis heute wichtigste und für seinen Erfolg entscheidende Erwerbung.

Außerdem bauten Bauer und seine Kollegen systematisch Kooperationen mit weiteren renommierten Sammlern auf. So konnte das Museum innerhalb weniger Jahre zu günstigen Preisen hochwertige Bestände an Keramik, Münzen, Medaillen und barockem Glas kaufen oder eine bedeutende Porzellansammlung sowie eine große Zahl an Ansichten und Veduten aus Schlesien dauerhaft leihen.

Wechselhafte Beziehungen nach Polen

Als anfänglich schwierig gestaltete sich die Verbindung nach Polen. Bis zur Eröffnung des Schlesischen Museums im Schönhof 2006 seien die Beziehungen nach Polen "eher spärlich" gewesen, sagt Markus Bauer. Die große Dauerausstellung führte nun auf 2.000 Quadratmetern durch die Geschichte und Kultur der vielfältigen Landschaft Schlesien seit dem Mittelalter. "Dass zur Eröffnung aus Polen kein offizieller Vertreter kam, lediglich die Kollegen aus den Museen und einige kirchliche Würdenträger, war eine Enttäuschung."

Bis dahin hatte es Vorbehalte und Befürchtungen gegeben, ob ein Museum für Schlesien in Deutschland mit einem politischen, kulturell begründeten Anspruch auf dieses Land verbunden sein könnte. "Dass wir im Museum die Geschichte Schlesiens ganz anders erzählen, aus einer europäischen Perspektive, das mussten wir wohl erst unter Beweis stellen", sagt Markus Bauer. So schwand das Misstrauen mit der Zeit und es gelang eine immer intensivere Zusammenarbeit mit polnischen Institutionen, Museen und Kommunen.

Schlesiens Geschichte vom Mittelalter bis 1945, bald auch bis 1989, präsentiert das Schlesische Museum. Dass hier keine Politik betrieben wird, sondern Schlesien als Region kulturellen Austausches und Miteinanders gezeigt wird, sorgte für Anerkennung des
Schlesiens Geschichte vom Mittelalter bis 1945, bald auch bis 1989, präsentiert das Schlesische Museum. Dass hier keine Politik betrieben wird, sondern Schlesien als Region kulturellen Austausches und Miteinanders gezeigt wird, sorgte für Anerkennung des © Wolfgang Wittchen

Von der Begeisterung, von der deutsch-polnische Vorhaben nach der EU-Osterweiterung getragen waren, sei heute allerdings nicht mehr viel zu spüren. Die politische Entwicklung in Polen betreffe zwar die Arbeit des Museums nicht unmittelbar, sagt Markus Bauer, habe aber das Klima der Zusammenarbeit verändert. "Ich denke, es ist nun folgerichtig und auch an der Zeit, dass mir mit Agnieszka Gasior eine Polin als Direktorin nachfolgt."

Görlitz treu geblieben

Wenn Markus Bauer am 1. Mai in den Ruhestand geht, bleibt er Görlitz weiter treu. Die Entscheidung für diese Stadt fiel schon vor langer Zeit. Nachdem der Schönhof eröffnet und der wichtigste Schritt geschafft war, zu dem er angetreten war, hatte er zwar überlegt, ob er mit 50 noch einmal eine neue Herausforderung suchen solle. Doch dann starb seine Frau, seine Tochter war gerade sieben Jahre alt. Für den alleinerziehenden Vater war damals klar, mehr Einschnitte konnte die kleine Familie nicht verkraften.

Inzwischen ist Markus Bauer wieder verheiratet, seine Tochter studiert in Erfurt, und er will sich wieder seiner Lieblingstätigkeit zuwenden. "Ich bin ein leidenschaftlicher Historiker, hatte aber in den vergangenen Jahren keine Zeit zu forschen." Besonders die immer noch wenig bekannte jüdische Seite der Stadt Görlitz beschäftigt ihn.

Bereits 2014 gab Markus Bauer zusammen mit Ratsarchivar Siegfried Hoche das Buch "Die Juden von Görlitz" mit Beiträgen zur Jüdischen Geschichte der Stadt Görlitz heraus. In seinem Ruhestand will er weiter zur jüdischen Görlitzer Geschichte forschen.
Bereits 2014 gab Markus Bauer zusammen mit Ratsarchivar Siegfried Hoche das Buch "Die Juden von Görlitz" mit Beiträgen zur Jüdischen Geschichte der Stadt Görlitz heraus. In seinem Ruhestand will er weiter zur jüdischen Görlitzer Geschichte forschen. © Pawel Sosnowski/Archiv

Die Geschichte einer Jüdin, die mit den Pogromen im 14. Jahrhundert aus Görlitz vertrieben wurde und dann von Löwenberg aus so lange auf Entschädigung klagte, dass die Stadt Görlitz nachgab, hat er bereits aufgeschrieben. Sobald wieder möglich, soll sie in einer Jugendtheateraufführung auf die Bühne kommen.

Am heutigen Freitag hat Markus Bauer seinen letzten Tag im Schlesischen Museum und gibt, was er seit 1999 mit seinen Mitarbeitern aufgebaut hat, an die 50-jährige Kunsthistorikerin Agnieszka Gasior weiter. "Ich wünsche mir für das Museum", sagt er, "dass es sich noch weiter nach Polen öffnet, ohne den Rückhalt in Deutschland zu verlieren."

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