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Hier sind Mopeds heißbegehrt

Im Görlitzer Umland bewerten viele Teilnehmer des Familienkompasses die Bus-Anbindung als schlecht. Fahren deshalb hier so viele Jugendliche Moped?

Toni Hoferichter (15) aus Schöpstal hat Glück: Simson gefunden. Gerade im Görlitzer Umland sind Mopeds gerade sehr beliebt.
Toni Hoferichter (15) aus Schöpstal hat Glück: Simson gefunden. Gerade im Görlitzer Umland sind Mopeds gerade sehr beliebt. © André Schulze

Wenn Susanne und Thomas Hoferichter 80 sind, wollen sie selbst auf dem Moped durchs Dorf knattern. Auf zwei Simsons nebeneinanderher durch Ebersbach. Aber bisher gibt es nur eine Simson. Und die gehört jetzt erst mal ihrem Sohn Toni. Der 15-Jährige braucht sie dringender. 

Viel mit dem Fahrrad unterwegs

"Man hat mehr Freiheiten", sagt er. Freunde treffen, zum Fußballtraining beim TSV Kunnersdorf fahren, im Sommer ins Bad nach Niesky oder an den See nach Biehain. Dieses Jahr stand der Berzdorfer See hoch im Kurs. Oft fährt er mit dem Fahrrad, wenn das Wetter es zulässt. Manche Strecke ist dafür aber auf Dauer und vor allem im Winter zu weit. 

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Toni Hoferichter lernt an der Oberschule Kodersdorf. Dorthin fährt er mit dem Bus. Der Donnerstag ist dieses Schuljahr so ein Fall: Bis zur achten Stunde ist Unterricht. Wenn es mal ein bisschen länger dauert, heißt es: Knapp eine Stunde warten, bis der nächste Bus zurück nach Ebersbach fährt. Dann ist er auf die Eltern angewiesen oder seine Großmutter. "Wir sind so froh, dass sie oft einspringt", sagt Susanne Hoferichter. 

Beim ÖPNV sehen viele Rot

Sie und ihr Mann sind beide berufstätig, haben zwei Söhne. Auch beim jüngeren komme es immer wieder vor, dass sie oder die Oma gefragt sind, weil Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht gut zu machen sind. Das scheinen auch andere im Görlitzer Umland so zu sehen, zeigt der Familienkompass. In der Umfrage haben über 70 Prozent der Teilnehmer aus Königshain, Schöpstal, Markersdorf, Vierkirchen und Waldhufen die Anbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln als eher schlecht oder schlecht bewertet. Lediglich vier Prozent finden sie gut oder sehr gut. 

Insgesamt schneidet das Görlitzer Umland beim Familienkompass nicht schlecht ab, vor allem beim Wohnen: Über 90 Prozent der Teilnehmer sagen, sie fühlen sich hier wohl, die Nachbarschaft wird als sehr gut wahrgenommen, auch bei den Wohnkosten sind die Menschen im Umland zufrieden. 

Weniger angespannt als etwa in den Görlitzer Stadtteilen fallen auch die Ergebnisse zum Thema Arbeit aus. Zwar sagen reichlich ein Drittel der Teilnehmer im Umland, dass ihre Arbeit nicht angemessen vergütet sei und es nicht leicht ist, überhaupt Arbeit zu finden. Und über 40 Prozent sehen keine guten Zukunftsaussichten für ihre Kinder. Damit liegt das Görlitzer Umland noch nah am sächsischen Schnitt, in vielen Görlitzer Stadtteilen fallen diese Zahlen deutlich schärfer aus. 

Sehr unzufrieden sind die Menschen im Umland dagegen mit der Arzt-Situation. Die Hälfte der Teilnehmer findet nicht, dass es genügend Kinderärzte gibt, 60 Prozent wünschen sich mehr Hausärzte, über 70 Prozent mehr Fachärzte. 

"Mopedfahren boomt"

Das Thema Verkehr schneidet an sich nicht schlecht ab, zum Beispiel beim Blick auf Verkehrslärm und Verkehrsbelastung. Viel Rot ist aber bei der Frage nach den ÖPNV-Anbindungen, übrigens auch bei der Frage nach Freizeitangeboten. Ob es daran liegt, dass im Umland zahlreiche Jugendliche an Mopeds schrauben? Toni Hoferichter jedenfalls hat mehrere Freunde und Mitschüler, die mit Moped unterwegs sind, auch vor den Schulen sieht man immer häufiger welche parken. 

Freundliche Nachbarn erschwingliche Wohnkosten, das sind die Vorteil im Görlitzer Umland. Unzufrieden sind viele dagegen mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln. 
Freundliche Nachbarn erschwingliche Wohnkosten, das sind die Vorteil im Görlitzer Umland. Unzufrieden sind viele dagegen mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln.  © SZ Grafik
Das Thema Arbeitssuche und Job sehen die Menschen im Umland nicht ganz so düster wie in manchen Görlitzer Stadtteilen. 
Das Thema Arbeitssuche und Job sehen die Menschen im Umland nicht ganz so düster wie in manchen Görlitzer Stadtteilen.  © SZ Grafik
Bei der Familienpolitik schneidet das Görlitzer Umland nicht gut ab. Vor allem wünschen sich die Anwohner mehr Freizeitmöglichkeiten und bessere Busverbindungen. 
Bei der Familienpolitik schneidet das Görlitzer Umland nicht gut ab. Vor allem wünschen sich die Anwohner mehr Freizeitmöglichkeiten und bessere Busverbindungen.  © SZ Grafik
Beim Thema Ärzte sehen im Görlitzer Umland viele Rot. So wünschen sich 60 Prozent der Teilnehmer mehr Hausärzte, über 70 Prozent mehr Fachärzte. 
Beim Thema Ärzte sehen im Görlitzer Umland viele Rot. So wünschen sich 60 Prozent der Teilnehmer mehr Hausärzte, über 70 Prozent mehr Fachärzte.  © SZ Grafik
Bei der Zufriedenheit mit den Kitas liegt das Görlitzer Umland im Sachsenschnitt. Ausreißer nach unten finden sich aber bei der Frage, ob die Meinung der Eltern zählt und sie sich gut informiert fühlen. 
Bei der Zufriedenheit mit den Kitas liegt das Görlitzer Umland im Sachsenschnitt. Ausreißer nach unten finden sich aber bei der Frage, ob die Meinung der Eltern zählt und sie sich gut informiert fühlen.  © SZ Grafik
Beim Thema Schule liegt bei den Menschen im Görlitzer Umland alles im grünen Bereich. besonders zufrieden sind die Eltern zum Beispiel mit den kleinen Klassen. 
Beim Thema Schule liegt bei den Menschen im Görlitzer Umland alles im grünen Bereich. besonders zufrieden sind die Eltern zum Beispiel mit den kleinen Klassen.  © SZ Grafik
Wie es sich im Görlitzer Umland wohnt? Spielplätze könnten sauberer sein, ansonsten: Sehr gut, finden die Königshainer, Markersdorfer, Schöpstaler, Vierkirchener und Waldhufener. 
Wie es sich im Görlitzer Umland wohnt? Spielplätze könnten sauberer sein, ansonsten: Sehr gut, finden die Königshainer, Markersdorfer, Schöpstaler, Vierkirchener und Waldhufener.  © SZ Grafik

"Mopedfahren boomt", bestätigt Norbert Neudeck von der Fahrschule Büchner in Görlitz. Gerade die Möglichkeit, den Führerschein schon mit 15 machen zu können, werde sehr gut angenommen. Teils tatsächlich, weil es mit anderen Möglichkeiten wie dem ÖPNV nicht so gut aussieht. "Schöpstal, das geht noch", sagt er. Stärker aufgefallen ist ihm die Problematik zum Beispiel bei Fahrschülern aus Königshain, Arnsdorf oder der Region Kaltwasser, Groß Krauscha und Biehain. "Das betrifft auch nicht nur Schüler", sagt er. Auch viele Azubis machen den Moped-Führerschein: "Bei manchen Betrieben geht es um sechs oder sieben Uhr morgens los. Und da müssen die Azubis da sein."

"Es geht um das Freiheitsgefühl"

Ob die Jugendlichen aber vom Moped in den Bus umsteigen würden, wenn die Verbindungen besser wären - Enrico Lentföhr von der gleichnamigen Fahrschule ist sich da nicht so sicher. "Man war ja auch mal jung: Es geht, glaube ich, mehr um das Freiheitsgefühl", sagt er. Der größere Teil der Moped-Fahrschüler kommt auch bei ihm aus dem Umland, "aber es sind genauso Fahrschüler aus dem Stadtgebiet dabei", erzählt er. 

Wenn alles klappt, hat Toni Hoferichter Ende des Jahres seinen Führerschein. Bis dahin ist noch Zeit, die S51 fertig zu machen. Vor ein paar Jahren haben Hoferichters eine Simson verkauft, "den Fehler würde ich nie wieder machen", sagt Thomas Hoferichter. Denn jetzt wieder eine zu finden, sei schwer gewesen. "Wir haben über zig Ecken gesucht." 

Lange Simson-Suche

Das Moped - das war ursprünglich seine Idee. Für die sich allerdings auch der Sohn schnell erwärmen konnte. Simson ist Kult, sagt der Vater. Simson ist cool, sagt der Sohn. "Aber die Anbieter überschlagen sich mit den Preisen echt mittlerweile", gerade, wenn man eine fahrbereite Version sucht. Fündig wurden Hoferichters letztlich in Ödernitz. "Ich hatte von einem Bekannten erfahren, das ein älterer Herr seine Simson verkaufen will", erzählt Tomas Hoferichter, "ich bin sofort hin." 

In ein paar Jahren geht die Suche weiter: Simson für den kleinen Bruder. Und irgendwann, wenn die Kinder sie nicht mehr brauchen, werden die Eltern mit den beiden Mopeds durch Ebersbach fahren. "Ich freu mich schon drauf", sagt Susanne Hoferichter. 

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