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Schulleiter mit 64 Jahren

Schulleiter zu finden, ist in Sachsen ein Problem. An der Scultetus-Oberschule Görlitz übernimmt jetzt erst einmal Detlef Lieder. Er kennt die Schule seit Beginn.

Detlef Lieder ist seit 30 Jahren stellvertretender Schulleiter. Mit 64 steht er jetzt in der ersten Reihe. Wollte er eigentlich nie.
Detlef Lieder ist seit 30 Jahren stellvertretender Schulleiter. Mit 64 steht er jetzt in der ersten Reihe. Wollte er eigentlich nie. © André Schulze

Detlef Lieder hat keine Angst vor dem Ruhestand. "Wir haben ein großes Grundstück in den Königshainer Bergen", erzählt er. Außerdem hat er sich vorgenommen, Englisch zu lernen. "Wenn ich mal mit in Englisch-Prüfungen sitze, kann ich ganz gut verstehen, was ich höre." Aber zum Beispiel auf Reisen selbst Englisch zu sprechen, dafür brauche es noch Unterricht. Aber vorher hat Detlef Lieder noch eine ganz andere Aufgabe. Mit 64 Jahren ist er der neue Schulleiter der Scultetus-Oberschule in Görlitz-Königshufen.

Wie lange er die Schule leiten wird - wer weiß. Eigentlich möchte er in einem Jahr in Ruhestand gehen. Der bisherige Schulleiter Frank Dörfer ist dieses Jahr in Pension gegangen. Die Stelle ist nun ausgeschrieben. Aber Lehrer im ländlichen Raum zu finden ist nach wie vor schwer, Schulleiter erst recht.

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Schulleiter nach 40 Jahren

Die Scultetus-Oberschule gilt als eine der beliebtesten Schulen in Görlitz und Umland, Jedes Jahr bewerben sich mehr Fünftklässler für einen Platz als aufgenommen werden können. In Anfangszeiten aber war das anders, erzählt Detlef Lieder.

Er ist gebürtiger Görlitzer. Nach seinem Studium ging er 1981 an die damalige Polytechnische Oberschule Weinhübel, unterrichtete Geografie und Geschichte. Kurz nach der politischen Wende wechselte er nach Königshufen, wurde stellvertretender Schulleiter. "Als Lehrer hatte ich immer Glück." Andere Kollegen mussten nach 1990 umschulen, weil es teils ihre Fächer nicht mehr gab. Das betraf ihn mit Geo und Geschichte nicht.

Woran er am liebsten zurückdenkt? "Insgesamt die Entwicklung der Schule." 2005 wurde das Gebäude zur Ganztagsschule ausgebaut, 2017 folgte eine energetische Sanierung." Heute lernen hier rund 390 Schüler, darunter etwa 40 Kinder mit einer Behinderung. Auch bei der Digitalisierung gilt die Scultetus-Oberschule als gut ausgestattet.

Vorgänger hinterlässt große Fußstapfen

"Unser Motto lautet 'die bunte Schule'", sagt Detlef Lieder. "Es geht vor allem um das Pädagogisch-Inhaltliche. Und ich denke, wir haben es über die Jahre wirklich geschafft eine bunte Schule zu werden." Die technische Entwicklung, die inhaltliche, der Zusammenhalt im Kollegium, "das ist zu einem sehr großen Teil Frank Dörfer zu verdanken."

In dessen Büro sieht es noch genauso aus wie früher. Ja, es sei ein seltsames Gefühl, hier nun als Schulleiter zu sitzen. Drei Jahrzehnte haben sie zusammengearbeitet, drei Jahrzehnte war Lieder stellvertretender Schulleiter. Die größte Herausforderung in dieser Zeit? "Die Corona-Krise verlangt viel ab. Schon allein durch die vielen Veränderungen in den Regelungen. Das bedeutet zum Beispiel auch immer, Elternbriefe zu schreiben, Formulare einzuholen, das ist auch für die Eltern aufreibend." Wichtig sei der Zusammenhalt im Kollegium. "Ich kenne nicht den Impfstatus aller Kollegen. Aber ich weiß, wir haben niemanden, der zum Beispiel die Testungen verweigert."

Schwierigste Zeit: die 90er Jahre

Am schwierigsten aber habe er eine andere Zeit empfunden, die 90er Jahre. "Heute kommen unsere Schüler aus dem ganzen Stadtgebiet. Damals kamen sie größtenteils aus Königshufen", erzählt Lieder. "Sehr viele Königshufener haben damals in der Grube oder im Kraftwerk gearbeitet, und nach 1990 ihre Arbeit verloren. Damit war Königshufen schon ein sozialer Brennpunkt".

Auch ein politischer Brennpunkt. Immer wieder habe es Auseinandersetzungen zwischen rechtsradikal eingestellten Jugendlichen und Punks auf der anderen Seite gegeben. "Es war nicht so, dass Schlägereien oder Polizeieinsätze zur Tagesordnung gehörten. Ich bin nicht mit Angst in die Schule gegangen. Aber man musste manchmal sehr ernste Worte sprechen", erzählt Lieder. "Wir haben dann sehr klare Schulregeln aufgestellt." Zu denen gehörte zum Beispiel, dass an der Kleidung keine politischen Botschaften abzulesen sein dürfen, "das nimmt erst mal ein Stück Konfliktpotential raus", sagt Lieder.

Auch für andere Lehrer seien die 1990er eine schwierige Zeit gewesen. "Man muss sich das mal überlegen. Wir hatten damals über 600 Schüler, fast doppelt so viel wie heute. Die Schule war damals eigentlich überfüllt." Und dennoch begann die Zeit, in der Lehrer in Teilzeit geschickt wurden, "die meisten wollten das gar nicht." Wieder sei er Glückskind gewesen, wurde als stellvertretender Leiter noch verbeamtet. Die geringe Anerkennung für Lehrer damals ärgere ihn dennoch bis heute.

Lehrermangel weiter Baustelle

Nun steigen die Schülerzahlen wieder, in Görlitz lässt sich das seit etwa 2010 beobachten. Grund ist hier zum großen Teil der Zuzug ausländischer Familien, größtenteils aus Polen. In dieser Zeit fand ein Umlenken in der Schulpolitik Sachsens statt. Lehrer können wieder verbeamtet werden, junge Lehrkräfte, die in die ländlichen Gebiete gehen, erhalten Zuschläge.

30 Lehrer zählen heute zum Lehrerkollegium an der Scultetus-Oberschule, darunter auch seine Frau, die ebenfalls schon viele Jahre an der Schule lehrt. Dazu kommen abgeordnete Lehrer von anderen Schulen, Sozialarbeiter, Schulhelfer und Lernbegleiter für die inklusiv beschulten Kinder. Zu Detlef Lieders Aufgaben als stellvertretender Direktor gehörte es, jedes Jahr die Unterrichtspläne zu erstellen. Daher weiß er, dass Lehrermangel weiterhin eine Baustelle ist.

Auch aktuell. "Ein großes Thema ist derzeit, wie die Kinder Schulstoff aus dem vergangenen Jahr aufholen können." Der Freistaat habe dafür auch ausreichend Mittel gegeben. "Aber dafür brauchen wir zusätzliche Lehrkräfte", erklärt Lieder. Die zu finden, sei aber fast unmöglich.

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