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Oma Gisela tanzt nie mehr

Gisela Pfenniger liebte Techno, die Linke und junge Menschen. Als Kind wurde sie beim Bombenangriff auf Dresden verletzt. Seither wollte sie nur noch eines: Frieden.

Gisela Pfenniger im Kühlhaus. Damals rief sie bei der SZ an, ob sie da nicht zu weit gegangen ist: Mit Zigarette auf dem Bild?
Gisela Pfenniger im Kühlhaus. Damals rief sie bei der SZ an, ob sie da nicht zu weit gegangen ist: Mit Zigarette auf dem Bild? © Archiv: Thomas Kretschel

Erste Begegnung mit Oma Gisela: Herbst 2015 im Kühlhaus in Görlitz Weinhübel. Auf der Bühne spielt die Band A Forest. Davor steht und tanzt das Publikum. Studenten, eher jüngere Leute. Und: eine alte zierliche Dame, weißes Haar, Brille, Bluse. Mit Krückstock läuft sie über die Tanzfläche. Andere kennen sie: Oma Gisela. So durfte man sie tatsächlich nennen. Richtig hieß sie Gisela Pfenniger. Tanzen ging schon vor fünf Jahren nicht mehr so gut. Aber früher, da hat Oma Gisela getanzt, ob zu Elektromusik oder sonst was. 

Die Frau mit den vielen Leben

Oma Gisela wird nie mehr tanzen. Sie wird nie mehr im Görlitzer Irish-Pub, wo sie gerne ein Bier trank, Schokolade an die Gäste verteilen, nie mehr in der Weihnachtszeit Passanten goldene Walnüsse in die Hand drücken, nie mehr Adventskalender für das Büro der Görlitzer Linken basteln, nie mehr Gestricktes an junge Menschen im Kühlhaus oder im Basta verschenken. Irgendeine Kleinigkeit hatte sie immer dabei. Nun ist Gisela Pfenniger im Alter von 89 Jahren gestorben. Sie soll schon seit einiger Zeit gesundheitlich angeschlagen gewesen sein, nach einer Krebserkrankung. Im Januar wäre sie 90 Jahre alt geworden. 

Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden
Late Night Shopping Dresden

Zur langen Einkaufsnacht unter dem Motto "Late Night Shopping" lädt das City Management Dresden am Freitag, 2. Oktober, in die Dresdner Innenstadt ein. Vom Neumarkt an der Frauenkiche bis zur Prager Straße beteiligen sich zahlreiche Händler und die großen Einkaufsgalerien an der Aktion.

Zu ihrem 85. titelte die SZ: Die vielen Leben von Oma Gisela. Sie war gebürtige Dresdnerin, Mutter dreier Kinder, Frau des Bürgermeisters von Dobra, 50 Jahre verheiratet, Camping-Fan, Pionierleiterin. Als ihr Mann nicht mehr Bürgermeister war, ging die Familie in die Oberlausitz, wo sie im Kraftwerk Hagenwerder Arbeit fanden, sie  als Laborhelferin. 2001 starb ihr Mann. Gisela Pfenniger war Uroma, Partygängerin, Mitglied im Förderverein des Naturkundemuseums, Bier-Liebhaberin, FKK-Freund. 

Gisela Pfenniger im Januar 2013 vor einem Graffiti am Görlitzer Jugendclub Basta.
Gisela Pfenniger im Januar 2013 vor einem Graffiti am Görlitzer Jugendclub Basta. ©  Archiv/Nikolai Schmidt

Als das Haus über ihr einstürzte

Und dann gibt es die Gisela Pfenniger, die nicht mehr Auto fahren konnte, weil ihr Bein nicht mitspielte. Die Frau, die sich manchmal nicht in den Keller traute. Die das Geräusch von Hubschraubern fürchtete. "Dabei flogen damals gar keine Hubschrauber", hatte sie in einem SZ-Porträt gesagt. Und vom 13. Februar 1945 gesprochen. Sie lebte mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrem kleinen Bruder nahe dem Hauptbahnhof in Dresden. Das Haus auf der Kaitzer Straße wurde getroffen. Die Bewohner versuchten durch ein Kellerfenster rauszukommen. Als Gisela, 14 Jahre alt, und der Vater versuchten, den Kinderwagen durchs Fenster zu bekommen – er zog außen, sie schob innen – brach das Haus zusammen. Der weitere Weg durchs brennende Dresden: Schmerznebel.

Nach dem Porträt damals ging bei der SZ eine Mail ein. In Rage geschrieben, scheint es. Ein naher Verwandter ist mit dem gezeichneten, positiven Bild nicht einverstanden. Es geht in erster Linie um Gisela Pfennigers Beziehung zu ihrem Mann, die sie verkläre, um Systemtreue zu DDR-Zeiten. Sie lebe in ihrer eigenen Welt. 

Mahnerin für Frieden: Oma Giselas Görlitzer Welt

Was Gisela Pfenniger sagte: Der Krieg habe ihr Leben immer beeinflusst, sie hasste ihn. Und so kannte man sie in der Görlitzer Welt: Gern und oft schnappte sie sich das Mikro, nicht nur bei Konzerten auch bei politischen oder sonstigen Veranstaltungen. Dann dankte sie den Veranstaltern, lobte die jungen Menschen, die etwas auf die Beine stellten oder sagte etwas zum Thema, um das es gerade ging. Und immer appellierte sie, zusammenzuhalten, Frieden zu wahren. 

Ihre mahnende Stimme wird Mirko Schultze von der Linken in Görlitz am meisten fehlen. "Manchmal konnte sie einem damit fast auf den Senkel gehen", sagt er. "Egal, wer auf der Bühne stand, egal wie wichtig - sie ging nach vorne und brachte ihren Friedensappell." Ganz nach dem Motto: Ich bin alt, ich darf das. Genau das ist es aber, was Schultze am meisten vermisst. Dass es sich jemand nicht nehmen lässt, nachdrücklich für Frieden zu mahnen. Er vermisst das schon eine Weile. In den vergangenen zwei Jahren etwa lebte Gisela Pfenniger in Helmsdorf bei Stolpen bei ihrer Tochter.

"Sie hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie zwei Leben hatte", sagt Mirko Schultze. Das als Oma und Uroma in ihrer tatsächlichen Familie in und um Dresden, von dem ihre Enkel zur Trauerfeier am Freitag in Helmsdorf erzählten. Und das als Oma Gisela  in Görlitz. Zu der wurde sie in Hagenwerder. Nach Biehain, wo sie immer mit ihrem Mann zelten war, wollte sie nach dessen Tod nicht mehr: "Es hängen zu viele Erinnerungen dran", hatte sie erzählt. Stattdessen ging sie am Freibad Hagenwerder campen. Als dort zum ersten Mal das Festival House of Summer, später das Moxxom, stattfand, hätten andere in ihrem Alter womöglich das Weite gesucht. Oma Gisela tanzte mit. Eine Frau, die junge Menschen liebte, den Krieg hasste, vielleicht eine linke Traumtänzerin, jedenfalls eineTänzerin. Die nie mehr tanzen wird. 

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